Letztes Update am Do, 30.05.2019 09:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Fitnesstrainer Gritsch: „Djokovics Karriere stand auf der Kippe“

Der Silzer Gebhard Gritsch betreut mit Novak Djokovic die Nummer eins der Tenniswelt. Bei den French Open in Paris sprach er mit der TT über Titelchancen und Thiems Fehler.

Nach einem Jahr „Auszeit“ kehrte der 62-jährige Silzer Gebhard Gritsch (l. mit Tennis-Trainer Marian Vajda) im April 2018 als Fitnesstrainer und Berater des Weltranglistenersten Novak Djokovic (r.) zurück. Seither gewann der Serbe drei Grand Slams.

© imagoNach einem Jahr „Auszeit“ kehrte der 62-jährige Silzer Gebhard Gritsch (l. mit Tennis-Trainer Marian Vajda) im April 2018 als Fitnesstrainer und Berater des Weltranglistenersten Novak Djokovic (r.) zurück. Seither gewann der Serbe drei Grand Slams.



Seit Ihrer Rückkehr im April 2018 als Fitnesstrainer und Berater hat Novak Djokovic drei von vier Grand Slams gewonnen, greift nun als Weltranglisten-Erster bei den French Open nach Titel zwei nach 2016. Wie wichtig war die Rückkehr zum alten Team, das von 2009 bis 2017 bei zwölf Grand-Slam-Titeln arbeitete?

Gebhard Gritsch: Sehr wichtig – und der Erfolg war eine logische Folge unserer Arbeit. Wir haben nicht viel anders gemacht als davor. Aber wir kennen Novak so gut, dass wir genau wissen, was er braucht, und machen da keine Fehler mehr. Was mich überrascht hat, war, dass er so schnell Fuß fassen konnte.

Körperlich waren Sie mit Djokovic im April 2018 nicht zufrieden ...

Gritsch: Novak war absolut schwach, mental und körperlich. Es ging bei ihm davor nichts weiter, er bekam immer wieder eins auf den Deckel, dazu kamen über zwei Jahre die Ellenbogen-Probleme (Operation Jänner 2018, Anm.).

Wie urteilen Sie, wenn Sie Djokovic heute mit damals vergleichen?

Gritsch: Novak war 2018 nicht mehr wettbewerbsfähig. Er hat gegen jeden durchschnittlichen Spieler kämpfen müssen und hat viel verloren. Wir haben dann extrem viel trainiert, wesentlich mehr als die Jahre zuvor. Es war dasselbe System, aber wir arbeiteten viel fokussierter. Novak wusste: Entweder-oder. Seine Karriere stand auf der Kippe.

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Davor sollten ihm US-Legende Andre Agassi und Radek Stepanek als Trainer helfen.

Gritsch: Agassi und Stepanek wollten einfach hingehen und Djokovic ändern. Das geht nicht. Du kannst nicht jemanden ändern, wenn du nicht weißt, wie er funktioniert. Sie hatten beide keine Zeit, wollten möglichst schnell viel ändern. Das war der falsche Weg.

Agassi war nicht der richtige für Djokovic?

Gritsch: Agassi passt schon zu Djokovic, aber er hat als Coach zu wenig Erfahrung. Er hat zu viel auf das Tennis und zu wenig auf den Menschen geschaut. Aber zuerst brauchst du Vertrauen – und Novak ist jemand, der extrem lange braucht, bis er jemandem vertraut. Ist auch logisch: Auf ihn kommen so viele Leute zu, sagen ihm, wie gut er ist, was er besser machen kann. Da kannst du nicht jeden an dich ranlassen.

Noch ein Vergleich dazu: Wenn man seinen Weg zum ersten French-Open-Titel 2016 sieht, gibt es mit heuer (Madrid-Sieg, Rom-Finale) interessante Parallelen.

Gritsch: Das sehe ich auch so. Nur ist die Konkurrenz heuer stärker. Ich glaube, dass es eine ganz enge Geschichte wird, auch für Rafael Nadal. Er sieht jetzt gut aus, aber ich bin mir nicht sicher, ob er das über sieben Spiele bringt.

Djokovic ist dagegen sehr gut in Schuss. Ist das seine bisher beste Sandplatz-Form?

Gritsch: Er war schon mal besser. Aber bei den Grand-Slam-Turnieren brauchst du die Top-Form erst am Ende. Jedes Spiel wird schwieriger, das letzte am meisten. Das hat man bei Dominic Thiem im Vorjahr gesehen. Die Top-Leute drehen im Endspiel noch einmal ganz neu auf.

Trauen Sie Thiem heuer den Titel zu?

Gritsch: Ja, er kann dieses Turnier gewinnen. Der Favoritenkreis ist nicht groß, für mich sind es Nadal, Djokovic und Thiem.

Sie kennen Ex-Thiem-Coach Günter Bresnik seit Jahren gut. Wie beurteilen Sie die Trennung nach 17 Jahren?

Gritsch: Sehr schade. Ich bin überzeugt, dass Bresnik das nötige Knowhow hat und weiß, wie Dominic funktioniert. Thiem hätte sich nicht trennen dürfen, Günter und sein Wissen kann er nicht ersetzen. Er hat so viel Erfahrung, kennt jede Einzelheit bei Thiem. Der sieht sofort, wenn eine Nuance nicht passt. Und genau diese Nuancen entscheiden im Top-Bereich. Ein neuer Coach wie Nicolas Massú kann motivieren. Aber die entscheidenden Kleinigkeiten kann er nicht kennen.

War es nach Ihrem Ende bei Djokovic 2017 ein Thema, als Trainer von Thiem zu arbeiten?

Gritsch: Wir haben darüber gesprochen. Aber ich kann nicht viel sagen, eine komplexe Geschichte.

Vorerst sind Sie ja bei Djokovic in Diensten.

Gritsch: Derzeit schon. Aber ich mache die Sandsaison bis Wimbledon mit, dann sehen wir weiter. Ich war heuer sehr viel mit Djokovic am Weg. Doch nach so vielen Jahren möchte ich einmal etwas anderes machen.

In den Tiroler Bergen wandern gehen?

Gritsch: Genau, das wäre einmal eine schöne Abwechslung. (lacht)

Das Gespräch führte Roman Stelzl