Letztes Update am Sa, 01.06.2019 14:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Thiem-Coach Nicolas Massu: „Ich war immer ein Sieger“

Nach der Trennung von Günter Bresnik gibt Ex-Top-Spieler Nicolas Massu bei Tennis-Star Dominic Thiem den Ton an. Im TT-Interview zeigt der 39-jährige Chilene seinen Ehrgeiz.

Doppel-Olympiasieger Nicolas Massú aus Chile betreut Österreichs 25-jährigen Tennis-Star Dominic Thiem seit drei Monaten.

© gepaDoppel-Olympiasieger Nicolas Massú aus Chile betreut Österreichs 25-jährigen Tennis-Star Dominic Thiem seit drei Monaten.



Herr Massu, der erste Härtetest der French Open wartet heute in Runde drei auf Dominic Thiem (3. Partie nach 11 Uhr, live ORF Sport Plus). Wie schätzen Sie die Chancen gegen den Uruguayer Pablo Cuevas ein?

Nicolas Massu: Die zwei kennen sich gut, haben schon einige Male gegeneinander gespielt (Head-to-Head 3:2 Thiem, Anm.). Sie haben fast den gleichen Stil, spielen beide solide von der Grundlinie, haben einen guten Kick-Aufschlag und sind zwei starke Sandplatz-Spieler. Dominic weiß, dass das Spiel ganz schwierig wird. Aber das weiß auch Pablo.

Nach zwei unkonventionell spielenden Typen dürfte Thiem der erste richtige Sandplatzspieler aber besser liegen ...

Massu: Das spielt keine Rolle. Du musst bereit sein, gegen alle zu spielen. Zu jeder Zeit. Tommy Paul hatte in Runde eins nichts zu verlieren. Gegen Alexander Bublik war es im zweiten Match komplett anders, der hat mit dem zweiten Aufschlag über 200 km/h serviert. Da wusste man nicht, was der tun wird, und Dominic wollte einen Weg finden, ihn zu knacken. Jetzt hat Dominic aber ein Spiel, das er mag. Und mit jedem Match wirst du sicherer.

Zuletzt gab es nach dem Turniersieg in Barcelona in Rom das Auftakt-Aus gegen den Spanier Fernando Verdasco. Wie schätzen Sie Thiems Form generell ein?

Massu: Das ist lustig: Die Leute denken, dass Dominic jede Woche gewinnen wird. Das ist nicht der Fall! Die Erwartungen sind extrem hoch. Aber es ist normal zu verlieren ...

... aber als Nummer vier der Welt werden die Erwartungen immer hoch sein.

Massu: Wie viele Turniere hat die Nummer eins, Novak Djokovic, heuer gewonnen? Wie viele hat die Nummer zwei, Rafael Nadal, gewonnen? Die Erwartungen sind hoch, das ist normal, das stimmt. Das versteht Dominic. Das verstehe ich als Trainer. Deshalb arbeiten wir 100 Prozent, um das zu erreichen. Die Resultate waren heuer schon sehr stark – aber manchmal verlierst du auch in Runde eins.

Djokovic hat heuer zwei Turniere gewonnen, Nadal eines. Hat das Tennis mehr Sieganwärter als früher?

Massu: Ja, es gibt derzeit viele Favoriten, bei jedem Turnier. Und Dominic ist immer dabei. Aber nur auf dem Papier. Das bringt dir nichts. Du musst gegen die Nummer 250 raus, du musst gewinnen. Egal ob du Favorit bist oder nicht. Jedes Spiel ist ein Finale. Schon aus Respekt gegenüber dem anderen Spieler. Dominic ist 25 Jahre alt, er hat noch viele Jahre vor sich. Er wird noch viel Großes erreichen.

Seit drei Monaten arbeiten Sie zusammen. Zuerst waren Sie unter Günter Bresnik Touringcoach, jetzt sind Sie nach der Trennung Trainer. Wie läuft die Arbeit?

Massu: Ich bin sehr zufrieden. Dominic ist nicht nur ein talentierter Spieler, sondern ein großartiger Typ. Und er hat auch eine großartige Familie hinter sich. Deshalb habe ich vor drei Monaten bei ihm begonnen. Ich will gewinnen, als Spieler wie als Trainer. Ich war mein ganzes Leben lang ein Sieger. Ich möchte mein Bestes geben, möchte der beste Trainer sein. Das will auch Dominic als Spieler, er gibt 100 Prozent.

Sie waren die Nummer neun der Welt, gewannen 2004 zweimal Olympia-Gold. Thiem verzichtet 2020 auf die Olympischen Spiele – verstehen Sie ihn da?

Massu: Alle Personen sind anders, das musst du respektieren. Ich kann mich nicht in seine Position versetzen. In derselben Woche wie Olympia ist das Turnier in Kitzbühel, ich kann ihn also verstehen. Er hat das entschieden. Und ich werde ihn immer unterstützen und respektieren.

Das Gespräch führte Roman Stelzl