Letztes Update am Mi, 12.06.2019 09:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Gerhard Berger im Interview: „Ich hätte es wie Vettel gemacht“

Die Vorkommnisse rund um Ferrari-Star Sebastian Vettel in Kanada sieht sein ehemaliger Wegbegleiter Gerhard Berger mit gemischten Gefühlen. Die Tiroler Formel-1-Legende kann beide Seiten verstehen.

Der Moment, der beim Kanada-Grand-Prix alles veränderte: Runde 48, Sebastian Vettel (GER/r.) pilotiert seinen Ferrari zurück auf die Strecke, während Weltmeister Lewis Hamilton (GBR) heranrast.

© imago imagesDer Moment, der beim Kanada-Grand-Prix alles veränderte: Runde 48, Sebastian Vettel (GER/r.) pilotiert seinen Ferrari zurück auf die Strecke, während Weltmeister Lewis Hamilton (GBR) heranrast.



Die Zeitstrafe für Sebastian Vettel beim Kanada-Grand-Prix hat die Emotionen vielerorts hochkochen lassen. Wie sehen Sie den Vorfall?

Gerhard Berger: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Aus Rennfahrer-Sicht ist es für mich eine klare Sache: Ich hätte nach der Rückkehr auf die Strecke genauso reagiert wie Sebastian. Das hätte jeder Rennfahrer getan – und auch zu meiner Zeit haben wir es nur so gemacht. Nur gab es zu unserer Zeit keine 200 Kameras, die alles eingefangen haben. Als Rennsteward hätte ich jedoch gegen Sebastian entschieden. Die Regel gibt es und es geht dabei um das Thema Sicherheit, das heute aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet wird. Darum war es nachvollziehbar.

Im Anschluss gab sich Vettel sehr emotional – was aus meiner Sicht vollkommen verständlich war.

Berger: Der Sport lebt von Emotionen. Ich hätte mich auch aufgeregt. Und schauen wir uns die Reaktionen bei einem Fußballspiel an, wenn ein Schiedsrichter eine Entscheidung trifft, die einer Mannschaft nicht gefällt. Da geht es anders zur Sache.

In Ihrer aktiven Zeit sprach man von den wilden Hunden, die sich Rad-an-Rad-Duelle lieferten und wo nicht jede Aussage auf die Goldwaage gelegt wurde.

Berger: Bei uns waren Vorfälle wie in Kanada Tagesgeschäft. Das stimmt schon, aber das kann man heute nicht mehr machen. Das Gesamtbild hat sich gewandelt, die Sicherheitsdebatten haben viel bewegt. Es war einfach eine andere Zeit und man muss das respektieren.

Bei allem Verständnis fällt natürlich auf, dass Ferraris Aushängeschild heuer immer wieder Fehler begeht, die Weltmeister Lewis Hamilton (GBR/Mercedes) nicht macht. Bewegt man sich zu sehr am Limit?

Berger: Das Limit war auch zu unserer Zeit da. An dem hat sich nichts verändert. Ich erinnere mich noch gut, als ich in Estoril in Führung gelegen bin und mich dann gedreht habe, weil mir der Prost (Alain, Anm.) im Getriebe lag. Unter Druck passieren Fehler. Für mich tut sich eine andere Frage auf.

Welche?

Berger: Warum hat sich Vettel nicht auf das Wesentliche konzentriert? Er hat die Strafe recht früh erfahren und danach war noch genügend Zeit, diese fünf Sekunden Vorsprung herauszufahren. Das ist für mich das Entscheidende. Fehler passieren, aber warum verbringt Vettel mehr Zeit am Radio? Da muss ich cool bleiben und Gas geben.

Wenn man sieht, was Kanada für Wellen geschlagen hat: Ist der Formel 1 der Show-Faktor abhanden gekommen?

Berger: Es wird mittlerweile prinzipiell viel zu viel reguliert. Die MotoGP macht vor, wie es laufen muss. Da stimmt das Verhältnis Show und Sport. Auch bei uns in der DTM funktioniert das recht gut. Die Formel 1 kümmert sich um zu viele Nebenschauplätze. Da gibt es das Reifenthema, das Budget, die aufwändige Technik – aber das Kerngeschäft geht verloren. Außer in Kanada. Da war es wirklich so, dass es um den Fehler eines Fahrers ging, der alles änderte und das hat es so interessant gemacht.

Würden Sie bei 62 Punkten Vorsprung von Hamilton auf Vettel dem Briten schon zum WM-Titel gratulieren?

Berger: Es sieht für Mercedes sicher sehr gut aus, weil ihnen auch, wenn sie nicht gut sind, die Siege in den Schoß fallen. Zwei, drei Rennen sollten wir aber noch abwarten.

Ferrari und Red Bull kommen zwar immer wieder näher, am Ende reicht es aber doch nicht. Was läuft da falsch?

Berger: Das ist recht schnell auf den Punkt gebracht: Ferrari unterlaufen zu viele Fehler. Das hat weniger mit den technischen Voraussetzungen zu tun. Bei Red Bull hat die Partnerschaft mit Honda erst begonnen. Da besteht noch Nachholbedarf. Und das heurige Auto dürfte nicht der ganz große Wurf sein.

Ihre DTM macht im Augenblick in Sachen Spannung viel richtig. Können kleinere Serien ein Vorbild für die Formel 1 sein?

Berger: Zumindest machen wir nicht mehr den Fehler, uns an der Formel 1 zu orientieren. Das ist der große Unterschied zu früher.

Mit Andrea Dovizioso hatten Sie gerade den MotoGP-Vizeweltmeister als Gaststarter – Superstar Valentino Rossi will auch einmal in der DTM starten.

Berger: Das sind alles kleine Schritte in die richtige Richtung, aber da muss noch mehr kommen. Allgemein freue ich mich, dass sich Mercedes-Ersatz Aston Martin gut eingelebt hat. Aktuell müssen sie noch mehr Risiko auf sich nehmen als die etablierten Teams Audi und BMW.

Wie sehen Sie den Wechsel ihres Neffen Lucas Auer nach Japan in die Super Formula?

Berger: Ich glaube, er wurde bisher unter seinem Wert geschlagen. Seine Crew hat zweimal knapp 30 Sekunden für die Boxenstopps gebraucht. Da ist noch viel Luft nach oben. Aber ansonsten tut ihm der Kulturwechsel gut. Auf persönlicher und rennfahrerischer Ebene.

Das Gespräch führte Daniel Suckert