Letztes Update am Fr, 14.06.2019 16:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Motorsport

24 Stunden von Le Mans: Ein Schachspiel ohne Bedenkzeit

Faszination, Hollywood, Krise: Das 24-h-Rennen in Le Mans geht am Samstag (15 Uhr, Eurosport) mit dem größten Fahrerfeld aller Zeiten zum 87. Mal über die Bühne. Die Zukunft steht trotzdem in den Sternen.

Le Mans als Zuschauer-Magnet: Das galt vor 50 Jahren ebenso wie heute noch.

© imago sportfotodienstLe Mans als Zuschauer-Magnet: Das galt vor 50 Jahren ebenso wie heute noch.



Von Daniel Suckert

Innsbruck, Le Mans – „Es ist wie ein Schachspiel ohne Bedenkzeit. Ändert der Gegner die Strategie, musst du sofort reagieren. Zugleich ist es für Mensch und Maschine die größte Belastung“, beschrieb der einstige Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich die Herausforderungen von Le Mans, der jedes Jahr knapp 250.000 Zuschauer erliegen. Heuer kommt es mit 186 Startern zu einem Rekordstarterfeld – dabei hofft der Tiroler René Binder in der LMP2-Klasse das PS-Abenteuer positiv zu gestalten.

Für Formel-1-Weltmeister Fernando Alonso (ESP) wird der Auftritt in Le Mans der vorerst letzte in der Langstreckenserie sein.
Für Formel-1-Weltmeister Fernando Alonso (ESP) wird der Auftritt in Le Mans der vorerst letzte in der Langstreckenserie sein.
- imago images / PanoramiC

Der PS-Marathon: „Es ist eine ganz andere Art zu fahren“, beschrieb Nico Hülkenberg dieser Tage im Formel-1-Podcast „Beyond the Grid“ den 24-Stunden-Klassiker. „Es geht nicht um Geschwindigkeit oder darum, anderen Konkurrenten im Heck zu hängen. Es ist wie ein Marathon­lauf.“

Der deutsche Renault-­Pilot gehört zum elitären Kreis der Gewinner, die seit dem ersten Start (1923) in den PS-Geschichtsbüchern verewigt sind. Vor vier Jahren ging sein Stern in der 143.000-Einwohner-Gemeinde im Nordwesten Frankreichs auf, als er sich unerwartet mit Porsche (Nick Tandy, Earl Bamber) den Sieg sichern konnte.

Die Faszination beschreiben die Piloten damit, dass jede Runde anders sei. Licht, Temperatur, Überrundungen – jedes Team müsse auf alles vorbereitet sein und sich auf alle Gegebenheiten einlassen. Mit der Gewissheit, dass zugleich jede Runde ein technisches Gebrechen dem Marathon ein Ende setzen könnte.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

24 Stunden von Le Mans - Höhepunkte

1923: Am 26. Mai feiert der Rennklassiker seine Premier­e, damals mit einer Rundenlänge von 17,26 Kilometern. Den Sieg holt sich das Duo Lagache/Leonard (FRA).

1955: 84 Menschen sterben bei der größten Motorsport-Tragödie aller Zeiten. Nach einer Kollision kracht ein Mercedes in die Tribüne. Das Rennen wird trotzdem fortgesetzt.

1965: Der unvergessene Jochen Rindt gewinnt als erster Öster­reicher das Langstreckenrennen in Frankreich.

1969: Zum letzten Mal wird mit dem legendären Le-Mans-Start (laufend zum Auto) der Klassiker gestartet.

1986: Der acht­fache Formel-1-Starter Jo Gartner stirbt in der Nacht auf den 1. Juni. Als Unfall­ursache vermutet man einen Bruch der Hinterradaufhängung.

2013: Mit dem Dänen Allan Simonsen stirbt der 22. und bisher letzte Rennfahrer in Le Mans.

2015: Mit knapp 264.000 Zuschauern stellt der Auftritt vor vier Jahren den Rekordbesuch dar.

Immer wieder Österreich: Für rotweißrote Erfolge sorgten Jochen Rindt (1965), Helmut Marko (1971) und Alex Wurz (1996, 2009). Morgen (15 Uhr) werden mit dem Zillertaler René Binder (LMP2), Richard Lietz (GT-Pro), DTM-Pilot Philipp Eng (GT-Pro), Thomas Preining (GT-Amateur) und Mathias Lauda (GT-­Amateur) fünf Österreicher in ihren Klassen angreifen. Besonders der Tiroler Rene Binder hofft mit seinem Team beim französischen Klassiker an der Sarthe mit dem speziellen Aero-Paket den großen Wurf zu landen: „Die Strecke ist sehr speziell und vor allem im Dunkeln nicht einfach, weil hier wenig ausgeleuchtet ist. Ich werde mich aber Schritt für Schritt heranarbeiten und dann im Rennen hoffentlich konstant, fehler­frei und möglichst schnell sein.“

Der Sohn des verstorbenen Niki Lauda, Mathias, meint­e emotional: „Ich werde bestimmt ein wenig Zeit haben, um an meinen Vater zu denke­n.“

Oscar-Preisträger Christian Bale in Le Mans 66.
Oscar-Preisträger Christian Bale in Le Mans 66.
- Centfox

And the Oscar goes to: Niemand Geringerer als Steve McQueen widmete sich in den 70er-Jahren dem Rennen. Der Autonarr landete an den Kinokassen zwar einen Flop, der Streifen gilt jedoch bis heute als einer der großartigsten Rennfilme aller Zeiten. Im November diesen Jahres kommt mit „Le Mans 66“ der nächste Hollywood-Versuch, dem motorisierten Spektakel filmisch gerecht zu werden. Und für dieses Vorhabe­n setzt­e die Traumfabrik die beiden Oscar-Preis­träger Christia­n Bale und Matt Damo­n ins Cockpit.

Widerspruch: So beeindruckend das größte Le-Mans-Starterfeld heue­r auch ist, es lenkt von der Kris­e der Langstreckenserie ab. Denn im LMP1 kann sich Toyot­a nur selbst schlagen. All­e Versuche, ein Privatteam als ernsthafte Konkurrenz aufzubauen, scheiterte. Kolle­s, SMP oder Rebellion sind auf einen Ausfall der Japaner angewiesen. Und in der GT-Pro-Klasse steigt BMW nach nur einem Jahr wieder aus. Zusammen mit Ford, was einen erheblichen Verlust darstellt.

Hoffnung macht den Verantwortlichen die Tatsache, dass man schon sehr oft für tot erklärt wurde. Und trotzdem werden am Wochenende wieder 250.000 Fans und 1200 Journalisten die Faszination Le Mans genießen.

Der Tiroler René Binder (l.) startet mit seinen Teamkollegen Julien Canal (FRA/M.) und William Stevens (GBR) in Le Mans.
Der Tiroler René Binder (l.) startet mit seinen Teamkollegen Julien Canal (FRA/M.) und William Stevens (GBR) in Le Mans.
- imago images / PanoramiC