Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 29.06.2019


FORMEL 1

Mercedes-Boss Wolff: ,,Ich habe die Streber immer gehasst“

Der wichtigste Mann bei Mercedes, Toto Wolff, nahm sich gestern im lockeren Rahmen des Spielberg-Gastspiels Zeit und sprach über Klimawandel, Werbewert und die Sache mit Gerhard Berger.

Toto Wolff in Spielberg.

© GEPA pictures/ Harald Steiner Toto Wolff in Spielberg.



Aus Spielberg: Daniel Suckert

Spielberg — Mercedes-Motorhome, Freitagmorgen: Toto Wolff betritt den Wintergarten auf dem Dach. In der rechten Hand sein Handy, auf den Lippen ein Lächeln und noch bevor er Platz nimmt, sagt er zu einer seiner Mitarbeiterinnen: „Ein gerührtes Ei mit Tomaten bitte!" Für das Frühstück war an dem Morgen keine Zeit, eine extra einberufene Sitzung von Reifenhersteller Pirelli hatte seine Anwesenheit gefordert.

Toto Wolff: Gleich vorweg: Wir fahren weiter mit den 2019er-Reifen. Die Abstimmung hat das gerade ergeben. Red Bull, Toro Rosso, Ferrari und Haas wollten die alten Pneus.

Das freut die Silbernen.

Wolff: Wir haben heuer 4,5 Millimeter weniger Gummi. Das verhindert die Blasenbildung, die wir alle im Vorjahr gehabt haben. Mit weniger Gummi kannst du härter pushen.

Wie geht es bei dem Dauerthema Reifen weiter?

Wolff: Pirelli versucht jetzt, so schnell wie möglich die neuen Reifen für 2020 zu produzieren, damit wir vielleicht heuer noch Rennen damit fahren können.

Was ist das genaue Problem bei der Thematik?

Wolff: Wir haben Pirelli immer gesagt, sie müssten einen Reifen produzieren, der schneller abbaut. Das war falsch. Jetzt wird das korrigiert. Wir wollen ein größeres Arbeitsfenster, damit alle Teams den Reifen auf Temperatur bringen.

Hat die Konkurrenz andere Vorschläge, um Mercedes einzubremsen?

Wolff (lacht): McLaren-Teamchef Andreas Seidl wollte uns 20 Kilo mehr verpassen. Der Franz (Tost, Toro Rosso, Anm.) hat zusätzlich vorgeschlagen, dass wir weniger Benzin erhalten sollten.

In Deutschland glaubt man, die Formel 1 sei tot. Trotzdem dürften 200.000 Zuschauer nach Spielberg kommen.

Wolff: Da muss ich jetzt kurz eine Lanze für den ORF brechen. Die Herren haben heuer eine Steigerung in der absoluten Zuschauerzahl erzielt. Was lehrt uns das? Wenn das Paket aus Informationen und Unterhaltung stimmt, funktioniert es. Und das gegen den Trend, dass Fernsehen um 15 Uhr nachmittags nicht mehr funktionieren würde. Jetzt stellen wir uns noch vor, die würden zwei gute Moderatoren statt dem Ernst Hausleitner und Alex Wurz nehmen. (lacht)

Was die Show betrifft, leidet die Formel 1 aktuell aber.

Wolff: Ich glaube nach wie vor, dass der größte Einfluss vom Strecken-Layout kommt. In Le Castellet (FRA), zum Beispiel, würde ich die Schikane auf der Geraden einfach rausnehmen. Stell dir vor, wir könnten dort 400 km/h fahren. Der Stadtkurs Baku ist einfach immer spektakulär.

Die Regeländerungen für 2021 sollen massiv werden. Ihr Name wird immer wieder mit einem Formel-1-Posten genannt. Werden auch Sie sich verändern?

Wolff: Ich bin ein Fan der Stoppuhr. Das ist das, was mich antreibt. Wenn ich die Seiten wechsle, geht es nur mehr ums Geschäft. Mir taugt meine Rolle, weil ich Sport machen kann.

Nachdem es eine Änderung an der Spitze Ihrer Konzern-Führung gegeben hat: Können Sie garantieren, dass man der Formel 1 treu bleibt?

Wolff: Mercedes taugt die Plattform und das ist nicht an Einzelpersonen geknüpft. Die Formel 1 ist ein Global Player (Durchschnittlich 500 Mio. TV-Zuschauer, Anm.), die Zahlen sprechen für sich. Es ist das größte Motorsport-Fenster. Wir generieren einen Werbewert von drei Milliarden US-Dollar jährlich und erreichen genau die Zielgruppe, die wir brauchen. Neben dem Werbe- gibt es noch den Imagewert. Der ist nicht weniger wichtig. Die Besten zu schlagen — das hat sehr stark dazu beigetragen, wie positiv die Marke wahrgenommen wird.

Der Klimawandel ist überall ein Thema: Kann es bei Ihrem Konzern wirklich nicht irgendwann heißen: Sorry, wir machen jetzt nur mehr Formel E?

Wolff: Nein, weil die Zahlen sich sehr positiv nach oben entwickeln. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Aber: Natürlich müssen wir unsere Hybrid-Motoren positiver verkaufen. Rechnen wir es einmal kurz durch: Wir haben 100 Kilogramm Benzin, fahren ungefähr 350 Kilometer und haben Geschwindigkeiten von bis zu 340 km/h. Da sind wir bei ungefähr 30 Litern Verbrauch. Würden wir ein normales Straßenauto dem gegenüberstellen, würde es bei ungefähr 22 Litern Verbrauch liegen. Da haben wir den Gewichtsunterschied noch nicht eingerechnet und wir sind da jetzt noch nicht einmal bei thermischer Effizienz.

Die was bedeutet?

Wolff: Wenn wir unsere Straßenautos tanken, verpufft viel Benzin. Das wissen nicht alle. In der Formel 1 schaffen wir es aber, effektiver zu sein. Wir gewinnen Energie von Auspuffgasen, erzeugen Energie beim Bremsen — das fließt alles in die Serienautos. Wir haben vergessen, das zu kommunizieren. Jedes andere Auto steht im Vergleich wahrscheinlich schlechter da als ein Formel-1-Auto. Trotzdem finde ich die „Friday for Future"-Bewegung richtig und wir haben schon reagiert: Viele Besprechungen werden bei uns über Skype geführt — und nicht mehr durch physische Anwesenheit.

Weil wir gerade bei der Zukunft sind: Was ist mit künstlichem Benzin?

Wolff: Ganz wichtig und da schauen wir, dass das so schnell wie möglich kommt. Dann werden wir noch umweltfreundlicher.

Wird am Sonntag der nächste Sieg der Silberpfeile passieren?

Wolff: Wir fahren hier unter Bedingungen, die es so nicht gegeben hat. Es wird extrem heiß und die Kühlung war schon immer unser Problem. Vor allem ist Spielberg eine Power-Strecke.

Wie fühlt es sich an, das Team zu sein, von dem man sich wünscht, dass es am Sonntag ausscheidet?

Wolff: Das ist eine schwere Situation. Da schlagen zwei Seelen in meiner Brust. Der Mercedes-Mann freut sich — der Fan in mir wünscht sich Rennen, die wir erst in der letzten Kurve gewinnen. Aber: Wir empfinden die Dominanz nicht so, darum werden wir auch nicht „goschert" und ich rede auch nicht immer alles absichtlich schlecht. Ich habe die Streber in der Schule immer gehasst. „Oh, mir ist es so schlecht gegangen", und dann haben die Einser bekommen.

Wie sehen Sie die DTM als neutraler Betrachter?

Wolff: Ich sehe die Probleme, die Gerhard (Berger, DTM-Boss, Anm.) hat. Und das lässt er mich immer spüren. Wenn ich ihn frage, ob er mit mir auf den Berg geht, schreibt er: „Ich bin an der Strecke, in einem Hotel, von dem ich nicht weiß, ob es überhaupt eines ist, und das wegen dir." (lacht)