Letztes Update am Sa, 29.06.2019 22:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Formel 1

Toro-Rosso-Boss Tost: „Mercedes lenkt doch einfach nur ab“

Mehr denn je kämpft die Formel 1 heuer gegen die sportliche Eintönigkeit. Der Trinser Franz Tost (Teamchef Toro Rosso) weiß, was zu tun wäre.

„Streckenlayout? Das ist ein völliger Blödsinn. Die fahren auf jeder Strecke auf und davon. Da lenkt man nur vom eigentlichen Problem ab“, sagt Franz Tost zur Mercedes-Dominanz.

© imago/Crash Media Group„Streckenlayout? Das ist ein völliger Blödsinn. Die fahren auf jeder Strecke auf und davon. Da lenkt man nur vom eigentlichen Problem ab“, sagt Franz Tost zur Mercedes-Dominanz.



Aus Spielberg: Daniel Suckert

Spielberg – Dass sich was ändern muss, ist allen Beteiligten im teuersten Kreisverkehr der Welt klar. Der silberne Sololauf hat heuer, nach der x-ten technischen Änderung, ein neues Ausmaß gefunden: Acht Rennen, acht Mercedes-Erfolge. Und allein sechs davon hat der britische Ausnahmefahrer und Weltmeister Lewis Hamilton (GBR) eingefahren. Neben den Fans fordern auch viele Beteiligte Änderungen, um die Spannung wieder auf die Überholspur setzen zu lassen. Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost nahm sich in Spielberg für die TT Zeit und sprach über seine Vorstellungen.

Vergangenheit: Neben König Fußball stellt die Formel 1 den zweiten „Global Player“ im Welt-Sport dar. Jährlich werden über eine Milliarde Euro umgesetzt und 21 Grands Prix auf fünf Kontinenten veranstaltet. Während man im Vorjahr, zur exakt selben Zeit, drei Ferrari-, drei Mercedes- und zwei Red-Bull-Siege bestaunen durfte, haben die Herren mit dem Stern auf der Brust 2019 die Königsklasse härter denn je seit der Einführung der Hybrid-Motoren (2014) im Schwitzkasten.

Höhepunkt, oder besser gesagt Tiefpunkt, der sportlichen Eintönigkeit war der Auftritt in Le Castellet (FRA) vor einer Woche, als sich Mercedes-Teamchef Toto Wolff für den nächsten silbernen Triumph entschuldigte. „Es läuft einiges falsch, das sehen nicht nur viele Aussenstehende so“, begann Tost auszuholen: „Sinnbildlich dafür ist die letzte Runde beim Frankreich-Grand-Prix, als Hamilton mit abgefahrenen Reifen zwei Sekunden schneller fährt als zuvor. Mercedes ist viel weiter vorne, als wir alle glauben. Die mussten noch nie ihr ganzes Potenzial abrufen.“

Der Aufreger des Jahres passierte in Kanada, als Sebastian Vettel (GER/r.) seinen Ferrari nach einem Ausritt nicht unter Kontrolle hatte und Mercedes-Aushängeschild Lewis Hamilton abbremsen musste. Berührung gab es jedoch keine.
Der Aufreger des Jahres passierte in Kanada, als Sebastian Vettel (GER/r.) seinen Ferrari nach einem Ausritt nicht unter Kontrolle hatte und Mercedes-Aushängeschild Lewis Hamilton abbremsen musste. Berührung gab es jedoch keine.
- imago images / Motorsport Images

Gegenwart: Die Schuld am fehlenden Dreikampf an der Spitze sieht der Trinser jedoch nicht beim Stuttgarter Autobauer („Mercedes kann man nicht dafür die Schuld geben, dass sie gut arbeiten“), sondern bei den beiden anderen Top-Teams Ferrari und Red Bull. Die hätten es verabsäumt, starke Autos zu bauen.

Und natürlich wäre da noch die Tatsache, dass es ein zu großes Ungleichgewicht in Bezug auf die Budgets gibt. Tost: „Ein Top-Team wie Mercedes hat 500 Millionen Euro zur Verfügung und hat sich in Sachen Mitarbeiter viel Know-how und Erfahrung eingekauft.“

Dass man am vergangenen Freitag bei einem Meeting in Spielberg mit Reifenhersteller Pirelli den Versuch gewagt hat, wieder auf die alten Pneus von 2018 zurückzugreifen, war nicht ohne Hintergedanken. Tost: „Es ging darum, Mercedes irgendwie einzubremsen. Ob es der Weisheit letzter Schluss gewesen wäre, davon bin ich nicht überzeugt.“ Der Vorschlag wurde abgelehnt.

Dass Toto Wolff vor österreichischen Medien eine Mitschuld an der Mercedes-Dominanz an so manchen Streckenlayout festmacht, erzürnte den Teamchef der roten Bullen: „Das ist ein völliger Blödsinn. Die fahren auf jeder Strecke auf und davon. Das Auto ist in allen belangen überlegen. Da lenkt man nur vom eigentlichen Problem ab.“

Zusätzlich limitiert die momentane Überregulierung die Show. Die Zeitstrafen für Sebastian Vettel (Ferrari) in Kanada und für Daniel Ricciardo (Renault) in Frankreich ließen die Wogen nicht nur in den Motorsport-Foren hoch gehen. Tost: „Hier muss eine gute Mischung geschaffen werden. Die Sicherheit ist wichtig, aber so lange es keine Gefährdung gibt, muss man nicht eingreifen. Wenn ein Pilot in den Zweikampf geht, hat er immer das Risiko auch sein Auto zu beschädigen. Aber weder bei Vettel noch bei Ricciardo war ein Gegner in Gefahr.“

Zukunft: Was den Tiroler Formel-1-Beitrag zum Blick auf morgen und übermorgen bringt. Kurzfristig müsse man die silberne Überlegenheit akzeptieren. Da gäbe es nur die Chance, auf gewisse Strecken „wie Budapest, Singapur oder Abu Dhabi“ zu hoffen, bei denen „ich eher Red Bull mit Max Verstappen in Schlagdistanz von Mercedes sehe“.

Formel 1 in Spielberg - Programm am Sonntag

09.35 Uhr: 2. Rennen Formel 3

11.00 Uhr: 2. Rennen Formel 2

12.15 Uhr: Rennen Porsche Supercup

13.10 Uhr: Legendenparade

13.30 Uhr: Fahrerparade Formel 1

14.45 Uhr: Bundeshymne

15.10 Uhr: Start Grand Prix von Österreich

18.00 Uhr: Konzert DJ Ötzi

Nächste Saison seien Ferrari und Red Bull gefordert, einen starken Boliden zu bauen. Ab 2021 sei dann alles möglich. Wichtig wäre vor allem die Budgetobergrenze. Für die kämpft der Tiroler, der mit Toro Rosso in Faenza stationiert ist, seit Jahren. Und geht es nach Mehrheitsbesitzer Liberty Media kommt die fix. „Zusätzlich muss man die eingenommenen Gelder viel gerechter verteilen. Das darf man nicht ausklammern“, betonte der 63-Jährige.

Das bestätigt ein Blick auf die Bonus-Zahlungen: Wäre Ferrari 2018 Letzter in der Konstrukteurs-WM geworden, hätte man trotzdem noch mehr verdient als der WM-Vierte Racing Point (vormals Force India). Das ermöglichen die von Ex-Formel-1-Boss Bernie Ecclestone ausverhandelten Sonderzahlungen an den Rennstall in Maranello.

Ein ganz wichtiger Punkt wäre noch die Aerodynamik: Die müsse in den kommenden Jahren viel mehr beschnitten werden. „Die Kurvengeschwindigkeiten sind zu hoch und die Bremswege zu kurz. Das erschwert den Überholprozess. Die Autos haben viel zu viel Abtrieb und müssen um 40 Prozent weniger haben. Auch hier ist die FIA gefragt“, stellte Tost klar.

Toto Wolff (Mercedes) darf sich derzeit als einziger so richtig freuen.
Toto Wolff (Mercedes) darf sich derzeit als einziger so richtig freuen.
- GEPA pictures/ Harald Steiner