Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 02.07.2019


Wimbledon

Thiem will auf dem „heiligen Rasen“ kein Muster-Knabe sein

Endspiel in Runde eins von Wimbledon: Österreichs Tennisstar Dominic Thiem muss heute (ca. 13.30 Uhr, Sky) mit Rasen-Spezialist Sam Querrey eine harte Nuss knacken. Es ist die Chance, sich mit dem Rasen zu versöhnen.

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© Erste Bank Open



Aus Wimbledon: Roman Stelzl

Wimbledon — Auf dem Weg nach Wimbledon gibt es viele Wegbegleiter. Einer davon ist die Geduld. Auf dem dicht gefüllten Gehsteig zum heiligen Tennis-Rasen hat das Schlangestehen ebenso Kultur wie Erdbeeren mit Sahne oder die bis zu 90 Prozent weiße Kleidung der Spieler. Es gibt hier tatsächlich sogar ein Regelwerk, das wird als kleine bunte Broschüre verteilt. Kein Schmäh. Im Nachbargarten gibt es die berüchtigte Warteschlange („The Queue"), wo Hunderte Fans tagelang (!) für ein Ticket anstehen und zelten.

Noch länger wartet Dominic Thiem. Österreichs Tennisstar muss in Wimbledon zwar nicht für Tickets anstehen, dafür aber für den Erfolg. Der lässt auf sich warten. Seit fünf Jahren versucht Thiem auf dem Grün von London aufzublühen, ein Achtelfinale 2017 war das Höchste der Gefühle (Bilanz 5:5-Siege).

Und dem nicht genug: Heute (2. Partie nach zwölf Uhr, live auf Sky) droht sich das Schlangestehen um ein Jahr zu verlängern, wartet mit dem US-Amerikaner Sam Querrey ein Rasen-Spezialist, der am Samstag in Eastbourne im Finale sowie 2017 in Wimbledon im Halbfinale stand. Doch Thiem will nicht dem Beispiel seines Vorbilds Thomas Muster folgen (der gewann als einzige Nummer eins der Welt kein einziges Spiel in Wimbledon) — sondern sich versöhnen. Ein Vorhaben mit unterschiedlichen Vorzeichen.

Rasen-Urlaub: Die French Open haben Anfang Juni samt Finaleinzug Kraft gekostet. Sehr viel Kraft. Anders als im Vorjahr schaltete Thiem einen Gang zurück. Er machte Urlaub, suchte Abstand. Er ging zu einer Weinverkostung, plauderte dort mit Southampton-Coach Ralph Hasenhüttl vier Stunden über das Fußballtraining („Das war für mich ein Highlight") und seinen Serien-Helden Tobias Moretti („Ein cooles Treffen! Komissar Rex war meine erste Fernsehserie, die ich mit sieben sehen durfte"). Und nun tönt der Weltranglisten-Vierte mit stolzgeschwellter Brust: „Die Akkus sind komplett voll. Die Vorbereitung war gut, ich bin bereit."

Uncle Sam: Das ist aber auch sein Gegenüber. Und wie: Der 31-jährige Querrey, nach Verletzungen auf aktuell Rang 65 der Weltrangliste abgestürzt, reist mit einem Finaleinzug auf Rasen an. „Gegen ihn kann ich eine gute Leistung abliefern und verlieren. Das kann mein erstes und letztes Rasen-Spiel heuer sein", sagt Thiem im Sky-Talk, der ihn nicht als schlechtestes Los sieht („Das wäre Nick Kyrgios"). Apropos: Der 1,98 Meter große Aufschlag-Riese Querrey, gegen den Thiem im Head-to-Head 3:1 führt, schied beim Halbfinaleinzug 2017 noch in der Vorwoche in Eastbourne in Runde eins aus.

Im Grünen: Weg vom Hoteltreiben hat sich Thiem quasi nach Paris-Vorbild auch im Londoner Nobelviertel ein Eigenheim gesucht. Er mietete sich fünf Minuten entfernt ein Haus. Wohl nicht ganz günstig, wie Thiem scherzend anmerkt: „Die Vermieter machen in den zwei Wochen genug Geld für das ganze Jahr." Aber dafür wird der 13-fache ATP-Turniersieger gut bekocht. „Mein Job ist Abräumen und Abwaschen — alles andere kann ich nicht."

Außenseiter: Locker-leicht gibt sich Thiem auch in London. Druck hat er keinen, schied er doch auch im Vorjahr aus (Aufgabe gegen Marcos Baghdatis/CYP). Favorit ist Thiem keiner. Eine Rolle, in der er aufblühen soll. Und da passt es gut, dass auch mit Serena Williams nach dem Konflikt in Paris alles ausgeredet ist. Thiem: „Wir haben ein nettes Gespräch gehabt, das ist bereinigt." Reiner Tisch also. Auf dem ist nun genug Platz, um Erfolge zu servieren.