Letztes Update am So, 21.07.2019 12:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reitsport

Dressurkönigin Werth feiert 50er: „Im Leben ist viel Heuchelei“

Gestern ritt Isabell Werth in Aachen zum Sieg, heute feiert die Deutsche ihren 50. Geburtstag und erklärt, wo man im Leben genau hinschauen soll.

Auf Bella Rose räumt Isabell Werth weiter ab. Die Stute ist für sie ein wahr gewordener Traum.

© www.imago-images.deAuf Bella Rose räumt Isabell Werth weiter ab. Die Stute ist für sie ein wahr gewordener Traum.



Vor wenigen Jahren erklärten Sie beim Swarovski-Dressurturnier, mit 50 Jahren Ihre Reitkarriere zu beenden. Das scheint Schnee von gestern zu sein. Wie jener auf den Bergen um Fritzens.

Isabell Werth: Mit 20 Jahren habe ich gesagt: Mit 35 Jahren werde ich meinen Beruf als Juristin ausüben. Dann ist aber die Reiterei mein Beruf geworden und wie man weiß, ist man im Beruf auch über 50 tätig. Mein erklärtes Ziel sind die Olympischen Spiele in Tokio, und ob ich danach noch ein, zwei Jahre weitermache, das hängt davon ab, was die Pferde sagen. Ich bin körperlich noch in einer ganz guten Verfassung. Von der Warte aus ist das Datum nicht präsent.

Ist Ihr Verständnis für die Pferde Ihr Erfolgsgeheimnis?

Werth: Ich entwickle mich mit den Pferden mit und bilde sie nach ihren Stärken aus. Es gelingt mir schon ganz gut, das Optimale aus den Pferden herauszuholen und in sie hineinzuhorchen. Denn was gestern gut war, kann morgen schon falsch sein. Das ist auch die große Herausforderung, und das macht mir auch so besonders Spaß.

Derzeit vor allem mit Ihrer so genannten Wunderstute Bella Rose ...

Werth: Mit ihrem Charisma und ihrer Gehfreude vereint sie alle Vorzüge, die ich mir einmal bei einem Pferd erträumt, aber nicht erhofft habe. Sie ist wirklich etwas ganz Besonderes.

Für so ein Pferd werden im teuren Reitsport gern­e horrende Summen geboten.

Werth: Bella ist unverkäuflich. Es gibt keinen Preis, bei dem ich schwach werde, und zum Glück Frau Winter-Schulze auch nicht (Besitzerin/Anm. d. Red.).

Die Pferdepreise sind auch gestiegen, weil die Asiaten auf den Markt drängen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Werth: Es ist schon sehr erstaunlich, wo auf der Welt schon sehr professionell geritten wird. Die Kultur, die sich seit Jahrhunderten in Europa um das Pferd entwickelt hat und seit Jahrzehnten den professionellen Sport entwickelt, das können Nationen wie Australien und Asien nicht einmal so aufholen. Aber es ist spannend, was in Asien passiert.

Sie züchten selbst, sind Profi-Reiterin, Trainerin, Designerin und Mutter. Wie bekommen Sie das unter einen Dressur-Zylinder?

Werth: Züchten ist nur ein bisschen Hobby, für das Designen habe ich ein tolles Team, das Trainieren ergibt sich. Ich fokussiere mich auf die Ausbildung der Pferde, solange ich selbst noch so aktiv im Turnier bin.

Sie sind dafür bekannt, vielseitig interessiert zu sein. Was bewegt Sie außerhalb des Reitsports?

Werth: Was die Welt bewegt: das Thema Klima. Und in der Weltpolitik ist auch viel los. Amerikas Präsident, Mr. Trump, ist immer wieder zu Sachen fähig, wo man denkt: „Hoffentlich kommt jetzt keine Ausnahmesituation.“ Wenn man die Zeitung aufschlägt, denkt man: Alles ist nur „Bruch und Dalles“ (chaotisch, Anm.). Man kann fast nichts beeinflussen und trotzdem sind wir alle gefragt, mit kleinen Schritten etwas zu ändern.

Was tragen Sie zum Klimaschutz bei?

Werth: Ich fahre Strecken mit dem Fahrrad, wo ich früher das Auto angeschmissen habe. Ich achte auf die Licht-Benützung, kaufe Bio-Produkte und bringe meinem Sohn bei, nur auf den Teller zu laden, was er essen kann. Die Produktion ist keine aufzuhaltende Situation im Leben, aber es gibt so viele kleine Dinge, die man tun kann.

Wie sehen Sie den Klima­wandel?

Werth: Wir können die Problematik nicht wegdiskutieren und müssen entsprechend zurückfahren. Aber warum diskutieren wir über das E-Auto anstatt über das Wasserstoffauto, das wesentlich umweltfreundlicher wäre? Im Leben ist viel Heuchelei und viel von der Politik gesteuert. Wir sind gefordert, die wirklich richtigen Dinge zu unterstützen und keine Pseudo-Alternativen.

Das klingt kritisch gegenüber den Menschen. Mit wem können Sie besser umgehen: Tier oder Mensch?

Werth: Ich rede mit den Menschen so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Aber am Ende des Tages muss man aus politisch formellen Gründen beim Menschen etwas vorsichtiger sein, während man bei Tieren unvoreingenommen sein kann. Da bin ich zuhause, da muss ich nicht überlegen.

Das Gespräch führte Susann Frank