Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.08.2019


Doping

Operation Aderlass: Wie lange dauert eigentlich „lange“?

Die Dopingermittlungen im Nachgang der Seefelder Ski-WM nahmen am 27. Februar mit viel Vehemenz Fahrt auf. Bis heute, also 160 Tage später, wurden vorrangig Sportler aus der zweiten Reihe überführt. Warum?

Das Interesse an der ?Operation Aderlass? ist groß, die Namen der überführten Sportler sind es allerdings kaum.

© Vanessa Rachle / TTDas Interesse an der ?Operation Aderlass? ist groß, die Namen der überführten Sportler sind es allerdings kaum.



Von Florian Madl

Innsbruck – Es hatte am 27. Februar 2019 geradezu den Anschein, als habe eine Lawine vom Gschwandkopf aus das Seefelder WM-Areal verschüttet. Die Meldung, dass eine Dopingrazzia zwei öster­reichische Langläufer entlarvt habe, verwandelte das Presse­zentrum des Plateauorts in einen Bienenstock, die malerische Kulisse und die WM-Begeisterung verkamen zur Nebensache. Das Szenario erinnerte an die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin, an die live übertragene Razzia im heimschen Athleten-Außenlager von San Sicario. Nie war Österreich bei Olympia erfolgreicher (23 Medaillen), nie wurde weniger über Triumphe gesprochen. Turin gilt für heimische Sporthistoriker als Synonym für den Niedergang einer Sportnation, Seefeld wurde dem nicht gerecht. Vielleicht auch deshalb, weil die Aufklärungswelle kaum für Aufsehen sorgt:

Die Langläufer Max Hauk­e und Dominik Baldauf verschwanden nach einem Fernseh-Marathon von der Bildfläche, Radsportler Geor­g Preidler gestand und verschwand, sein Tiroler Branchenkollege Stefan Denifl wurde wie alle anderen für vier Jahre gesperrt. Zu Wort meldete er sich nie. 15 überführte Athleten aus der vornehmlich unteren Region der Ergebnislisten, sechs sind laut Ankündigung der Staatsanwaltschaft (21 aus acht Ländern und fünf Sportarten) noch ausständig. Der Spannungsbogen war lange hoch gehalten worden, 40 aufgetauchte Blutbeutel und der Verdacht von über 100 Doping-Behandlungen nährten die Hoffnung auf eine Aufklärungswelle. Aber die blieb aus.

„Wir haben 15 Akten, in denen eine oder mehrere Personen vorkommen“, erklärte Thomas Willam von der Medienstelle der Innsbrucker Staatsanwaltschaft dazu. Ein Sachbearbeiter sei mit der „Operation Aderlass“ betraut, dabei gehe es zusätzlich um bürokratische Vorgäng­e wie Rechtshilfeersuchen. Erst zuletzt habe man beim deutschen Sportarzt Ulrich Haegel­e nahe Rosenheim ein­e Hausdurchsuchung initiiert, Befragungen haben zum ehemals gesamtverantwortliche Teamarzt im Österreichischen Skiverband für den Ausdauerbereich geführt. Ein wenig belustigt äußerte sich der rüstige Mann im Anschluss: „Die haben also alles hier umgedreht, selbst die Schublade, wo die Unterwäsche von meiner Frau drin ist, und sind aber, ohne dass sie was gefunden haben, wieder abgezogen, etwas bedeppert.“ In einem Online­portal (sportschau.de) äußerte Haegele auch die Vermutung, Kronzeuge Dürr würde für Informationen Geld bekommen, und schloss daraus: „Es hat mich sogar ein bisschen gewundert, dass sie erst so spät gekommen sind.“

Im Dunkeln tappten die Ermittler keineswegs, vielmehr gingen sie allen Spuren nach: „Es liegt in der Natur der Sache, dass so etwas anders wie ein normaler Diebstahl behandelt wird“, charakterisierte Jurist Willam die Situation. Die Athleten seien nicht von vornherein gesprächig oder geständig. Und einen Zeithorizont könne man sich allein deshalb keinen setzen. „Wenn wir sagen würden ,Das dauert ein Jahr‘ oder ,Im Herbst sind wir fertig‘, dann wäre das nicht seriös.“ Und genauso wenig seriös wäre es, einen Generalverdacht zu äußern, wenngleich sich die Verbände in der Außendarstellung nicht immer geschickt angestellt hatten. Doch wer immer eine offene Rechnung mit einer der maßgeblichen Sport-Institution hatte – noch ging diese nicht auf. „Es gibt bei uns keine Doping-Zentrale. Die ist, wie man sehen kann, im Ausland“, wehrt sich ÖSV-Präsident Peter Schröcks­nadel vehement. Möglicherweise sollte er es mit dem Ansatz von Sportarzt Haegele halten, der sogar auf einen Anwalt verzichtet: Nach 14 Tagen werde ohnehin wieder eine andere Sau durchs Dorf getrieben.

Chronologie Operation Aderlass

27. Februar 2019: Hausdurchsuchungen im Rahmen der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld: Neun Personen werden festgenommen, unter ihnen die österreichischen Skilangläufer Max Hauke und Dominik Baldauf. In Erfurt werden 40 Blutbeutel gefunden, ein deutscher Sportmediziner, mutmaßlicher Kopf des Doping-Rings, wird festgenommen: der Ausgangspunkt der „Operation Aderlass".

28. Februar: ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel kündigt an, als Konsequenz auf den Doping-Skandal die Sparte Langlauf komplett umzubauen. In diesem Zusammenhang muss auch Markus Gandler, sportlicher Leiter für Langlauf und Biathlon, mit Saisonende sein Amt zurücklegen.

3. März: Der Fulpmer Radprofi Stefan Denifl gesteht im Zuge der Ermittlungen Blutdoping.

4. März: Der steirische Radprofi Georg Preidler macht eine Selbstanzeige. Er habe sich Blut abnehmen, aber in der Folge nie rückführen lassen.

6. März: Auch Kronzeuge Johannes Dürr, selbst bei Olympia 2014 überführt, soll seit Jahren und bis zuletzt Eigenblutdoping betrieben haben.

7. März: Langlauf-Coach Gerald Heigl gerät ins Zwielicht, Sportler trennen sich von ihm als Berater.

21. März: 21 Athleten aus acht europäischen Nationen sind im Visier, ein „kleiner Prozentsatz" davon sind Frauen. Betroffen: drei Winter- und zwei Sommersport­arten (Radsport, Triathlon).

15. Mai: Der frühere italienische Radstar Alessandro Petacchi gibt nach Doping-Vorwürfen im Zuge der WM-Aufarbeitung seinen Job als Co-Kommentator im Fernsehen auf. Er beteuert seine Unschuld.

27. Juni: Die beiden Radprofis Stefan Denifl und Georg Preidler werden jeweils für vier Jahre gesperrt.

23. Juli: Die beiden Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf werden ebenfalls für vier Jahre gesperrt.

1. August: Hausdurchsuchung beim deutschen Sportarzt Ulrich Haegele, ehemals auch ÖSV-Betreuer: Der Hinweis kam von Dürr und Ex-ÖSV-Cheftrainer Heigl.

3. August: Die steirische Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner wird nach ihrem im Zuge der „Operation Aderlass" nachgewiesenen Blutdoping nicht rechtskräftig zu acht Monaten Haft bedingt auf drei Jahre verurteilt.