Letztes Update am Mo, 05.08.2019 22:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Jakob Schubert im Interview: „WM-Gold allein wäre nicht genug“

Knapp elf Monate nach der für ihn zweifach vergoldeten Heim-WM brach Jakob Schubert gestern Abend zur Kletter-Weltmeisterschaft nach Hachioji (JAP/11.–21. August) auf. Dabei in seinem Fokus: Olympia 2020.

Jakob Schubert ist bei der Olympia-Premiere der Kletterer 2020 in Tokio eine Medaille zuzutrauen. Zuvor gilt es die Quali-Hürde zu meistern.

© Foto TT/Rudy De MoorJakob Schubert ist bei der Olympia-Premiere der Kletterer 2020 in Tokio eine Medaille zuzutrauen. Zuvor gilt es die Quali-Hürde zu meistern.



Im Vorjahr haben Sie schon Monate vor der Heim-Weltmeisterschaft Vorstieg-Gold ohne Wenn und Aber als Ziel ausgegeben. Mit welcher Kampfansage blicken Sie der am Sonntag beginnenden WM in Japan entgegen?

Jakob Schubert: Wenn ich es plakativ sagen soll: Die Olympia-Qualifikation steht über allem. Wenn ich meinen WM-Titel im Vorstieg verteidigen sollte, aber in der Kombination die Qualifikation für Tokio 2020 verpasse, fahre ich definitiv enttäuscht heim. WM-Gold allein wäre diesmal nicht genug.

Für Nicht-Kletterinsider: In Tokio feiert Klettern mit dem Kombibewerb aus Speed, Vorstieg und Bouldern seine Olympia-Premiere. Der schnellste Weg dorthin ist eine Top-7-Platzierung in der WM-Kombi.

Mit 28 Jahren hat Jakob Schubert bereits (fast) alles gewonnen. Olympia würde freilich eine neue Dimension darstellen.
Mit 28 Jahren hat Jakob Schubert bereits (fast) alles gewonnen. Olympia würde freilich eine neue Dimension darstellen.
- gepa pranter

Schubert: Genau, deshalb habe ich auch in der Vorbereitung alles auf die Kombination ausgerichtet. Damit bin ich aber in bester Gesellschaft. Eigentlich alle führenden Vorstieg- und Boulder-Kletterer, die nach Tokio wollen, haben die für sie ungeliebte und ungewohnte Speed-Disziplin verstärkt trainiert.

Dennoch ist die WM der Höhepunkt der Saison?

Schubert: Ganz klar – und ich will ja auch Medaillen holen. Wenn ich in Form bin, ist im Vorstieg alles andere als Edelmetall eine Enttäuschung. Das soll nicht überheblich klingen, aber das habe ich in den vergangenen Jahren doch immer wieder unter Beweis gestellt. Aber wenn ich es mir aussuchen kann, dann bitte das Olympia-Ticket.

Was verbinden Sie mit den Olympischen Spielen?

Schubert: Olympia ist nun einmal das Größte im Sport. Und wenn man da inmitten der weltbesten Athleten aus den verschiedensten Sportarten zusammen ist, stelle ich mir das schon cool vor. Als extrem sportinteressierter Mensch war ich von der Ära von Usain Bolt geprägt. Aber auch das Schwimmen hat mich immer fasziniert. Allen voran natürlich Michael Phelps, aber auch, wie Markus Rogan und Mirna Jukic Medaillen geholt haben.

Wenn Sie mit der Leichtathletik und Schwimmen gerade zwei Kernsportarten ansprechen, was sagen Sie zu Spekulationen, dass E-Sport über kurz oder lang ins Olympia-Programm aufgenommen werden könnte?

Schubert: Ich denke nicht, dass E-Sport bei Olympia etwas verloren hat, aber eines möchte ich schon festhalten. Ich spiele selbst schon lange diverse Games und es gibt schon mehr Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten mit herkömmlichen Sportarten, wie viele glauben. Wer im E-Sport erfolgreich sein will, muss ebenfalls sehr hart arbeiten, viel trainieren, es braucht Ehrgeiz, mentale Stärke und Durchhaltevermögen. Es geht um Strategien, Konzentration und Überlegungsstärke. Was halt weitestgehend fehlt, ist die körperliche Komponente. Und die gehört für mich einfach dazu zum Sport. Aber abgesehen davon: E-Sport braucht Olympia meiner Meinung gar nicht – da ist auch so schon wahnsinnig viel Geld im Spiel.

Spielen Sie aus Spaß an der Freud oder stecken auch trainingsspezifische Überlegungen dahinter?

Schubert: Ich habe eigentlich schon als kleine Bub gespielt und seither so ziemlich alles durchlebt: Gameboy, Nintendo 64, Playstation 1, 2, 3, 4 etc. Mir macht es bis heute Spaß – und ja, es gibt schon viele Sportler, die das gerne machen. Aus welchen Gründen auch immer.

Ihr Lieblingsspiel?

Schubert: „League of Legends“ – das ist zumindest das Spiel, mit dem ich in den vergangenen Jahren die meiste Zeit verbracht habe.

Wie man hört, wird die Olympia-Premiere im Gegensatz zur WM im Freien ausgetragen.

Schubert: So sieht es aus und ich finde das keine gute Entscheidung.

Warum?

Schubert: Wer schon einmal im Juli in Tokio war, weiß, wovon ich rede: Es kann sehr, sehr heiß werden. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass über einen langen Tag alle Athleten die gleichen Bedingungen vorfinden. Aber bevor ich mich damit näher auseinandersetze, muss ich mich dafür erst einmal qualifizieren.

Wenn man einen Blick auf Ihre Hände wirft, dann hat sich der eine oder andere Hautlappen in der jüngeren Zeit verabschiedet?

Schubert: Die jüngste Hitzewelle hat das ihre getan. So cool unser Kletterzen­trum auch ist, leider hat man aus Kostengründen auf die Klimatisierung verzichtet. Und an den Hitzetagen hat’s schon ordentlich gedampft in der Halle. Man schwitzt viel mehr, die Haut wird aufgeweicht und bekommt Risse – deshalb war es auch kein Fehler, dass ich den letzten Vorstieg-Weltcup in Briancon ausgelassen habe. Aber das war schon länger so geplant.

Das Gespräch führte Max Ischia