Letztes Update am Di, 27.08.2019 13:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview - Teil 1

Gerhard Berger wird 60: “Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe“

Tirols Formel-1-Legende Gerhard Berger feiert heute ihren 60. Geburtstag. Mit der TT sprach der Wörgler über sein bewegtes Rennfahrerleben, den Klimawandel und die Probleme des Älterwerdens.

Ferrari war immer die große Liebe von Tirols zehnfachem Formel-1-Sieger Gerhard Berger. Das ist auch in seinem Wörgler Büro nicht zu übersehen.

© Rudy De MoorFerrari war immer die große Liebe von Tirols zehnfachem Formel-1-Sieger Gerhard Berger. Das ist auch in seinem Wörgler Büro nicht zu übersehen.



Das wievielte Geburtstagsinterview ist das schon?

Gerhard Berger: Ich zähle nicht mit.

Es wird nerven, sechzig Mal dasselbe zu erzählen. Aber vielleicht geht das Interview ja in eine andere Richtung. 60 Jahre Gerhard Berger — wie klingt das?

Berger (lacht): Scheiße! Es gibt Leute, die sagen: „Mit dem Altwerden habe ich kein Problem." Ich habe sehr wohl eines. Obwohl ich mich überhaupt nicht wie 60 fühle. Aber dann trifft man wieder jemanden, der sagt, er ist mit einem in die Schule gegangen — man schaut denjenigen an und denkt sich: „Scheiße, bin ich auch schon so alt?" Man fühlt sich ganz anders. Die Zahl sagt aber „60" und das ist Fakt. Man weiß, man mündet in das letzte Drittel des Lebens und muss froh sein, wenn kein gesundheitliches Gebrechen aufkommt. Mit diesen ganzen Gedanken werde ich überhaupt nicht fertig.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass Sie ja immer der junge, wilde Hund waren.

Berger: So fühle ich mich ja heute noch, aber ich bin es nicht mehr.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie in Ihrer Jugend jeden Tag was gemacht haben, was Sie beinahe umgebracht hat.

Berger: Es ist so und so ein Wunder, dass ich noch lebe. Es gibt Glück und Pech und am Ende des Tages war mir das Glück mehr hold.

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Mit 27 Jahren ging – in seinem Benetton-Jahr (1986) – sein PS-Stern auf.
Mit 27 Jahren ging – in seinem Benetton-Jahr (1986) – sein PS-Stern auf.
- imago sportfotodienst

Wie wird gefeiert?

Berger: Das ist ganz lustig. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass meine Freundin, die Helene, eine große Geburtstagsparty plant. Da bin ich so dagesessen, habe gegrübelt und bin dann zu ihr gegangen: „Du, ich werde ja 60. Weißt du, was ich mir wünsche? Dass du die Party bitte wieder absagst. Ich will keine und meine Ruhe haben." Das haben wir so gemacht. Wenn ich ehrlich bin, am liebsten würde ich einfach nur mein Handy abstellen. (lacht)

Ich habe im Vorfeld alte Interviews von Ihnen angeschaut und irgendwie habe ich da so das Gefühl gehabt: Die Formel 1 der 80er- und 90er-Jahre und Sie — das hat einfach gepasst.

Berger: Absolut. Natürlich würde man in der heutigen Zeit anders aufwachsen, wäre näher an der digitalen Zeit dran und gewisse Themen würde man ganz anders betrachten. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich wieder meine Zeit auswählen. Das denke ich mir oft, bevor ich schlafen gehe: Ein schö-neres Leben könnte ich mir gar nicht vorstellen.

Wenn man in Monaco ist, umgibt einen sofort diese künstliche Glitzerwelt. Wie hat der Tiroler „Bua" es dort so viele Jahrzehnte ausgehalten?

Berger: Auch da ist es so, dass alles seine Zeit hat. Wobei ich fairerweise schon sagen muss, die steuerlichen Vorteile, die man auf legalem Weg als Sportler oder Künstler dort mitnehmen kann, die sind enorm. Das überschattet vieles. Seit zwei Jahren bin ich zurück in Tirol und bin der glücklichste Mensch. Das Leben in Monaco hat auch viel Lebensqualität gekostet.

Als Teammitbesitzer bei Toro Rosso (2006) feierte er mit Sebastian Vettel (GER) in Monza den größten Erfolg seiner zweiten Karriere.
Als Teammitbesitzer bei Toro Rosso (2006) feierte er mit Sebastian Vettel (GER) in Monza den größten Erfolg seiner zweiten Karriere.
- imago sportfotodienst

Inwieweit?

Berger: Man ist zwar am Meer, jeder Nachbar ist noch reicher und alles scheint toll — aber die echten Werte gehen verloren. Ich kannte durch meine Jugend in Wörgl die andere Seite. Aber meine Töchter Heidi und Sara, die nur in Monaco aufgewachsen sind, denen fehlt diese Erdung. Monaco hinterlässt Spuren. Auch wenn sie gut erzogen sind — sie leben in einer Scheinwelt. Das hast du in Tirol mit der Natur nicht.

Sind Sie viel in den Bergen?

Berger: Das war ich schon immer. Wir waren in jungen Jahren mit dem Rad unterwegs — immer im Wald. Wir waren Ski fahren — immer im Wald. Die Natur bei uns ist einzigartig. Darum verstehe ich es voll und ganz, was unser Landeshauptmann macht, um unsere Natur zu schützen. Besonders wenn man auf den Bergen unterwegs ist und überall neue Lifte, Gasthäuser und Hotels entstehen. Ich weiß, wir leben sehr gut vom Tourismus, aber alles mit Maß und Ziel und die Politik muss das Regulativ sein.

Das wird jedoch auch Sie mit Ihrem Logistik-Unternehmen treffen.

Berger: Das weiß ich und das akzeptiere ich auch vollkommen. Ich bin bereit, Gesetze und Änderungen zu übernehmen. Dafür bin ich zu viel in der Welt unterwegs gewesen und habe gesehen, was passiert, wenn die Wirtschaftlichkeit vor der Natur gereiht wird.

Um nicht zu sehr in die Politik abzudriften, aber was sagt ein Gerhard Berger zu einer möglichen CO2-Steuer?

Berger: Ich weiß nicht, ob eine Steuer die Lösung sein kann. Ganz ehrlich. Aber ich war heuer auf den Malediven und da war ein Sturm in der Nacht. Am nächsten Tag war das Meer voller Plastik. Solche Themen gehören angefasst. Ich habe mich da mittlerweile geändert und versuche, Plastik, so gut es geht, komplett zu vermeiden. Jeder kann das selber ändern. Wir müssen aber bei anderen Themen genauer hinschauen, wo scheinbar alles sauber wirkt.

Sie sprechen das Thema Elektromobilität an.

Berger: Die ist in vielen Bereichen richtig und wichtig. Schaue ich aber in den Bereich Automobile, dann sehe ich eine riesengroße Elektro-Lüge. Wo aufgrund von Einladungen dementsprechend positiv berichtet wird. Das geht an der Wahrheit vorbei. Schon allein wenn in der Formel E hinten die Dieselgeneratoren laufen, um vorne scheinbar sauberen Sport zu präsentieren. Oder schauen wir zur Batterie-Produktion, den Betrieb und über was so gar keiner reden will, das Recycling. Da redet keiner darüber. Es wird erzählt, die Batterien hätten zwei, drei Leben. Ja, drei Leben hat eine Plastikflasche vielleicht auch, trotzdem ist es nicht gut. Ich glaube, viele versuchen sich über diese Themen zu profilieren.

Sie empfinden die aktuelle Diskussion am eigentlichen Kern-Thema vorbei?

Berger: Ganz wenige führen eine ehrliche Diskussion. Das stört mich. Ich für mich versuche, mein Leben dementsprechend zu ändern.

Wie sollen wir jetzt den Bogen in die 80er-Jahre hinbekommen, wo mit 1400 PS starken Formel-1-Motoren und 200 Litern Benzin gefahren wurde?

Berger (lacht): Sie wollten ja eine andere Richtung beim Interview. Den Bogen zur heutigen Formel-1-Ära mit Hybrid usw. schaffen wir leicht. Man muss sich ja nur anschauen, wie sich die Motoren-Technik entwickelt und was man daraus gelernt hat. Allein was den Ausstoß betrifft. Dann lese ich aber wieder bei einem Journalisten, der schreibt, Motorsport gehöre komplett verboten, weil der sei an allem schuld.

Wer mit der Materie vertraut ist, der weiß, die heutigen F1-Boliden verbrauchen aufgrund der Hybrid-Technik nicht mehr als ein gewöhnliches Straßenauto.

Berger: Eben. Schlecht für die Umwelt ist natürlich, wenn 200.000 Menschen mit ihren Pkw zu den Rennen fahren.

Oder im Winter jeder in seinem Auto zum Skifahren auf den Berg fährt.

Berger: Oder zu den Fußball-Spielen einzeln anreist. Aber die Lösung wird auch nicht sein, eine Verbotskultur einzuführen. Es kann nur jeder Einzelne umdenken und für sich sein Leben anpassen.

Hier geht es zum 2. Teil des großen Geburtstags-Interviews mit Gerhard Berger