Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 29.08.2019


Olympia

In Tokio grassiert trotz Milliardenkosten das Olympia-Fieber

Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio berühren Japan, für die 20 Milliarden Euro Organisationsbudget lassen die großen Firmen gerne etwas springen. Sie wollen kommendes Jahr am Trittbrett sein.

Selten ist es so ruhig auf der Shibuya-Kreuzung. Zu Stoßzeiten queren dort über 10.000 Menschen die Straßen.

© GEPA pictures/ Christian WalgramSelten ist es so ruhig auf der Shibuya-Kreuzung. Zu Stoßzeiten queren dort über 10.000 Menschen die Straßen.



Aus Tokio: Florian Madl

Tokio – In Tokio sind die Leute froh, dass sie sich den „Fahrradhelm“ ersparen. So respektlos beurteilte die Öffentlichkeit das geplante Olympia-Stadion der inzwischen verstorbenen Zaha Hadid. Im Gegensatz zu ihren Innsbrucker Projekten fiel die Idee der Stararchitektin in Japan durch, statt 3 Milliarden Euro kostet Tokio das Ersatzobjekt nun 1,2 Milliarden. Kurios – der von Premier Shinzo Abe initiierte Stopp wurde als Sparmaßnahme verkauft, alles eine Frage der Sichtweise.

Aber Olympische Spiele dürfen durchaus etwas kosten – selbst acht Jahre nach dem Erdbeben, der Reaktorkatastrophe von Fukushima. „Davon hat man sich dort noch nicht erholt. Aber Kritik, dass für die Spiele über 20 Milliarden Euro ausgegeben werden, gibt es deshalb nicht“, glaubt Hiroshi Takeuchi von den Kyodo News, ein erfahrener Journalist. Das war nicht immer so, die Olympia-Stimmung war selbst vor Fukushima im Keller. Aber mit der Sportbegeisterung kam auch das Olympia-Fieber: Japan, in den Jahren 1964 (Heim-Spiele) und 2004 (Athen) mit 16 Goldmedaillen am Gipfel, will 2020 mehr holen. 30 Goldene sollen es werden, fordert die Regierung.

Das Judozentrum in Tokio vereint Tradition mit Moderne.
Das Judozentrum in Tokio vereint Tradition mit Moderne.
- gepa

Bei einer Athletenparade fanden sich vor Kurzem 800.000 Menschen ein, 3,2 Millionen der knapp 8 Millionen Eintrittskarten sind verkauft – 70 Prozent davon an die Japaner selbst.

Und endlich soll auch der Tourismus die 40-Millionen-Gäste-Marke knacken, Japan will sich der Welt zeigen. Die schönen Seiten, wie die alte Kaiserstadt Kyoto, aber auch die anderen. Die atemberaubenden: wenn bei der Shibuya-Kreuzung in Tokio zu Stoßzeiten bei jeder Grünphase bis zu 15.000 Menschen die Straße überqueren. Die legendären: wenn Sumo-Events die Massen begeistern und sogar für Trainingseinheiten 120 Euro pro Sitzplatz ausgegeben werden. Die kuriosen: wenn japanische Toiletten mit Musik und Rausch-Funktion die Körpergeräusche übertönen sollen. Die fortschrittlichen: wenn fehlende Mistkübel in Tokio zum Selbstentsorgen zwingen. Die befremdlichen: wenn Jung und Alt in Pachinkos, den Spielhöllen, verschwinden. Dort darf geraucht werden, auf der Straße zumeist nicht. Und die skurrilen: wenn Leute in Katzen-, Eulen- oder Igel-Cafés ihr Lieblingstier gegen Bezahlung streicheln.

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„Flexibilität müssen sie noch lernen“, erzählt ein Mitglied der ÖOC-Delegation zum Umgang mit Leuten der japanischen Olympia-Organisation. Generalstabsmäßig werden Vorgänge überwacht, der Verkehr bei der Olympia-Eröffnungsfeier etwa: Den simulierte das OK nicht am Computer, sondern real. „Wer Großes will, muss zuerst das Kleine tun“, lautet ein japanisches Sprichtwort, die Hausaufgaben macht man.

So ganz unkritisch steht dem Olympia-Projekt in Tokio übrigens nicht jeder gegenüber. Während vom Tokyo Skytree, mit 634 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt, die fünf Ringe prangen, wirbt eine kleine Gruppe namens Hangorin für „Anti-Olympia“. Japan habe andere Probleme, zitiert der Deutschlandfunk Aktivistin Misako Ichimura. Man fühle sich ins Eck gedrängt, 230 Familien hätten wegen olympischer Baustellen gegen Entschädigung weichen müssen. Aber Patriotismus erfordert in diesem Fall offensichtlich Opfer, die Gegenstimmen sind Zeitungen wie der Japan Times dieser Tage nicht zu entnehmen.

Es geht der Öffentlichkeit um Stars wie Naomi Osaka und Kei Nishikori (beide Tennis), um Shõhei Õno (Judo) und die an Leukämie erkrankte japanische Schwimm-Hoffnung Rikako Ikee. Geschichten wie ihre rühren das Land, die 18-Jährige kennt jeder. Es geht um Solidarität mit ihr. Und um Solidarität mit den Leuten aus Fukushima, derer man rund um die Sommerspiele mit Zeremonien gedenkt. Unter dem Dach Olympia hat alles Platz.