Letztes Update am Di, 03.09.2019 08:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Motorsport

Der Tod fährt stets am Heckflügel mit: „Hubert hatte keine Chance“

Der Tod des Nachwuchsfahrers Anthoine Hubert in Belgien hat die Formel 1 in eine Schockstarre versetzt. Der Kufsteiner Karl Wendlinger warnt vor Schnellschüssen und dem Irrglauben, alles kontrollieren zu können.

In Bruchteilen von Sekunden kann im Motorsport etwas passieren: Der Überrollbügel („Halo“) schützte Spa-Francorchamps-Sieger Charles Leclerc (Nr. 16 – damals Alfa Romeo) 2018 vor Verletzungen.

© gepaIn Bruchteilen von Sekunden kann im Motorsport etwas passieren: Der Überrollbügel („Halo“) schützte Spa-Francorchamps-Sieger Charles Leclerc (Nr. 16 – damals Alfa Romeo) 2018 vor Verletzungen.



Von Daniel Suckert

Innsbruck – Das Wissen um den Tod, der stets am Heckflügel mitfährt, stellt in der Königsklasse eigentlich eine Selbstverständlichkeit dar. Doch der gesteigerte Sicherheitsstandard der vergangenen Jahre hat offenbar schleichend ein trügerisches Gefühl der „Unzerstörbarkeit“ verbreitet. Das ortet zumindest der vierfache französische Champion Alain Prost in den Nachwuchsserien. Am Wochenende beim Belgien-Grand-Prix erlebte die Motorsport-Familie wieder einmal einen schwarzen Tag.

Quadratur des Kreises: Wenn Karl Wendlinger über das Thema Sicherheit spricht, dann hat das Gewicht. Schließlich war der 41-fache Formel-1-Starter einer, der bei der unendlichen Geschichte rund um die Sicherheit ein wichtiger Baustein war. Wenn auch nicht freiwillig. Unter anderem war es sein schwerer Unfall in Monaco 1994, der die Entwicklung des Nackenschutzes HANS verstärkt hat. Der wurde dann ab 1997 serienmäßig eingeführt. „Die FIA (Automobilverband, Anm.) tut seit Jahren genug für die Sicherheit“, holte der ehemalige Sauber-Pilot gestern aus. „Aber es wird nie komplett sicher sein. Das geht nicht. Und das müssen wir akzeptieren.“

Der Tod des französischen Nachwuchsfahrers Hubert sei „unter blöden Umständen passiert, die man nicht unter Kontrolle hat“. Und da gibt es noch einen weiteren Punkt, der den Kufsteiner zum Nachdenken bringt: „Die Autos werden immer schneller, permanent. Die Formel-2-Autos kommen schon auf 270 km/h und bei solchen Geschwindigkeiten ist die Gefahr allgegenwärtig.“

Es nütze auch wenig, das Tempo der Nachwuchs-Autos zu verringern, schließlich „warten auf Mick Schumacher und Co. nach einem Aufstieg Formel-1-Boliden, die noch viel stärker sind und eine noch viel höhere Geschwindigkeit erreichen“. Das ergibt sozusagen eine Quadratur des PS-Kreises.

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No risk, no fun: Was sich aber ändern könnte, ist die Einstellung der Sebastian Vettels von morgen. Seit einigen Jahren wird die Formel 2 gerne als „Crash Kid“-Serie betitelt. Da dort zu oft zu viel Risiko eingegangen, teilweise sogar ein Unfall riskiert wird. Im Hinterkopf hat sich der Gedanke breitgemacht: „Alles ist so sicher, mir kann eh nichts passieren.“

Das hat der 64-jährige Prost, den der Tod Huberts schwer getroffen hat, festgestellt. Nach dem Belgien-Rennen philosophierte er bezüglich der Play-Station-Generation: „Die Sicherheitsstandards sind so erhöht worden, das erzeugt ein etwas schales Image des Motorsports. Aber wenn ein Auto mitten auf der Bahn zum Halten kommt und dann so von einem anderen Wagen torpediert wird, bist du mit dem sichersten Auto machtlos. Wir haben eine Rennfahrer-Generation, die glaubt, dass ihr nichts mehr zustoßen kann. Das hat sich tief ins Unterbewusstsein der Piloten gearbeitet. Früher sind wir vom Gas gegangen, wenn das Auto eines Gegners außer Kontrolle geriet, heute schießen sie links und rechts mit Vollgas daran vorbei.“ Da müsste die FIA Bewusstseinsschärfung betreiben.

Huberts Unfall fällt allerdings in eine eigene Kategorie. Hier wurde weder zu viel Risiko eingegangen, noch agierte irgendeiner leichtsinnig. Wendlinger: „Anthoine hatte keine Chance. Das Tempo, mit dem er abgeräumt wurde, war einfach zu hoch.“

Charles Leclerc widmete seinen Premierensieg in Belgien seinem verstorbenen Freund Anthoine Hubert.
Charles Leclerc widmete seinen Premierensieg in Belgien seinem verstorbenen Freund Anthoine Hubert.
- AFP

Eau Rouge: Die Eau-Rouge-Kurve gilt als eine der gefährlichsten im gesamten Motorsport. Das hängt mit ihrer Charakteristik zusammen. „Sie ist ein Sonderfall. Du fährst den Berg hinunter, es geht leicht nach links, dann nach rechts steil den Berg hinauf und oben an der Kuppe wieder nach links. Jetzt sitzt du in deinem Formel-1-Auto so tief, dass du erst kurz nach der Kuppel überhaupt siehst, was danach kommt“, erklärte Wendlinger den teilweise blinden Ritt auf der Kanonenkugel. „Wenn dort oben etwas passiert, die gelben Flaggen zu spät geschwenkt werden, hast du keine Chance.“

Insgesamt 52 Fahrer und Streckenposten sind dort gestorben. Vor beinahe genau 34 Jahren war es der deutsche Pilot Stefan Bellof (1. September 1985), der nach einem Überholmanöver mit seinem Porsche mit fast unverminderter Geschwindigkeit frontal gegen einen hinter den Leitplanken stehenden Betonpfeiler geprallt war. Die deutsche Motorsporthoffnung verstarb sofort.

Die Kurve jetzt aber zu verteufeln, sei laut Wendlinger der falsche Weg. „Du kannst auch auf einer anderen Rennstrecke schräg auf der Strecke nach einer Kurve stehen und ein anderes Auto rammt dich seitlich. Denken wir nur an die Rad- oder die Skifahrer – das bringen solche Sportarten mit sich.“

Der englische FIA-Präsident Max Mosley (1993–2009) hatte ab 1994 begonnen, die schnellste Rennserie der Welt sicherer zu machen. Aber schon damals wusste er: „Wenn du einem Rennfahrer ein sicheres oder ein schnelleres Auto hinstellst, mit dem er sterben könnte, wird er sich trotzdem stets für das schnellere Modell entscheiden. Darum ist es an uns, die Sportler hin und wieder vor sich selbst zu schützen.“

Den PS-Youngsters wird nach Belgien klar sein, dass es keinen unsichtbaren Schutzpanzer gibt. Motorsport, egal welche Rennklasse, birgt viel Faszination, jedoch ebenso viel Gefahr in sich. Und eines steht ebenso außer Frage: Huberts tragischer Tod wird leider nicht der letzte sein, den die Motorsport-Familie zu beklagen haben wird. Von diesem Gedanken muss man sich – auch wenn Jahre nichts passiert – verabschieden.