Letztes Update am Fr, 06.09.2019 11:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Weißhaidinger: „Wie soll man Medaillen machen, wenn der Arbeitsplatz fehlt?“

Lukas Weißhaidinger zählt heute beim Diamond-League-Finale in Brüssel (BEL) zu den Favoriten. Danach will der Diskuswerfer eine WM-Medaille. Der 27-Jährige erklärt, warum er es in Österreich nicht leicht hat.

Für Lukas Weißhaidinger ist der Diskusring auf der Leichtathletikanlage sein Arbeitsplatz. Einer, der laut seinen Aussagen immer gefährdeter ist.

© gepaFür Lukas Weißhaidinger ist der Diskusring auf der Leichtathletikanlage sein Arbeitsplatz. Einer, der laut seinen Aussagen immer gefährdeter ist.



Können Sie uns sagen, warum Kinder Leichtathletik betreiben sollen?

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Weißhaidinger: Weil es eine Kernsportart ist: Jeder läuft gerne, springt über Steine oder wirft etwas – und wenn es nur Papier in den Mistkübel ist, es steckt in jedem. Das Wichtigste: die Trainer und die Infrastruktur zu haben. Ich kenne genug Schulen, wo sie die Weitsprunganlage und die 60-m-Bahn einfach weggerissen haben und wo ein betonierter Spielplatz hingekommen ist. Es tut mir weh, dass die Kinder es nicht einmal mehr ausprobieren können. Da gehört angesetzt.

Starten Sie aufgrund der Vorbildwirkung auch immer wieder bei kleineren Bewerben in Österreich?

Weißhaidinger: Ja, dafür – und ich starte für meinen Verein (ÖTB, OÖ/Anm. d. Red.), der mir früher Trainingslager finanziert hat. So kann ich ihn in Österreich repräsentieren und etwas zurückgeben. Und es macht Spaß, mit alten Weggefährten zu werfen und zu quatschen. So wie bei den Österreichischen Meisterschaften im Juli in Innsbruck.

Dort, wo Sie die Kugelstoßbewerbe am Marktplatz besucht haben?

Weißhaidinger: Die waren richtig cool. Falls ich selber Trainer werden sollte, würde ich versuchen, in den Städten anzutreten. Ich finde, Kugelstoßen, Hoch- und Weitsprung sind die Disziplinen, mit denen man so das Interesse an der Leichtathletik wecken kann. Heutzutage gibt es diese Möglichkeiten. Ich persönlich fände einen Bewerb vor dem Stephansdom in Wien cool oder Diskuswerfen über einen Fluss – das wäre spektakulär.

Muss man die Leichtathletik heutzutage zu den Menschen in die Stadt bringen?

Weißhaidinger: Man kann nicht mehr erwarten, dass die Leute immer ins Stadion kommen, sondern man muss auch zu ihnen gehen. Zum einen, um das Interesse zu wecken; zum anderen, um den Respekt für die Leistungen zu bekommen. Ich glaube, man könnte es ähnlich dem Beach­volleyball aufziehen. Mit DJ und Einklatschen, so würden Emotionen aufkommen.

Steckbrief von Lukas Weißhaidinger

Geboren: 20. Februar 1992 in Schärding (Oberösterreich)

Beruf: Heeressportler

Bestleistung: 68,98 Meter (österreichischer Rekord)

Erfolge: Bronzemedaille bei der Europameisterschaft 2018 in Berlin (GER). Er zeigte 2011 bei der Junioren-EM in Tallinn (EST) schon auf: Dort gewann er Gold.

In Ihrer Heimat Oberösterreich wurde entschieden, die traditionsreiche Gugl in ein reines Fußballstadion umzubauen. Was sagen Sie dazu?

Weißhaidinger: Natürlich blutet mir diesbezüglich das Herz. Weil es eben das traditionsreichste Leichtathletik-Stadion in ganz Österreich ist. Und auf der Gugl wird uns der Arbeitsplatz genommen. Wie soll man noch Medaillen machen, wenn der Arbeitsplatz fehlt? Das ist, als wenn einem Büroarbeiter der Computer und der Schreibtisch weggenommen werden. Aber die Problematik ist jetzt bei der Politik angekommen. Es soll etwas Neues für uns entstehen. Dass die Leichtathletik und der Fußball an einem Platz nicht gut zusammenpassen, verstehe ich. Wenn jetzt Geld in die Hand genommen wird, ist es voll in Ordnung, wenn an einem anderen Ort unser Arbeitsplatz entsteht.

Die WM findet ab Ende September in Doha statt, der Hauptstadt des Wüstenstaats Katar, wo Geld keine Rolle spielt ...

Weißhaidinger: … und wo Geld ist, da wird gespielt. Auf der einen Seite bin ich froh, dass noch etwas ausgetragen wird. Oft ist die Kostenfrage die Hemmschwelle. Das weinende Auge sagt natürlich: Wenn es so weitergeht, finden die Veranstaltungen nur noch in asiatischen oder Ölscheich-Ländern statt.

Eine WM-Medaille und 2020 eine Olympia-Medaille sind Ihre erklärten Ziele. Wie sehen Sie die Chancen für Doha?

Weißhaidinger: Es wird sehr schwierig aufgrund der Dichte. Das Wichtigste ist, dass ich jetzt erst einmal verletzungsfrei hinfahre und die maximalen Möglichkeiten ausnützen kann.

Weltmeister ist ein toller Titel. Beim anstehenden Finale der Diamond League in Brüssel zählt vor allem das hohe Preisgeld.

Weißhaidinger: Für uns ist es extrem wichtig, dass es die Diamond League gibt und man so die Athleten leben lässt. Man macht den Sport nicht wegen des Geldes, aber ich muss meine Rechnungen bezahlen.

Lukas Weißhaidinger – vor knapp einem Jahr feierte er mit EM-Bronze in Berlin seinen bislang größten sportlichen Erfolg.
Lukas Weißhaidinger – vor knapp einem Jahr feierte er mit EM-Bronze in Berlin seinen bislang größten sportlichen Erfolg.
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50.000, 20.000 und 10.000 Dollar gibt es für die Plätze eins bis drei. Wie viel werden Sie gewinnen?

Weißhaidinger: Das kann ich nicht sagen, aber ich traue mir jedenfalls zu, aufs Stockerl zu kommen. Ich fahre leistungsmäßig ex aequo mit dem Zweitbesten dieser Saison hin (Fedrick Dacres/JAM/Anm. der Redaktion) und ich bin in sehr guter Form. Mein Trainer hat mich wirklich sehr gut aufgebaut. Ich muss mich also nicht fürchten. Im Gegenteil: ich fahre mit sehr breiter Brust hin. Das Aufbautraining hinsichtlich der WM hat viel gebracht. Mir fehlt nur noch ein bisschen das Feingefühl.

Heute werfen Sie im Finale der Diamond League, dann geht es weiter nach Weißrussland zum Kontinental-Vergleichskampf und Mitte September treten Sie noch einmal daheim in Ried an. Ein dicht gedrängtes Programm vor der WM.

Weißhaidinger: Wir, mein Trainer und ich, haben das so gewählt. Einerseits, um noch einmal im Wettkampf nachschleifen zu können, und zum anderen können wir so die WM mit Qualifikation wettkampfmäßig simulieren.

Sie sind 1,97 Meter groß und 147 Kilogramm schwer, ein Mordskerl sozusagen. Weichen Ihnen die Menschen am Gehsteig aus?

Weißhaidinger: Auf das achte ich nicht. Kann sein, dass jemand auf den ersten Eindruck vor mir Angst bekommt, aber wer mich kennt, der weiß, dass ich ein großer Bärli bin.

Ein geselliger Bärli?

Weißhaidinger: Einzelsportler sind nicht die super-geselligen Menschen, die gerne unter Menschen sind oder länger sitzen bleiben. Natürlich habe ich einen Freundeskreis, aber den kann man als überschaubar bezeichnen. Ich gehe gerne fischen und fotografiere gerne. Das ist mein Ausgleich zum Sport.

Das Gespräch führte Susann Frank