Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.09.2019


Radsport

Das Mysterium rund um den Tirol-Weltmeister Rohan Dennis

Dem Eklat bei der Tour de France folgten Hassbriefe und langes Schweigen, heute kehrt Rohan Dennis (AUS) als Favorit im WM-Zeitfahren zurück.

Hinter der Form von Top-Favorit Rohan Dennis steht ein Fragezeichen.

© imago images / BelgaHinter der Form von Top-Favorit Rohan Dennis steht ein Fragezeichen.



Von Roman Stelzl

Yorkshire – Wie aus dem Nichts war er weg. Und wie aus dem Nichts ist er nun wieder zurück. Die Rede ist von Rohan Dennis, dem derzeit wohl stärksten Zeitfahrer der Radsport-Gegenwart – und geredet wurde wahrlich viel über den 29-jährigen Australier, der heute als großer Favorit in das Zeitfahren der Rad-Weltmeisterschaft in Yorkshire (GBR) startet. Nur er selbst schwieg.

Es ist der erste Start des Goldmedaillengewinners der Rad-WM in Tirol seit jenem 18. Juli, an dem Dennis bei der Tour de France aufhörte und vom Rad abstieg. Der Tour-de-Suisse-Zweite verschwand. Ohne sichtbaren Grund. Ohne Erklärung. Einfach so.

Gerüchte aller Art machten die Runde – dem Vernehmen nach war ein interner Streit der Grund für die Kurzschlussreaktion. Andere wiederum orteten erneut aufkeimende psychische Probleme depressiver Natur beim Weltmeister. Erst vor wenigen Tagen meldete sich Dennis zu Wort. Der Bahrain-Merida-Profi sei mit Hassbriefen, Anfeindungen und sogar Drohungen konfrontiert gewesen.

„Es ist so unverhältnismäßig, dass mich die Leute dafür beschimpft haben. Als ich nicht geantwortet habe, haben die Leute meiner Frau Direktnachrichten geschickt“, erklärte Dennis, der im Anschluss sogar seinen Twitter-Account löschte.

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Der Vorarlberger Matthias Brändle will überraschen.
Der Vorarlberger Matthias Brändle will überraschen.
- imago/Belga

Den Grund für seinen Tour-de-France-Abtritt benennt er bis heute nicht. Auch auf die offizielle Zeitfahr-Maschine seines Teams Bahrain-Merida soll verzichtet werden. Und trotz aller Widrigkeiten spucken ihn die Wettbüros ganz oben auf der Favoritenliste aus.

Das gilt auch für die Liste des österreichischen WM-Beitrags Matthias Brändle. „Für mich ist Rohan Dennis ganz klar der Favorit. Er ist sicher der stärkste Fahrer momentan“, sagt der 29-jährige Vorarlberger ungeachtet der langen Pause nach dem Eklat bei der Tour de France. Brändles zweiter Kandidat für Gold ist einer, der im Vorjahr bei der Rad-WM in Tirol noch den Junioren-Titel gewonnen hatte. „Remco Evenepoel ist meiner Meinung nach schon so weit, um bei dieser WM eine Medaille zu holen. Gold traue ich ihm nicht zu, dafür ist Dennis zu stark. Aber Silber oder Bronze ist sicher möglich“, erklärt der ehemalige Stundenweltrekordhalter über den erst 19-jährigen Belgier, der sich heuer überraschend den EM-Titel geschnappt hatte.

Nach dem freiwilligen Nichtantritt von Lokalmatador Geraint Thomas und dem Fehlen des WM-Zweiten von 2018, dem Niederländer Tom Dumoulin, ist neben Victor Campenaerts (BEL) auch Sloweniens Vuelta-Sieger Pri­moz Roglic heiß auf den großen Coup.

Aus österreichischer Sicht hängen die Trauben für Brändle sehr hoch. Der Trek-Profi kommt als Österreichischer Meister, im Vorjahr gab es WM-Rang 26. „Mein Ziel sind die Top Ten und ein Ticket für die Olympischen Spiele“, sagt Brändle und ergänzt: „Die Strecke hat etwa gleich viel Höhenmeter wie die in Tirol im Vorjahr, nur warten hier insgesamt mehr Anstiege.“ Und die sind mitunter sehr bissig. Raum für Überraschungen gibt es also. Zumal der Favorit alles will – und wie aus dem Nichts kam.