Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.09.2019


Leichtathletik-WM

Der Wüsten-WM in Doha fehlt die Lichtgestalt

Just in Doha, wo man von ausverkauften Stadien nur träumen kann, sucht die Leichtathletik Ersatz für Superstar Usain Bolt. Schnelle Leute gibt es genügend, aber das ist nicht genug.

Von ausverkauften Stadien kann man in Doha nur träumen.

© AFPVon ausverkauften Stadien kann man in Doha nur träumen.



Doha – Es war das Bild der Weltmeisterschaft 2017 in London: Der an diesem Tag schnellste Mann der Welt, Justin Gatlin (USA), ging nach dem 100-m-Finale vor dem nur drittplatzierten Usain Bolt in die Knie und huldigte dem schnellsten Mann der Geschichte nach dessen letztem Einzelrennen. Nur ein Beleg dafür, wie der Jamaikaner die Szenerie über ein Jahrzehnt hinaus prägte.

Usain Bolt – das war nicht nur ein Fleisch gewordener Blitz auf zwei Beinen, das war feinstes Entertainment vom Scheitel bis zur goldfarbenen Sohle. Ein bestens vermarktbares Monument seines Sports – vergleichbar mit Roger Federer (Tennis), Tiger Woods (Golf) oder Lionel Messi (Fußball).

Seit Bolt seine Spike-Patscherln verräumt hat, fehlt der Welt-Leichtathletik die Lichtgestalt. Und daran wird auch die WM in Doha (Katar) kaum etwas ändern. Aber wer hat das Zeug, das Erbe des Weltrekordlers, achtmaligen Olympiasiegers und elfmaligen Weltmeisters anzutreten?

Vor zwei Jahren in London: 100-m-Weltmeister Justin Gatlin verbeugte sich vor Usain Bolt.
Vor zwei Jahren in London: 100-m-Weltmeister Justin Gatlin verbeugte sich vor Usain Bolt.
- Reuters

Im 100-m-Sprint, der ungeschriebenen Königsdisziplin, ist Christian Coleman das Aushängeschild der nächsten Generation. Schnelle Beine, forsche Töne – für Schlagzeilen hat der 23-jährige US-Amerikaner in diesem Jahr schon reichlich gesorgt. Auch für negative. Nach drei verpassten Dopingkontrollen („missed tests“) drohte dem Mann aus Atlanta eine Sperre. Doch Coleman hat gute Anwälte. Die Anti-Doping-Agentur der USA zog ihre Anklage zurück. Bei einer Verurteilung hätte dem schnellsten Mann dieses Jahres (9,81 Sekunden) eine Sperre von bis zu zwei Jahren gedroht.

Über die 200 m ist US-Landsmann Noah Lyles das wohl größte Zukunftsversprechen. Nicht umsonst wird er in den Staaten als „the next big thing“ gehandelt. Der 22-Jährige glänzte in diesem Jahr in Lausanne, wo er mit 19,50 Sekunden die viertschnellste Zeit aller Zeiten markierte. Wenig später lief der zierlich wirkende Mann aus Florida beim Diamond-League-Meeting 19,65 und verbesserte damit den Meeting-Rekord eines gewissen Usain Bolt (19,73).

Im Damen-Sprint gilt die 23-jährige Britin Dina Asher-Smith als Blue Chip. Die dreifache Europameisterin von Berlin ist nicht nur rasant unterwegs, sie bringt auch den notwendigen Glamourfaktor mit. So wie die große Dame des Sprints, Allyson Felix. Mit 16 Medaillen ist die 33-jährige US-Amerikanerin die bis dato erfolgreichste Leichtathletin der WM-Geschichte – ein weiblicher Bolt ist sie deshalb aber noch lange nicht.

Zuletzt geriet Felix mit der Trennung von ihrem langjährigen Ausrüster Nike in die Schlagzeilen. „Wenn wir Kinder bekommen, riskieren wir finanzielle Einbußen während der Schwangerschaft und danach. Es ist ein Beispiel für eine Sport-Industrie, in der Regeln immer noch meistens für und von Männern gemacht werden“, schrieb Felix in der New York Times. Die Jungmama, die Ende 2018 eine Tochter zur Welt brachte, wollte eine drastische Kürzung ihres Vertrages nicht akzeptieren und wechselte schließlich zur Ausrüsterfirma Athleta. US-Sportartikelhersteller Nike kündigte neue Richtlinien im Umgang mit schwangeren Athletinnen an. (m.i., dpa)