Letztes Update am Do, 10.12.2015 09:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Skispringen

Schlierenzauer fehlt momentan der Zauber

Rat-, freud- und energielos setzt Rekord-Weltcupsieger Gregor Schlierenzauer auf eine völlige Pause vom Skispringen. Sein langjähriger Wegbegleiter Toni Innauer kann sich in den 25-Jährigen hineinversetzen.

Gregor Schlierenzauer pausiert im Weltcup – und sucht nach dem Grund für seine derzeitige Formkrise.

© GepaGregor Schlierenzauer pausiert im Weltcup – und sucht nach dem Grund für seine derzeitige Formkrise.



Von Susann Frank

Innsbruck – Geht es um Skisprung-Ass Gregor Schlierenzauer, bemüht Cheftrainer Heinz Kuttin mittlerweile die Astrologie: „Wann Gregor in den Weltcup zurückkehren wird, steht in den Sternen.“ Genaueres kann derzeit keiner sagen. Was der Rekord-Weltcupsieger die kommenden Tage machen wird, ist ebenfalls offen. Ob Spazie­rengehen, Skifahren oder Wellnessen – der Fulpmer will es auf sich zukommen lassen.

Nur eines steht fest: Schlierenzauer wird nicht Skispringen. Nicht im Training – und schon gar nicht im Wettkampf. Während der österreichische Tross gestern zum kommenden Wettkampfort im russischen Nischnij Tagil (Samstag

16 Uhr ORF eins live) reiste, gab der 25-Jährige auf seiner Homepage bekannt, nach der Auszeit vor zwei Wochen in Kuusamo (FIN) erneut eine Pause einzulegen. Und die Worte, die dort zu lesen waren, hörten sich rat-, freud- und energielos hinsichtlich seiner Schanzen-Leidenschaft an. Vom Schlierenzau(b)er ist wenig übrig:

„Um wieder dort hinzukommen, wo ich jahrelang war, habe ich in den vergangenen Monaten so ziemlich alles probiert, umgestellt, neu eingeschliffen und unternommen, was möglich ist, und kann weder mir noch den Trainern mangelhafte Einstellung oder fehlende Motivation vorwerfen. Ich habe eine beinharte Vorbereitung hinter mir und extrem viel investiert, komme aber einfach nicht auf Meter und Weite“, resümierte Schlierenzauer und fügte hinzu: „Ich möchte Abstand gewinnen, um die Müdigkeit, die ich aktuell verspüre, aus dem Kopf raus- und neuen Schwung und Freude hineinzubekommen.“

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Spaß am Skispringen: Seit den Unstimmigkeiten mit dem damaligen Cheftrainer Alexander Pointner (siehe Kolumne) bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi ist dieser Faktor immer wieder ein bestimmender im Leben des Medaillen- und Sieghamsters. Um diesen wiederzufinden, hat der Rekordsammler schließlich sein gesamtes System hinterfragt und überarbeitet. „Er hat das akribisch gemacht“, lobte Kuttin.

Nur der Erfolg blieb aus. Und das, obwohl mittlerweile erkannt wurde, dass seine Flugkurve zu hoch war. Siegspringer wie Severin Freund (GER) würden flacher und dadurch schneller in der Luft sein, heißt es aus seinem Umfeld – am Sonntag in Lille­hammer (NOR) landete Schlierenzauer trotzdem nur auf dem 20. Platz. In der vergangenen Saison jubelte der Fulpmer lediglich über einen Sieg. Zusammen mit dem 16. Rang im Gesamtweltcup bedeutete es das schlechteste Abschneiden seit seinem Senkrechtstart mit 16 Jahren.

Die zwei Medaillen bei der WM in Falun polierten die Bilanz auf, zum Stimmungshoch führte es scheinbar nicht. Weitere Trainingsänderungen im Sommer sollten den Perfektionisten zurück in die Erfolgsspur bringen – bisher steht er noch daneben. „Es funktioniert einfach nicht, wenn er unbedingt will“, erklärte Kuttin: „Und somit macht ihm das Ganze auch keine Freude – und die braucht er.“

Toni Innauer, der den Ausnahmekönner von Kindesbeinen an kennt, sieht mehrere Ursachen in der anhaltenden Krise. Eine davon seien seine Ressourcen. „Wenn du dich zehn Jahre in der Weltspitze hältst, ist das ein Phänomen. Das kostet viel Kraft und Energie – du reizt alles andauernd aus“, betonte der ehemalige sportliche Leiter der Skispringer im Österreichischen Skiverband. Eben dieses Phänomen hätte auch er am eigenen Leib erlebt. „Ich habe damals mit 15 Jahren an der WM teilgenommen und habe mich mit 21 Jahren wie mancher 25-Jährige gefühlt“, erinnerte sich der 57-Jährige.

Nach einer schweren Knöchelverletzung mit 22 Jahren dachte Innauer dann auch nicht mehr über ein Comeback nach. Ob Schlierenzauer über ein Karriereende nachdenke? Das kann nur er selbst beantworten. Bisher plant der zweifache Vierschanzentournee-Sieger, zum ersten Höhepunkt wieder ins Wettkampfgeschehen einzusteigen.

Die sprungfreie Zeit, so schreibt Schlierenzauer, solle helfen, seine Knoten zu lösen. Dass er sich für die erneute Auszeit ausgesprochen hat, fand einhellig Zustimmung. Ob er in Oberstdorf mit der alten Stärke zurückkehren wird, das steht wohl ebenfalls in den Sternen.

Kolumne: Mut zum Absprung

Von Alexander Pointner

Gregor hat alles nur Erdenkliche versucht, um wieder in die Erfolgsspur zurückzukehren. Der Unterschied: Früher konnte er in kleinen Zeitspannen große Probleme ausloten, etwa bei der Skiflug-WM 2008. Im ersten Training kam er damals nicht ins Fliegen, mit einem gemeinsam erarbeiteten Konzept wurde er schließlich Skiflug-Weltmeister. Mit unseren Umstellungen trafen wir bei ihm sehr oft ins Schwarze.

Mit der Zeit sammelte er immer mehr Erfahrungen, „sein“ zusätzliches Betreuer-Team wurde immer komplexer. Damit ließ er in der Folge andere Standpunkte immer weniger gelten. Dies erschwerte zwangsläufig die Arbeit mit ihm.

In den vergangenen zwei Jahren wurde jetzt alles so gemacht, wie er sich das vorgestellt hatte – oder wie es sein Umfeld hatte durchsetzen wollen. Das fing schon bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi an. Die Erfüllung dieser Wünsche bedeutet für ihn jetzt weiteren Druck. Den Joker, den ein Spitzensportler zusätzlich hat – die Schuld von sich zu weisen –, den kann er jetzt nicht mehr ziehen. Sonst würde er allen in den Rücken fallen. Daran ist er jedoch zu einem nicht unbeträchtlichen Teil selber Schuld.

Er befindet sich in derselben Situation wie nach den Spielen in Sotschi: Er empfindet Müdigkeit und will wieder Freude spüren. Ein grundsätzliches Problem, denn er hat 100 Prozent gegeben und schreibt jetzt in seinem Blog, dass er keine Energie mehr hat. Da muss er an seinem Ressourcenhaushalt arbeiten. Die Zeit, etwas Grundsätzliches zu ändern, ist jetzt, mitten in der Saison, nicht mehr da. Gregor müsste mit seinem Status quo zufrieden sein, denn er ist gut genug, um ganz vorne mitzuspringen. Er hat diese Fähigkeiten, das ist für mich unbestritten. Jetzt kommt es darauf an, welchen Leuten er vertraut. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gregor in so einer Situation viel Kraft vom Betreuerteam fordert, um auf Spur zu kommen. Dadurch erhalten andere weniger Aufmerksamkeit. Vielleicht springt das Team durch seine Abwesenheit entfesselter.

Alexander Pointner (44), erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, kommentiert für die TT das Schanzen-Geschehen.

Homepage: www.alexanderpointner.at>