Letztes Update am Di, 04.07.2017 16:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ski Alpin

Veith: „Skifahren ist noch ein Stück weit weg“

Ski-Star Anna Veith kämpft weiter um ihre Rückkehr und fehlt auch in Sölden. An Skifahren ist vorerst nicht zu denken. Im TT-Interview spricht die 28-Jährige über ihren steinigen Weg und Parallelen zum Streitfall Kristoffersen.

Auf Innsbruck-Besuch: Auf ihrem Weg zurück gehören die Arztvisiten in der Tiroler Landeshauptstadt für Anna Veith dazu.

© Rudy De Moor / TTAuf Innsbruck-Besuch: Auf ihrem Weg zurück gehören die Arztvisiten in der Tiroler Landeshauptstadt für Anna Veith dazu.



Frau Veith, wie sehr nervt es, dass Gespräche mit Ihnen oft mit einem mehrdeutigen „Wie geht’s“ beginnen?

Anna Veith: Es ist ja meistens gut gemeint, da muss man sich dann nicht ärgern (lacht). Und die Frage „Wie geht’s?“ muss ich mir selbst auch fast jeden Tag stellen und mein Training anpassen.

Das linke Knie wurde Ende Februar an der Patellasehne operiert, am anderen Knie erlitten Sie im Oktober 2015 einen Riss von Patellasehne, Kreuzband und Innenband. Wie verläuft der Heilungsprozess?

Veith: Der Weg stimmt, auch wenn er langwierig ist. Das Gute ist: Ich weiß, worauf ich achten muss. Die Knie reagieren gut auf die Behandlung. Durch die Operation im Februar ist eine große Last von mir abgefallen, denn seitdem bin ich endlich komplett schmerzfrei. Ich kann das Training so steuern, dass ich es bestmöglich verkrafte und mich so wieder stärke.

Der Weltcup-Auftakt in Sölden ist kein Thema mehr – inwieweit sind Sie im Zeitplan für das Comeback?

Veith: Sölden war nie ein Thema. Durch die Verletzung am rechten Knie wusste ich ja, was es bedeutet, eine Sehnenverletzung zu haben. Das kann man mit Muskel- oder Knochenverletzungen nicht vergleichen, weil Sehnen einfach mehr Zeit zum Heilen brauchen – egal was man tut. Deshalb war mir klar, ich muss meine Ziele langfristig setzen. Sölden wäre also nur ein unnötiger Stressfaktor, den ich mir nicht auferlegen wollte. Skifahren ist noch ein Stück weit weg, aber ich weiß: Ich bin im Soll.

Der Sturz 2015, die verpatzte WM im Februar, danach die Operation – die Zeitlinie mit Rückschlägen wird immer länger. Woher holen Sie sich neue Motivation?

Veith: Skifahren bedeutet mir einfach so viel. Dieses Leben ist genau das, das ich noch weiterleben will. Und die Motivation fürs Rennfahren, die kommt daher, dass ich auch in der letzten Saison immer wieder im Rennen gespürt habe: Ja, es geht noch. Darum bin ich auch davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Inwieweit haben Sie in der langen Zeit gelernt, mit Ihren Rückschlägen umzugehen?

Veith: Die Rückschläge zu akzeptieren war extrem schwierig für mich, weil es vor der Verletzung bei mir ja immer nur bergauf gegangen ist. Mit diesem Tief musste ich erstmal klarkommen. Ich dachte lange: Du hast es im Griff. Aber so war es nicht. Jetzt erst habe ich geschafft, es so anzunehmen, wie es ist, und deswegen geht es mir auch besser als vor einem Jahr.

Sie waren zweimal Gesamtweltcupsiegerin – wie sehr ist der Gesamtweltcup für Sie noch ein Thema?

Veith: Er spielt gar keine Rolle. Für mich ist das größte Ziel, so fit zu sein, dass ich wieder so Ski fahren kann, wie ich es mir vorstelle, und mein Körper mich nicht mehr einbremst. Ich will es wieder erleben, dass ich an den Schwüngen und am Rennfahren richtig Spaß habe. Erst dann kann man sich mit dem Rennkalender beschäftigen ...

Das letzte Mal auf Ski: Seit dem WM-Riesentorlauf am 16. Februar und ihrer Knieoperation kämpft Anna Veith um das Comeback.
Das letzte Mal auf Ski: Seit dem WM-Riesentorlauf am 16. Februar und ihrer Knieoperation kämpft Anna Veith um das Comeback.
- gepa

In dieser Saison warten ja auch Olympia-Rennen ...

Veith: ... mit dem Thema setze ich mich noch gar nicht auseinander. Natürlich weiß ich, dass Olympische Spiele kommen, und ich habe schöne Erinnerungen daran. Wenn ich an Sotschi denke, weiß ich, wofür man das alles macht – auch die Einheiten, die nicht so viel Spaß machen. Aber der Fokus ist ganz klar das Fitwerden. Sonst wird es nicht funktionieren.

Ihr Trainer Meinhard Tatschl ist jetzt für eine Gruppe mit Ihnen (Back to Race, Anm.) zuständig und nicht mehr für Sie alleine ...

Veith: Es war ein Wunsch von mir, wieder mehr in eine Gruppe integriert zu werden, weil es einfach wichtig ist, Anhaltspunkte und auch den Austausch mit den anderen zu haben. Gerade in einer Zeit, in der man mit dem Körper kämpft, kann das helfen. Ich finde es extrem cool, dass es jetzt so eine Gruppe gibt, für die, die gerade mehr Einzelbetreuung brauchen. Aber es ist trotzdem so, dass dann am Schnee der Meini mein Trainer ist. Ich kann mich auf ihn verlassen.

Der Schweizer Beat Feuz hatte ebenfalls lange Probleme mit dem Knie, wurde dann heuer Abfahrtsweltmeister. Wie sehr geben solche Vorbilder Auftrieb?

Veith: Was der Beat da durchgemacht hat, muss sicher extrem für ihn gewesen sein. Was man da rausholen kann für sich ist: Ein anderer hat es auch geschafft. Wichtig ist, dass jeder seinen eigenen Weg zurück an die Spitze findet.

Einer, der auch seinen eigenen Weg geht, ist Henrik Kristoffersen. Er pocht auf sein Recht, einen eigenen Kopfsponsor zu haben (Kris­toffersen unterschrieb gestern die Athletenvereinbarung – der Konflikt dauert aber weiter an, Anm.). Wie haben Sie das verfolgt?

Veith: Nur am Rande, mit so etwas beschäftige ich mich nicht täglich. Ich weiß ja, wie schwierig das Thema ist.

Erkennen Sie da Parallelen zu Ihrer Geschichte (ÖSV-Konflikt 2015, drohender Rücktritt, Anm.)?

Veith: Bei mir ist das alles schon eine Zeitlang her und Gott sei Dank so, dass es sich in eine sehr, sehr gute Richtung entwickelt hat. Ich bekomme 100-prozentige Unterstützung vom Verband und mir geht es sehr gut dabei. Ich hoffe für den Henrik, dass er das auch in die Richtung schafft. Denn alles, was gegen jemanden ist, ist immer nervenaufreibend, schwierig und kostet extrem viel Energie. Wenn man sich angeschaut hat, was er letztes Jahr ausgelassen hat, dadurch, dass er in Levi nicht gefahren ist, ist es bitter. Es geht um den Sport. Das sollte man nie aus den Augen verlieren.

In gewisser Hinsicht wirken Sie ja beide rebellisch ...

Veith: Ich kann mich da nicht in ihn reinversetzen – aber ich denke, wenn einzelne Sportler für etwas kämpfen, bewirkt so etwas eigentlich immer zumindest ein Nachdenken. Und so etwas ist nie schlecht. Denn wenn man immer nur zu allem Ja sagt, wird sich nie etwas verändern. Veränderungen sind wichtig, auch in einem großen System und dafür lohnt es sich, sich einzusetzen – auch wenn es Energie kostet. Allerdings muss man auch seine Grenzen kennen und da nicht drübergehen.

Der Verband setzt inzwischen mehr auf individuelle Betreuung – ist das die richtige Entwicklung?

Veith: Ich denke, dass man die Möglichkeit braucht, individuell an seinen Stärken zu arbeiten, um absolut top zu werden. Ein guter Trainer kriegt das auch in der Gruppe hin und sieht, welche Stärken er bei welchem Läufer fördern muss. Für mich war früher auch immer wichtig, dass ich gewusst habe, ich kann auch in der Gruppe trainieren. Man hat einfach andere Vergleiche, als wenn man immer nur allein trainiert. Entscheidend ist, dass jeder das Beste für sich findet. Darum geht es. Der Verband hat das erkannt, unterstützt das und das funktioniert bei uns sehr gut.

Das Gespräch führte Roman Stelzl