Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.12.2017


Exklusiv

Stams-Absolvent Raich: “Gezeichnetes Bild sehr einseitig“

Ein anonym gebliebener ehemaliger ÖSV-Athlet prangerte das System Ski-Internat Stams aufs Schärfste an. Stams-Absolvent Benjamin Raich fühlt sich vor den Kopf gestoßen und kann vieles nicht nachvollziehen.

© KristenBenjamin Raich bezeichnet das Ski-Internat und den Sport als „manchmal harte, aber gute Lebensschule“.



Von Max Ischia

Innsbruck, Stams – Nach den gleichsam anonymen wie massiven Vorwürfen eines ehemaligen ÖSV-Athleten gegen das Schigymnasium Stams hat in der Eliteschmiede die interne Aufarbeitung begonnen. Direktor Arno Staudacher lud gestern Lehrkörper, Trainer und Internatbedienstete zu einer Sitzung. Mehr wurde nicht bekannt, schließlich wurde die Stams-Führung samt Belegschaft seitens des Bildungsministeriums zum Stillschweigen angehalten. Dafür sprach Stams-Absolvent Benjamin Raich mit der TT – und wollte eines vorausschicken. Er möchte weder etwas verharmlosen, noch die Flut an Aussagen und Vorwürfen rund um das Thema sexueller Missbrauch im Skisport in Frage stellen. „Jeder Fall ist ein Verbrechen und einer zu viel. Und wenn nur irgendwie möglich, gehören die Täter zur Rechenschaft gezogen.“

Die von einem seiner ÖSV-Kollegen in der Tageszeitung Der Standard erhobenen Vorwürfe wollte er so aber nicht stehen lassen. Es geht um die 80er und 90er und dabei vordergründig um das Schigymnasium Stams. „Wenn man sich das alles so durchliest, bekommt man das Gefühl, als wäre Stams ein Ort des Schreckens, wo Missbrauch gang und gäbe gewesen sei und Teenager unterdrückt wurden und werden. Das gezeichnete Bild ist für mich sehr einseitig“, sagt er und will nicht verhehlen, dass zu seinen Schulzeiten (1992 bis 1996) wohl auch „gepastert“ wurde. Er selbst sei nie Opfer gewesen und er wäre auch nie dabei gewesen. Was freilich nichts daran ändert, dass unter den Schülern zum Teil Grenzen schamlos überschritten wurden – wie auch in anderen Institutionen abseits des Sports. „Da gibt‘s überhaupt nichts zu verharmlosen. Und das wurde es meines Wissens von der Schulleitung auch nicht.“

Raich glaubt und hofft, dass es das Pastern in Stams inzwischen nicht mehr gibt. „Ich bin nach wie vor eng mit dem Skisport verbunden, rede mit vielen Nachwuchssportlern und mir wäre nie, wirklich nie etwas Diesbezügliches zu Ohren gekommen.“

Dass Stams ein Ort extremer Hierarchien und Machtmissbrauchs sei, will der 39-Jährige differenziert bewertet sehen. „Natürlich gibt’s eine Hierarchie, aber das ist in einem anderen Internat oder in einer anderen Schule nicht anders. Da wie dort gibt es Jüngere und Ältere. Aufmüpfigere und Ruhigere. Wenn ein Junger frech ist, gibt’s auch einmal eine auf die Mütze.“

Dass junge Läufer und Läuferinnen in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis zu Trainern und Serviceleuten stehen sollen, wie angeklagt wird, lässt Raich den Kopf schütteln. „Ich gehe einmal davon aus, dass sich diese Aussagen nicht nur auf Stams beziehen. Denn dort gibt es keine Serviceleute. Ich habe diesbezüglich mit meinem engsten Umfeld, aber auch mit ehemaligen Kollegen gesprochen, und die fühlen sich wie ich zuweilen im falschen Film. Allein der Gedanke, dass  eine Läuferin oder ein Läufer, wie es beschrieben wird, mit sexueller Freizügigkeit einen Startplatz erlangen soll oder dafür einen schnelleren Ski kriegt, halte ich damals wie heute fernab der Realität.“ Auf die konkrete Frage, ob er aus jetziger Sicht seine Söhne (zwei Jahre bzw. vier Monate alt) einmal in Stams zur Schule gehen lassen würde, anwortet er vorbehaltlos mit „auf jeden Fall“.

Dass das System Stams – sofern es das überhaupt gibt –, wie von dem anonym gebliebenen ÖSV-Aktiven beschrieben, viele junge Menschen breche und in Identitätskrisen stürze, sieht Raich ebenfalls differenziert. „Stams ist wie jedes andere Internat, wo man Sport, Kunst oder ein Handwerk unter einen Hut bringen muss, kein Honigschlecken. Natürlich wollen die meisten nach oben, streben nach Erfolg. Nicht allen ist das vergönnt. Nicht jeder ist gleich talentiert, gleich geschickt oder gleich stark im Kopf. Natürlich gibt’s da auch Frustrierte, Enttäuschte und Leute, die scheitern. Nur die Schule dafür verantwortlich zu machen, wäre mir zu einfach.“ Er persönlich würde das Ski-Internat und den Sport als „manchmal harte, aber gute Lebensschule“ bezeichnen, wohl wissend, dass er als erfolgreicher Athlet weniger Talsohlen zu durchschreiten hatte.

Wenn er aus den Wirren der nahezu täglich neuen Vorwürfe und Beschuldigungen etwas Positives mitnehmen will, dann, „dass die Gesellschaft sensibler mit dieser Thematik umgehen muss“. In diesem Zusammenhang nennt er auch das Wort Zivilcourage. „Das beginnt in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz. Jeder muss bei sich anfangen.“ Eine heile Welt werde es freilich nie geben. „Aber einmal mehr sollten wir uns vor Augen führen, dass die Stärkeren für die Schwächeren eintreten und Courage zeigen müssen. Dazu gilt es, Missstände schonungslos anzusprechen bzw. eine unabhängige Anlaufstelle zu schaffen, wo sich Opfer ungeniert melden können.“