Letztes Update am Mi, 03.01.2018 12:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Vierschanzentournee

ÖSV-Adler in der Krise: Auf Spurensuche am Bergisel

Das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen hat Schwächen im System der ÖSV-Adler aufgedeckt. In der Olympia-Saison drängt die Zeit für Veränderungen. Die TT liefert einen Überblick der Problemfelder.

© gepaSteht vor dem Bergiselspringen im Mittelpunkt der Kritik: ÖSV-Cheftrainer Heinz Kuttin.



Von Susann Frank

Innsbruck – Es wäre schön, wenn das österreichische Garmisch-Debakel nur eine Momentaufnahme bleibt. Unter Berücksichtigung von Gesamtweltcup, Nationencup und zweiter Leistungsstufe (Continentalcup) zeichnet sich jedoch eine Problematik ab, die mehr als eine kurzfristige Schieflage anzeigt. Dabei jagt jetzt ein Höhepunkt den anderen: Der Tournee folgen das Heim-Skifliegen am Kulm und die Skiflug-WM in Oberstdorf, danach geht es bereits um Olympia-Medaillen. Die Problem-Spurensuche vor der heutigen Qualifikation am Bergisel (14 Uhr ORF eins live):

1.) Gesamtsituation

Die Österreicher spielen nicht nur bei der Tournee-Entscheidung keine Rolle mehr. Im Gesamtweltcup hellt nur der in Garmisch abgestürzte Stefan Kraft mit dem fünften Platz das sonst düstere Abschneiden auf. Zweitbester ÖSV-Adler ist abgeschlagen Manuel Fettner (20.), dann Daniel Huber (27.). Im Nationencup liegen die einstigen Dominatoren auf dem vierten Platz hinter Deutschland, Norwegen und Polen. Auch dem Nachwuchs scheinen keine Flügel zu wachsen: Im Continentalcup liegt Philipp Aschenwald als Bester auf dem fünften Platz (Florian Altenburger ist 9.). Durch die fehlenden Erfolge verlor das Weltcupteam bereits einen Tournee-Startplatz. Für Kuttin kommt das Nachwuchs-Thema zum falschen Zeitpunkt und sei „unglaublich aufgebauscht“. Man habe seit vielen Jahren ein gutes System im Nachwuchs und sei erfolgreich, betonte der Coach.

2.) Zeitnot

Ernst Vettori, Sportlicher Leiter des ÖSV, erklärte, dass alles analysiert werde. „Wir hinterfragen alles, angefangen vom Material bis zu den Physios und Trainern.“ Es muss schnell gehen. Bis Olympia jagt ein Höhepunkt den anderen. „Die Kunst wird sein, die richtige Entscheidung zu treffen“, sagt Harald Haim, Vettoris Pendant am Schigymnasium Stams. Sollte man am Berg­isel und in Bischofshofen erfolglos bleiben, müsste für den Olympia-Fahrplan überlegt werden, die Mannschaft komplett neu aufzusetzen. Sprich: Springer aus dem Weltcup zu nehmen und ins Training zu geben.

3.) Wissenstransfer

Die Österreicher kreierten das Stützpunktsystem, das durch die Abwanderung der heimischen Trainer wie Schuster (Deutschland), Stöckl (Norwegen) und Horngacher (Polen) mittlerweile überall installiert ist. Sie alle transferierten jedoch weit mehr als nur Trainingswissen ins Ausland. „Vor allem haben sie dadurch gelernt, dass man sich um den Menschen im Skispringer kümmern muss.“ Für Haim steht fest: Das Stützpunktsystem gehört weiterentwickelt. Im Bereich Nachwuchs gebe es Nationen, die schon auf mehr Ressourcen zurückgreifen können. „ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel würde sagen: Wir sind in der Durchschnittsfalle gefangen“, erklärte Haim.

4.) Fehlende Innovationen

Der Trainerstab im und um das österreichische Nationalteam ist groß. Bezüglich Techniktraining scheint ihm nichts vorzuwerfen zu sein. Aber wo bleiben die Vordenker? In den Zeiten von Sportdirektor Toni Innauer – Vorgänger und Freund von Vettori – war man darauf im Skisprung-Lager immer besonders stolz. Der ZDF-Experte will zur Schieflage noch keine „tiefschürfende Analyse“ abgeben. Er räumt jedoch ein, dass es eine komplexe Geschichte sei und nicht „monokausal zu sehen ist“.

Die Schanzenanlage des SV Innsbruck-Bergisel in Natters: Gregor Schlierenzauer wurde hier entdeckt, doch mittlerweile ist der Unterbau in die Jahre gekommen und der Umbau ist schwer finanzierbar.
- Poppinger

5.) Manager-Problematik

Gregor Schlierenzauer vertraut seit seinem Comeback auf Hubert Neuper; Stefan Kraft und Michael Hayböck auf Patrick Murnig. Der zweifache Vierschanzentournee-Sieger Neuper hält sich mittlerweile im Hintergrund, Murnig drängt durch Presseaussendungen seiner Agentur während der Tournee immer wieder in den Mittelpunkt. Mediale Redeverbote im Herbst – ohne das Wissen und die Zustimmung seiner Schützlinge – und Einmischungen in die ÖSV-Arbeit erschweren ein gemeinsames Vorankommen. Doch um des Friedens Willen lässt man den „systemischen Coach“ gewähren, anstatt sich einmal entgegenzustellen. „In der schwierigen Situation wäre es gut, wenn alle Parteien den Schulterschluss zeigen.“

6.) Schanzensituation

Diese Saison bekam der Bergisel endlich eine wetterfeste Spur, in der kommenden folgt Bischofshofen. Das Großschanzen-Training im Sommer ist gesichert. Ein Riesenproblem bleibt jedoch der Winter. Der Bergisel ist meist kurz nach dem Tourneespringen nicht mehr einsatzbereit. In Bischofshofen hat OK-Chef Hannes Pichler Cheftrainer Heinz Kuttin zugesagt, den Trainingsbetrieb bis zu den Winterspielen aufrechtzuhalten. Eine Ausnahme, dem finanziellen Aufwand geschuldet. Kleinere Nationen wie etwa Slowenien haben in Planica ein ganzjähriges Trainingszentrum. Bezeichnend die Situation in Natters, Geburtsstätte von Assen wie Gregor Schlierenzauer. Der Schanzenunterbau ist morsch, der kleine Verein ringt mit großem Engagement der Mitglieder um eine Renovierung im niedrigen sechsstelligen Bereich.

7.) Ausfälle

Wenn es nicht läuft, dreht sich die Abwärtsspirale meist in allen Bereichen. Verletzungen warfen Schlierenzauer und Hayböck ausgerechnet im Herbst aus der Flugbahn, Fettner kränkelte ab Tournee-Beginn. Andreas Kofler, Tourneesieger von 2010, muss durch seine Autoimmunkrankheit meist am Boden bleiben.