Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.03.2018


Skispringen

Wenn sich bei den ÖSV-Adlern das Trainerkarussell dreht

Trotz des dritten Platzes von Stefan Kraft gestern in Lahti (FIN) kocht die Gerüchteküche bezüglich Trainerwechsel bei den ÖSV-Skispringern weiter. Eine Spurensuche nach möglichen Kandidaten.

© gepa/mandlAuch wenn Heinz Kuttin gestern durch den dritten Platz von Stefan Kraft aufatmen konnte, scheinen seine Tage als Skisprung-Cheftrainer gezählt.



Von Susann Frank

Innsbruck – Es wird immer offensichtlicher: Beim Österreichischen Skiverband sind sich die hohen Herren jetzt wohl einig, im Skispringen am Trainerrad zu drehen: „Ich habe keine Jobgarantie abgegeben. Ich diskutiere das nicht jetzt, sondern frühestens nach der Saison“, erklärte Peter Schröcksnadel. Der ÖSV-Präsident relativierte damit seine ursprüngliche Aussage in Pyeongchang: „Wir werfen Kuttin nicht raus.“

Bei den Winterspielen, die mit dem schlechtesten Olympia-Normalschanzen-Ergebnis seit 46 Jahren für die ÖSV-Adler begannen und erstmals seit 2002 medaillenlos endeten. Bei den Spielen, die Ernst Vettori in seiner Funktion als Sportlicher Leiter nutzte, nach einem Nachfolger zu suchen, wie von mehreren Seiten zu hören ist. Schließlich waren schon zuvor mit Negativ-Rekorden traurige Geschichten geschrieben worden. Ein guter Saisonschluss wird Kuttin wohl nicht mehr retten.

Coach der Norweger: Alex Stöckl.
- Thomas Boehm / TT

Aber warum suchte Vettori schon in Südkorea? Weil dort die erfolgreichsten Trainer, alle aus Österreich, durch die Unterkunft im Olympischen Dorf leicht zu erreichen waren. Die Tiroler Tageszeitung gibt einen Einblick, wie es um die Verträge der Medaillen-Macher steht und wer ansonsten noch in Frage käme:

Alexander Stöckl: Nach dem Olympia-Teambewerb soll Vettori mit dem gebürtigen St. Johanner gesprochen haben, der 44-Jährige hatte die Norweger zum ersten Mannschafts-Gold gecoacht. Ein Gipfelsieg mit Ansage für den Ex-Stams-Trainer, der gleich in seiner ersten Saison mit dem Gesamtweltcupsieg von Anders Bardal (2012) die Herzen der Wikinger erobert hatte. Neue Aufgaben könnten ihn also reizen. Aber: Stöckl hat einen Vertrag bis 2022 und baute ein System auf, in dem er nach eigenen Aussagen als „Galionsfigur“ agiert.

Stefan Horngacher verleiht Polens Skispringer Flügel.
- gepa

„Es ist angenehm zu sehen, wie man einen Schritt zurückmachen und zu sich selbst sagen kann: Das läuft jetzt.“ Somit kann er nach sieben intensiven Jahren auch mal das in Oslo aufgebaute Familienleben mit Freundin Ina und Tochter Isabell genießen. Auch wenn er zu dem Thema bei Olympia gegenüber der TT keine Aussage machen wollte. Dass er zurückkommt, ist eher unwahrscheinlich.

Stefan Horngacher: Der gebürtige Wörgler kam nach Polen, stellte um und siegte auch gleich in seiner ersten Saison. 2017 führte er Kamil Stoch zum letzten großen fehlenden Titel: dem Vierschanzentourneesieg. Kurz darauf jubelte das Team über das Premieren-Mannschafts-Gold bei der WM in Lahti (FIN). Stoch legte unter der bekannt strengen Führung des 48-Jährigen weiter zu: Grand-Slam-Erfolg bei der Tournee, Gold bei Olympia (Großschanze). Und Horngacher? Wie zu hören ist, zögert der mit seiner Familie in Deutschland wohnende Tiroler, seinen Vertrag zu verlängern. Taktik, um seinen Wert zu steigern? Oder liebäugelt Horngacher wirklich mit einem Job in der Heimat? Zuletzt war der aktuelle polnische Trainer des Jahres für ein Statement nicht zu erreichen.

Nachwuchs-Trainer Christoph Strickner.
- gepa

Werner Schuster: Vor zehn Jahren ist der Wahl-Mieminger angetreten, um völlig am Boden liegende deutsche Skispringer wieder zu Höhenflügen zu führen. Der Vorarlberger hatte es anfangs nicht leicht, ließ sich von seiner Systemumstellung jedoch nicht abbringen, erarbeitete sich akribisch die volle Anerkennung und die deutschen Adler fliegen wieder auf einer ähnlichen Hype-Welle wie zu Sven Hannawalds Hochzeiten. Der Trainer von Olympia-Abräumer Andreas Wellinger (Gold/Normalschanze, jeweils Silber Mannschaft, Großschanze) hat das Vertragsverlängerungsangebot des Deutschen Skiverbandes bisher nicht angenommen, 2019 läuft der Kontrakt des 48-Jährigen aus.

Allerdings hat Schuster schon vor ein paar Jahren gesagt, sich vorstellen zu können, wieder zurück nach Stams zu gehen, wo auch seine Karriere begann. Bei den Spielen betonte er, in Zukunft „mehr Zeit für seine Familie haben zu wollen“. Mit einem Wechsel zu den schwachen Österreichern als Cheftrainer, bei denen auch das System hinterfragt werden muss, wäre das Gegenteil der Fall. Sein Wechsel: unwahrscheinlich.

Wer sonst noch in Frage kommt? Schon in der vergangenen Saison auf die Trainer­abwanderung ins Ausland angesprochen, betonte Harald Haim: „Wir haben wieder gute Trainer in dem Alter, in dem Stöckl und Schuster die Aufgaben angegangen sind.“ Als Sportlicher Leiter in der Kaderschmiede Stams hat er den Überblick. Christoph Strickner (32), der seit zwei Jahren vermehrt mit Gregor Schlierenzauer zusammenarbeitet, ist ein solcher.

Auch Andreas Mitter (36) zählt wohl dazu, der in Finnland die vergangenen zwei Jahre als Cheftrainer Erfahrungen sammelte. Sein Vertrag läuft aus. Oder Bernhard Metzler (38). Der Vorarlberger ist Continentalcup-Trainer (2. Liga) der Deutschen und liefert Schuster kontinuierlich guten Nachwuchs.

Und dass ÖSV-Präsident Schröcksnadel Kuttin „nicht rauswirft“, kann auch der Wahrheit entsprechen. Der Tiroler ist dafür bekannt, die Trainer in den eigenen Reihen halten zu wollen.

Der Mieminger Werner Schuster trainiert die Deutschen.
- Andreas Rottensteiner / TT