Letztes Update am Mi, 15.08.2018 11:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Veith: „Olympische Spiele haben ihre Magie verloren!“

Erstmals nach drei Jahren startete Ski-Star Anna Veith (29) am Wochenende fit ins Schneetraining. Die TT besuchte die Salzburgerin am Stilfser Joch.

© gepaAnna Veith freut sich über eine optimale Vorbereitung.



Frau Veith, seit Samstag sind Sie erstmals für drei Tage wieder auf Ski und trainieren am Stilfser Joch auf über 3000 Metern Höhe. Wie gut hat es getan, der Hitze zu entfliehen?

Anna Veith: Sehr gut. Ich bin bei der Hitze viel lieber in den Bergen. Es gibt Skifahrer, die die Hitze mögen. Aber da gehöre ich definitiv nicht dazu. Ich bin ein Wintermensch. Und die Bedingungen am Stilfser Joch waren sehr gut zum Trainieren. Zum Anfangen hat das gut gepasst.

Die Hitze hat den Gletschern stark zugesetzt...

Veith: Der Winter war gut, der hat den Gletschern geholfen, sonst wären die noch viel schlechter beieinander. Die schauen dann gleich mal schlecht aus, wenn das Eis durchkommt. Aber oben ist genug Schnee, da gehen sich 20 Riesentorlauf-Tore aus.

Am Montag stand Österreichs Ski-Star Anna Veith am Stilfser Joch wieder zwischen den Riesentorlauf-Toren - erstmals beginnt die Vorbereitung wieder ohne Komplikationen.
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Klimwandel und Gletscherschmelze – wie verfolgen Sie diese Thema?

Veith: Ich kann mich an meine Schul-Zeiten erinnern, als uns gesagt wurde, dass es keine Gletscher mehr geben wird, wenn wir erwachsen sind. Nun sind 15 oder 20 Jahre vergangen – und die Situation hat sich extrem verschlechtert. Alleine in Zermatt: Wenn wir jedes Jahr hinkommen, sehen wir, wie sehr die Gletscherzunge zurückgeht. Es ist falsch, wenn man da nicht von einem Klimawandel spricht. Den sieht man mit freiem Auge.

Zurück zum Training: Wie war das erste Schneetraining? Passt das Gesamtpaket?

Veith: Momentan geht es darum, sich an die Belastung zu gewöhnen. Man merkt nach dem Kraftraining auf Schnee dann schnell, dass man das Skifahren doch nur schwer simulieren kann. Also noch viel Arbeit für die Muskeln und ein langsamer Aufbau. Aber den Knien geht es gut.

Ihre Knie haben eine lange Leidensgeschichte. Wie viele tägliche Pflege brauchen sie nach den Operationen?

Veith: Sehr viel. Das wird sich auch nicht mehr ändern nach meiner Geschichte, die ich hinter mir habe (schwere Knieverletzung 2015 mit Riss der Patallarsehne und des Kreuzbandes, Anm.). Ich brauche nach dem Skifahren jeden Tag Therapie. Sonst würde ich riskieren, dass die Sehnen zu viel Zug bekommen.

Ihre vergangene Saison war sehr erfolgreich: Nach dem Comeback haben sie wieder im Weltcup gewonnen, verpassten im Super-G nur knapp Olympia-Gold. Wie sieht nun die Zielsetzung für das kommende Jahr? Ist der Gesamtweltcup wieder ein Thema?

Veith: Das wichtigste Thema ist, dass es mir gut geht. Ich bin erstmals seit drei Jahren in einer normalen Vorbereitung drinnen, habe Zeit richtig gut zu arbeiten und kann auch erstmals wieder Material testen. Also eine ganz andere Ausgangslage. Insofern hoffe ich, dass ich mit einer gewissen Sicherheit in die Saison gehen werde. Was dann möglich ist, ist schwer zu sagen. Entscheidend ist, dass ich auf meinen Körper höre, um die Belastung richtig einzuteilen. Vor dem Hintergrund ist der Gesamtweltcup eher kein Thema – denn ich gehe nicht davon aus, dass ich alle Rennen bestreiten kann.

Beim Weltcup-Auftakt in Sölden sind Sie aber dabei?

Veith: Ja, davon gehe ich aus. Zumindest wenn mir nix passiert.

Blieb von der „gewonnenen“ Zeit auch etwas übrig zum Abschalten im Sommer?

Veith: Wir (mit Ehemann Manuel Veith, Anm.) waren im Mai zwei Wochen in der Toscana. Es war mal wieder ganz was anderes, ich bin weg gekommen vom Trubel. Das Skifahren ist ja schon eine eigene Welt – man darf sich nicht durchgehend damit beschäftigen. Ich habe sehr viel Zeit mit meiner Familie verbracht, das hat mir gut getan.

Im Dezember eröffnen Sie in Rohrmoos einen eigenen Shop (Verleih, Verkauf von Wintersportausrüstung, Anm.). Gibt es einen gleitenden Übergang von der Sportsfrau zum Leben nach der Karriere?

Veith: Wir Sportler sind dazu gezwungen, gleichzeitig zum Sport ein Geschäft aufzubauen. Wir müssen uns Gedanken machen, was wir mit dem Geld machen, das wir verdienen. Ich möchte nicht nach der Karriere dastehen und nicht wissen, wie es weitergeht. Veith-Sport, ist das erste Projekt das Manuel und ich gemeinsam machen. Das heißt aber nicht, dass meine Karriere bald vorbei ist.

Sie sagen also nicht, dass es ihre letzte oder vorletzte Saison ist?

Veith: Das wäre Blödsinn. Wenn ich das vorher schon weiß, wird es schwierig, mich zu fokussieren.

Und wie sieht es mit einem Olympia-Start 2022 aus...?

Veith: Das glaube ich nicht (lacht). Die vielen Verletzungen haben mich sehr viel Energie gekostet. Noch einmal vier Jahre anhängen, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber sag mal niemals nie.

Apropos Olympia: Sie haben unlängst erwähnt, dass es bei den Abstimmungen zur Olympia-Vergabe 2026 in Tirol sowie in Graz/Schladming verabsäumt wurde, die Leute richtig zu informieren...

Veith: Für uns ist es ein wichtiges Event – aber Olympia hat im Endeffekt seine Magie verloren. Wieso wollen die Leute kein Olympia mehr? Normalerweise reißt der Sport die Leute ja mit, so kenne ich aus meiner Kindheit. Aber es ist ein ganz anderes Bild bei den Olympia-Abstimmungen. Es wurde verabsäumt, wirklich aufzuklären und endlich mal transparent zu sein, auch zu zeigen was passiert mit dem Geld. Die Leute würden ja erkennen, was man dafür bekommt. Sportstätten, Infrastruktur– das wird ja sowieso irgendwann gebaut. Wieso machen wir das nicht so, dass jeder was davon hat? Mit der Werbung, die Olympia in die Welt hinausträgt. Und das wurde verabsäumt, den Leuten mitzuteilen.

Von wem wurde das verabsäumt?

Veith: Von allen. Wir Sportler sind genauso in der Pflicht, auch wenn es nicht unsere Aufgabe ist, dafür Werbung zu machen. Dafür gibt es Leute, die damit beauftragt sind. IOC, ÖOC, Politik – die sind alle in der Pflicht, endlich mal aufzuklären. Das wird ein wichtiger Schritt sein.

Das deutsche Slalom-Ass Felix Neureuther hat erst kürzlich seine Kritik erneuert, das die Verteilung der Gelder bei Olympia nicht mehr stimme und der IOC zu viele Gelder einstreiche...

Veith: Das Gefühl habe ich auch, weil hier die Transparenz fehlt. Im Endeffekt gibt es viele Sponsoren, dazu investieren die Veranstalter. Irgendwo muss das Geld ja hinfließen. Es ist logisch, dass die Sportverbände und das IOC das Geld einstreichen – sie haben auch ein gewisses Recht dazu, schließlich haben sie die Veranstaltungen groß gemacht. Aber sie müssen auch alle rundherum leben lassen, damit es wieder möglich ist, eine solche Veranstaltung zu machen.

Felix Neureuther meinte auch, es gebe zu viele Sportarten und Disziplinen, der Überblick fehle. Im Skisport etwa sollte es nur mehr Abfahrt, Slalom und Riesentorlauf geben...

Veith: Er hat Recht: Es gibt zu viele Sportarten und Disziplinen. Die Menschen kennen sich nicht mehr aus, was wer gewonnen hat. Aber den Super-G weglassen? Nein, das ist meine Lieblingsdisziplin, weil es für mich der spannendste Zugang zum Skifahren ist. Da brauchst Du das meiste Gefühl, da kommt das Können wirklich heraus. Bei der Abfahrt fahre ich dreimal runter und weiß, wo die beste Linie ist. Beim Super-G geht das nicht.

Wie sehen Sie es, dass die Kombination ab 2019 im Weltcup verschwindet?

Veith: Man kann eine Disziplin nicht spannend machen, wenn es nur drei Rennen gibt. Da geht es um die Herangehensweise der FIS. Die Kombi nehmen die meisten nur mit. Das ist das Problem, sonst wäre es eine tolle Disziplin. Ich bin aber mit dem Parallel-Event auch nicht zufrieden. Die Techniker bekommen einen großen Vorteil, damit wird man den Gesamtweltcup in Zukunft nur mehr über die Technik gewinnen können. Nie mehr über Speed. Das wird das Bild des Ski Alpin verändern.

Ein anderes Thema noch: Wie sehr stört es Sie, dass Sie stetig Fragen nach dem Kinderwunsch beantworten müssen?

Veith: Damit muss ich mich abfinden. Wenn ich mich immer verstecken würde, dann ginge es mir nicht gut. Man muss für sich selbst eine Grenze finden, was man mitteilt und was nicht. Und man hat dann seine Antwort parat. Natürlich will ich Kinder, aber ich bin jetzt noch nicht bereit dazu.

Marcel Hirscher schweigt lieber über das Thema Hochzeit und die anstehende Geburt des ersten Kindes...

Veith: Das ist seine Herangehensweise. Mir fällt es leichter, ein wenig preiszugeben als nichts zu sagen und Angst haben zu müssen, jemand nimmt mir was vorweg, weil alle so gespannt sind, wie mein Privatleben aussieht. Wie sieht denn Österreichs Skisport ohne Hirscher und Veith aus?

Veith: Dann wird sich ein anderer mit den ganzen Fragen beschäftigen müssen (lacht).

Das Gespräch führte Roman Stelzl