Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.09.2018


skispringen

Andreas Kofler stand vor dem Aus

Die schwierige Genesung von einer Autoimmunerkrankung brachte das personifizierte Stehaufmännchen beinahe zu Fall. Heute tritt der Skispringer beim Bewerb in Stams an. Landen möchte der 34-Jährige bei der Heim-WM.

© gepaDer Nebel lichtet sich: Skispringer Andreas Kofler blickt zuversichtlich auf den anstehenden Winter mit dem großen Ziel Heim-WM.Foto: gepa



Von Susann Frank

Innsbruck – Die Erinnerungen an die Schulzeit sind verblasst. Wenn Skispringer Andreas Kofler heute beim Sommer-Continentalcup-Bewerb in Stams nahe seinem ehemaligen Internat antritt, denkt der 34-Jährige mehr an die harte Lebensschule seit vergangenem Herbst. Damals war bei ihm eine seltene Autoimmunerkrankung diagnostiziert worden. Und weil die Schulmedizin diesbezüglich mit ihrem Latein ziemlich am Ende ist, musste der Stubaier lernen, intensiv auf seinen geschwächten Körper zu hören.

Anfangs bedeutete das nach ganz wenig Training ungewohnt viel Pause: bis zu zwei Tage. Seine Hoffnungen vergangenen Winter, noch in den Weltcup zurückzukehren, schmolzen mit steigenden Temperaturen und einer nur langsamen Genesung dahin. Zeitweise dachte er sogar, dass seine Karriere – wie der Schnee zu dieser Zeit – den Bach runtergeht. „Ich musste mich erstmals fragen: War es das? Oder war es das nicht? Und daran hängt auch noch ein Rattenschwanz.“ Ohne Kaderzugehörigkeit hätte der zweifache Team-Olympiasieger auch seinen Status als Polizeispitzensportler verloren und damit die Freistellung fürs Training und die Wettkämpfe.

Starke Rückenprobleme, schwere Stürze, der Olympia-Silbermedaillengewinner von 2006 in Turin hat in 16 Jahren Weltcup seine Stehaufmännchen-Qualitäten mehr als einmal bewiesen. Dieses Mal rappelte er sich nur langsam wieder auf. „Ich musste so geduldig sein und das war schwierig“, erinnert sich Kofler.

Lange und wertschätzende Gespräche mit seiner Ehefrau Mirjam haben ihm mental „sehr geholfen“. Der Österreichische Ski-Verband ÖSV hat ihm durch die Zuerkennung des Verletztenstatus, mit dem er auch die Kaderzugehörigkeit behielt, finanziell den Rücken gestärkt. „Und ich habe gespürt, mit wie viel Herzblut ich noch Skispringer bin, welche Liebe ich für den Sport noch empfinde“, merkt Kofler an.

Durch noch bewussteres Training möchte er sich seinen großen Wunsch erfüllen: „Bei der Heim-WM dabei zu sein“, sagt der Sportler vom SV Innsbruck-Bergisel-Tirol.

Es wird noch ein steiniger Weg beim WM-Auftakt am 20. Februar 2019 zu den besten, und damit nominierten, ÖSV-Athleten zu zählen. Der dreifache Mannschafts-Weltmeister ist immer noch nicht hundertprozentig fit. Der elfte Platz beim Sommer-Grand-Prix in Einsiedeln (SUI) Anfang August war ein Aufzeigen, in seinem Prozess, der mit den Bewerben heute und morgen in Stams weitergeht. „Es waren in Training und Wettkämpfen schon gute Sachen dabei, aber noch nichts ganz Gutes“, erklärt Kofler. Dadurch, dass bis auf Manuel Fettner die gesamte erste Trainingsgruppe um Cheftrainer Andreas Felder und insgesamt zwölf Nationen beim Mattenspringen in Stams teilnehmen, erhält er eine weitere Standortbestimmung vor dem Winter.

Und sollte es auf der ihm so bekannten Schanze nicht so funktionieren wie gewünscht, wird der „Team-Opa“ sich keinesfalls mehr den Kopf darüber zerbrechen. Das gehört der Vergangenheit an. Zu dieser Veränderung hat auch die Situation als „Jung-Papa“ beigetragen. Töchterchen Louise hat ihm in gerade einmal drei Monaten vermittelt: „Wenn ich nach Hause komme, sie und Mirjam sehe, dann sind die Sachen, über die ich mir früher lange einen Kopf gemacht habe, weg. Du tauchst sofort in eine andere Dimension ein.“ Das also, und das Windelnwechseln, hat er in der jüngsten Lebensschule gelernt.