Letztes Update am Mi, 03.10.2018 16:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Heimatgefühle

Schlierenzauer: „Das Leben ist doch relativ laut“

Skisprung-Star Gregor Schlierenzauer verrät, warum er seine Taubheit auf einem Ohr als etwas Spezielles wahrnimmt, er nicht mehr alles hören will und warum ihm das wahre Leben noch bevorsteht.

© FrankEine Heim-WM als Sportler erleben zu dürfen, sieht Gregor Schlierenzauer als besonderes Privileg an. Die Olympiaregion strahlt für den Rekord-Weltcupsieger einen speziellen Spirit aus.



Heimatgefühle: Menschen aus dem Sport zeigen uns bei einem hintergründigen Gespräch ihr „liabstes Platzl“ in Tirol. Heute: Mit Skisprung-Weltcuprekordsieger Gregor Schlierenzauer in Seefeld

Von Susann Frank

Seefeld – Als es Gregor Schlierenzauer diesen Hochsommer zu heiß in Innsbruck wurde, stieg der Rekord-Weltcupsieger im Skispringen (53 Erfolge) in sein Auto und fuhr nach Seefeld. Um abzukühlen und Kraft zu tanken, spazierte er durch den Wald nahe der Skisprunganlage. Der WM-Ort 2019 auf dem Sonnenplateau nimmt seit Kindesbeinen einen speziellen Platz beim Fulpmer ein. In seiner Schulzeit im Schigymnasium Stams war es einer der Haupttrainingsorte des heute 28-Jährigen. „Immer wenn wir raufgefahren sind, habe ich den Spirit gespürt und das ist immer noch so. Im Winter ist Seefeld einfach ein Wintermärchen“, schwärmt der zweifache Vierschanzentourneesieger während eines Spaziergangs an einem sonnigen Herbsttag um den Wildsee. „Und zu dieser Jahreszeit sind die Strukturen der Berge und die Farben der Natur fantastisch – für mich als Hobbyfotografen ist das ein Traum.“

Dass in Seefeld und am Innsbrucker Bergisel ab Ende Februar die Heim-WM über die Schanzen geht, ist für ihn „etwas Geniales, Wunderschönes. Ein Privileg, das nur wenige Sportler in ihrer Karriere erleben dürfen.“ Und eines, weswegen es sich lohne, tagtäglich für das harte Training aufzustehen.

„Spüre, dass ich auf einem guten Weg bin“

Denn nur Übung macht den Meister. Und um bei den Titelkämpfen daheim einer von fünf österreichischen Startern sein zu können, muss es für den ehemaligen Dominator der Szene wieder aufwärts gehen. In der vergangenen Saison landete der zweifache Gesamtweltcupsieger kein einziges Mal unter den Top Ten. Seine beste Platzierung war der 13. Platz am 30. Dezember 2017 in Oberstdorf. Eine Situation, die nicht einfach ist, die den Perfektionisten aber auch besonders reizt. „Ich brauche noch Zeit, aber ich spüre, dass ich auf einem guten Weg bin“, sagt Schlierenzauer. Dass er dafür wieder seine Technik ändern müsse, weil sich diese wieder weiterentwickelt hätte, sei für ihn ein Prozess. „Das sensible, koordinativ Schwierige ist doch das, was ich so liebe“, betont Schlierenzauer, der selbst auch eine Persönlichkeitsentwicklung durchlief.

Ich hatte sicher Gedanken, die weniger gut waren. Aber wenn ich meinen Freund Simon Wallner sehe, der sein ganzes Leben im Rollstuhl meistern muss, dann will ich nicht von schwer reden.
Gregor Schlierenzauer, Skisprung-Ass

In seiner erst freiwilligen Auszeit ab Jänner 2016, die sich durch einen Kreuzbandriss im März 2016 automatisch verlängerte, ging der Mensch Schlierenzauer auf Selbstfindung. Abseits der Öffentlichkeit, die zuvor einen überfliegenden Teenager zum Erwachsenen mit Rückschlägen heranwachsen sah. „Ich hatte Zeit zu reflektieren“, erinnert sich der jüngste Skiflug-Weltmeister (18). Und um besser mit seinen Problemen und Fragen und der Aufarbeitung des Erlebten zurechtzukommen, nahm er Hilfe von außen in Anspruch. Etwas, das er jedem empfehlen könne. Er nennt die Zeit eine Herausforderung. Ob es die schwerste Zeit seines Lebens gewesen sei? „Ich hatte sicher Gedanken, die weniger gut waren. Aber wenn ich meinen Freund Simon Wallner sehe, der sein ganzes Leben im Rollstuhl meistern muss, dann will ich nicht von schwer reden.“

Schlierenzauer, der früher so wirkte, als ob nur das Skispringen zähle, hat gelernt zu relativieren. Den Blick zurecht rückte ihm auch die Natur Tirols. „Wenn du am Berg oben stehst, siehst du die Dinge etwas anders.“ Dieses Stück Heimat würde er immer mehr schätzen. „Da hast du viel Ruhe. Uns geht es doch so gut in Österreich“, stellt Schlierenzauer fest. Sein Blick schweift über den See mit den dahinter liegenden Gipfeln.

Gregor Schlierenzauer konzentriert sich auf das Leben im Jetzt. Und ist froh, In Tirol Ruhe zu finden. Ob am Wildsee oder am Berg.
- Frank

Als Spaziergänger stehen bleiben und ihm alles Gute für den anstehenden Winter wünschen, bedankt er sich und lächelt. „Das ist auch etwas, was ich gelernt habe: Nur zu hören, was ich hören will.“ Dabei helfe ihm auch, auf einem Ohr, dem linken, von Geburt an taub zu sein. „Ich sehe das nicht als Behinderung. Ich kenne es ja nicht anders. Ich sehe es als etwas Spezielles, Sensibles. Das Leben ist doch relativ laut. Und was ich nicht hören will, höre ich nicht.“

Charity-Event zugunsten gehörloser Menschen

Aufgrund seiner teilweisen Taubheit und seiner sportlichen Krise 2016 erhält der dreifache Skiflug-Weltcupsieger Briefe von Menschen, die sich in schwierigen Zeiten befinden. Das ließ in ihm den Entschluss reifen, während der WM 2019 einen Charity-Event zugunsten gehörloser Menschen zu veranstalten. „Das ist mir ein Anliegen“, sagt er und hebt hervor: „Wahre Werte sind nicht mit Geld zu bezahlen.“ Werte wie Gesundheit, Liebe, Freundschaft und Zufriedenheit. Und weil er sich dessen bewusst sei, überlege er vor einem Kauf, ob er das wirklich brauche oder nicht. „Ich bin nicht verschwenderisch. Ich frage mich: Was tut mir gut? Was brauche ich wirklich?“

Derzeit wäre das der Spitzensport. Dabei versuche er, nicht mehr zu verbissen zu sein. „Sonst beißt man sich die Zähne aus. Ich versuche, in Balance und fokussiert zu bleiben.“ Schließlich sehe er seinen Beruf ebenfalls als Privileg an. „Mit all seinen Facetten. Das gibt mir Energie, erfüllende Momente.“ Diese gilt es aufzusaugen. „Indem man im Jetzt lebt. Das hört sich abgedroschen an. Aber wenn ich beim Sprung an etwas anderes denke, ist das gefährlich“, merkt Schlierenzauer an.

Er sei noch lange nicht am „Ende seiner Reise“, deren nächster Zielort die WM im Seefeld sei – seinem Ort mit dem speziellen Spirit. Aber auch einer Reise, wo das wahre Leben noch vor ihm läge.