Letztes Update am Di, 06.11.2018 10:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Pointner: „Felder war der wilde Hund, der seine Qualitäten ausspielte“

Der Tiroler Alexander Pointner (47), erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, blickt zuversichtlich dem Saisonstart (17./18. 11.) entgegen. Leicht wird es für seinen Nachfolger nicht.

© MadlEx-Springer-Chef Alexander Pointner im Garten mit dem Familienhund Sammy.



Mit welchem Gefühl blicken Sie dem anstehenden Weltcup-Auftakt im Skispringen entgegen?

Pointner: Der Winter steht vor der Tür, man beschäftigt sich mit Österreich und den anderen Nationen. Seit vier Jahren ist die Zeit um Allerheiligen allerdings eine schwierige, besonders am 5. November, weil unsere Tochter an diesem Tag Suizid verübt hat. Dadurch veränderte sich unser Leben schlagartig von einer zur anderen Sekunde, Prioritäten haben sich verlagert.

Bedeutet Ihr Expertentum im Sport ein Stück weit Ablenkung? Oder stellt es eher Bürde, Belastung dar?

Pointner: Am Anfang war es Ablenkung, aber es braucht auch viel Zeit, den Alltag zu bewältigen und Boden unter die Füße zu bekommen. Nach Ninas emotionalem Abschied dauerte es eine Weile, aber mittlerweile haben wir wieder Freude an vielen Dingen. Das gilt auch für den Skisprungsport, den ich so lange begleitete. Ich ziehe meine Schlüsse, ich beobachte.

Und zu welchem Schluss kommen Sie heuer, da in Österreichs Springerszene kein Stein auf dem anderen blieb?

Pointner: Es war klar, dass eine magere Saison ohne Medaille am Vertrauen nagen würde, der Trainerwechsel (Heinz Kuttin musste gehen, Anm.) war eine wichtige Entscheidung. Dass die Wahl auf Andreas Felder fiel, hat wohl seine Gründe: Er war selber der wilde, zache Hund, der seine Qualitäten ausspielte. Er war nicht nur zu anderen hart, sondern vor allem zu sich selbst. Und er konnte auf den Putz hauen, anderntags aber seine Leistung bringen.

Eigenschaften, die einer verunsicherten Mannschaft helfen können.

Pointner: Auf alle Fälle, allerdings haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Skispringen ist nicht mehr der Sport von früher.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass Andi Felder in seiner ersten Ära als Cheftrainer (1995–1997, Anm.) gescheitert war?

Pointner: Er hielt sich nicht lange, aber er blieb stets im selben Metier: bei den Kombinierern, bei den Damen. Dort hörte man, dass er sich am Ende der Tätigkeit nicht mehr mit allen Sportlerinnen identifizieren konnte, aber zur Erfahrung trägt jede Station bei. Wichtig ist, dass er die Erfolgsprozesse in eine Richtung lenkt, dass er sein Team in die Spur bringt.

Glauben Sie, dass die Karte Andi Felder bei den Skispringern sticht?

Pointner: Ein Trainereffekt ist sicher da, es kann aufgehen. Ich stehe ihm mit viel Respekt und Wertschätzung gegenüber.

Auch der ehemalige Erfolgs-Kombinierer Mario Stecher ist in der Funktion des Sportdirektors für Nordische Kombination und Skispringen neu im Amt. Ein Risiko?

Pointner: In gewisser Weise sicher, denn einer wie sein Vorgänger Toni Innauer erarbeitete sich seine Erfahrung über viele Jahre. Auch Mario bin ich freundschaftlich verbunden, er geht mit viel Energie an die Sache heran. Früher war er der Kritiker, der sich am System rieb. Nun steht er auf der anderen Seite.

Was wird für ihn die besondere Herausforderung?

Pointner: Mario kommt aus der Kombination, das Skispringen allein ist ein durchaus komplexer Bereich. Und dem kann er sich in seiner neuen Tätigkeit nur zu 50 Prozent widmen, obwohl es ihm viel abverlangen wird.

Ist Österreichs Skisprungteam auf Augenhöhe mit den drei großen Nationen Deutschland, Norwegen und Polen?

Pointner: Der Anspruch ist da. Mit Michael Hayböck und Stefan Kraft haben wir Leute, die vom Talent in der höchsten Liga mitspringen können. Aber um bei Hayböck zu bleiben: Sein Potenzial hat er mit fünf Weltcupsiegen noch nicht ausgeschöpft, Einzelmedaillen konnte er bei Groß-ereignissen auch noch nicht gewinnen.

Was fällt Ihnen zum Rest des Teams ein?

Pointner: Dass derzeit keiner von unten nachrückt, unsere Leute sind zwischen 23 und 28 Jahre alt. Aber Leuten wie Daniel Huber ist allerhand zuzutrauen.

International werden sich die Kräfteverhältnisse kaum verschoben haben.

Pointner: Aus dem Sommer-Grand-Prix Rückschlüsse zu ziehen, fällt allgemein schwer. Heuer waren Kamil Stoch und Piotr Zyła zunächst sehr stark, dann fielen sie zurück. Vielleicht geschah der eine oder andere Wettkampf aus dem Training heraus? Man muss den Saisonstart abwarten.

Noch ein Wort zu Ihrer Person: Mancher hätte trotz der Kalamitäten bei Ihrem Abgang als Cheftrainer im Jahr 2014 damit gerechnet, dass Sie neuerlich eine Chance als Österreichs Sportdirektor oder Cheftrainer bekommen. Hätte Sie das gereizt?

Pointner: Das könnte ich mir derzeit aus familiären Gründen nicht vorstellen, das ist leider unvereinbar. Und noch ist es nicht so, dass ich mich nach dem damals Erlebten unbefangen im Österreichischen Skiverband bewegen könnte. Mit manchen Leuten würde ich mich nicht gerne umgeben – und sie sich wohl auch nicht mit mir.

Das Gespräch führte Florian Madl