Letztes Update am Mi, 07.11.2018 16:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Skispringen

ÖSV-Adler Kraft im Interview: „Ich lasse viel mit mir machen“

Warum Doppel-Weltmeister Stefan Kraft (25) vor dem Saisonstart in Wisla (POL) Jung-Adler Daniel Huber im Nacken spürt und die Heim-WM für ihn wichtiger als Olympia ist.

© gepaÖSV-Hoffnungsträger Stefan Kraft lässt sich nicht verbiegen.



Vor zwei Saisonen haben Sie dominiert, vergangenen Winter war es der Pole Kamil Stoch und Sie konnten nicht einmal einen Weltcupsieg erringen. Wo sehen Sie sich diesen Winter?

Stefan Kraft: Hoffentlich wieder in den Top Ten. Das Ziel ist, von Anfang an vorne mitzuspringen. In den Top Ten war ich in der vergangenen Saison auch – mit der ich übrigens nicht unzufrieden war. Nur bei den Highlights war ich nicht gut. Und meine großen Ziele sind: wieder einen Weltcupsieg feiern und eine Medaille bei der Heim-WM gewinnen. Aber das mit dem Sieg muss halt passieren, das habe ich jetzt gelernt.

Ist das Ihre Lehre aus der vergangenen Saison?

Kraft: Ja. Ich weiß, dass ich es kann, aber es muss von selbst kommen. Vergangenen Winter bin ich in bestimmten Phasen einfach unrund geworden, weil ich zu viel wollte – wie an die Saison davor anzuschließen. Bis Oberstdorf lief es für mich ja auch richtig gut, nur der Sieg hat gefehlt. Und dann suchst du das kleine Etwas, damit du ganz oben stehen kannst. Und das war der Fehler. Ich hätte einfach ganz normal weitermachen sollen.

Wie wichtig ist der Start, um ganz normal weitermachen zu können?

Kraft: Der Start ist schon sehr wichtig. Er kann einen auch wachrütteln, wenn es nicht läuft. Vergangenen Winter bin ich von der Mannschaft am besten reingestartet, das gibt einem ein beruhigendes Gefühl. Es ist die Auflage, um ruhig zu bleiben und dich auf deine Sachen zu konzentrieren. Ich möchte in Wisla sagen können: Ich habe wieder viel richtig gemacht im Sommer.

Wie ist es Ihnen in der Vorbereitung ergangen?

Kraft: Im Herbst hatte ich mit muskulären Dysbalancen am linken Oberschenkel zu kämpfen, es ist ein Zug auf der Faszie. Ich hatte das auch vergangenen Winter hin und wieder einmal. Es ist nichts Gravierendes, aber ich verspürte immer wieder einmal eine Einseitigkeit, weil ich falsch belastet hatte, dafür mache ich jetzt spezielles Training. Aber sonst ist es mir blendend gegangen und es geht mir blendend.

Trotzdem waren Sie bei den Österreichischen Meisterschaften nicht einmal auf dem Podium gestanden. Beunruhigt Sie das vor dem Auftakt?

Kraft: Sicher wäre es mir anders lieber, das hat mich schon genervt. Aber kurz danach beim Training auf der Eisspur in Innsbruck war wieder ein ganz anderer Stefan Kraft zu sehen. Da habe ich gemerkt: Es passt.

Unter anderem hat sich Daniel Huber den Titel von der Großschanze gesichert. Was sagen Sie zu seiner Entwicklung?

Kraft: Die ist genial. Wenn du beim Heim-Sommer-Grand-Prix in Hinzenbach im zweiten Durchgang als Letzter oben stehst, dann musst du das erst einmal runterbringen. Er kann sicher konstant in die Top Ten springen.

In Ihre Regionen?

Kraft: Das Zeug dazu hat er auf jeden Fall und der Bua spürt sich ganz gut. Der interne Wettkampf spornt auf jeden Fall an.

ÖSV-Skispringer Stefan Kraft (l.) mit Freundin Marisa sowie Michael Hayböck und seine Claudia machen abseits der Schanze gute Figur.
- gepa

Was sind seine Stärken?

Kraft: Er kann schon stur sein. Was er sich vornimmt, das zieht er zu 100 Prozent durch. Er sagt auch mal gerne den Trainern seine Meinung. Aber das macht ihn auch stark und hält ihn auf seinem Weg.

Halten Sie auch dagegen, wenn Sie anderer Meinung sind?

Kraft: Immer mehr. Aber ich lasse viel mit mir machen.

Sportlich gesehen, haben Sie auch einiges über sich ergehen lassen, indem Sie Ihre Technik verändert haben. Wie geht es Ihnen damit?

Kraft: Also, ich fühle mich jetzt gut damit, jetzt ist es drinnen, ich muss beim Absprung nicht mehr nachdenken. Wir haben das seit Juni voll eingetrichtert bekommen, die gesamte Mannschaft kommt wieder richtig über den Ski drüber.

Sie haben also bezüglich des gesamten Teams ein gutes Gefühl?

Kraft: Ich habe noch nie so ein gutes Gefühl gehabt, dass wir geschlossen eine starke Gruppe sind. Alle sieben Weltcupspringer sind fast auf einem Niveau und das ist kein schlechtes Niveau. Natürlich ist Wettkampf immer etwas anderes als Training, aber ich bin derzeit sehr, sehr positiv.

Woher kommt die Einstellung?

Kraft: Die Deutschen haben einmal unmittelbar nach uns am Bergisel trainiert. Sie sind von derselben Anlaufluke losgefahren wie wir und gleich weit gehüpft. Es war keiner dabei, von dem wir gesagt hätten: „Hilfe, wir können nicht mithalten!“ Wir sind geschlossen sehr stark. Das habe ich im Vergleich zu den vergangenen Jahren festgestellt.

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass die ganze Mannschaft gut startet?

Kraft: Wichtig, wenn es so ist. Es wird aber auch nicht die Welt untergehen, wenn es nicht so ist.

Die Saison ist zudem lang und im Februar wartet die Heim-WM auf den Titelverteidiger.

Kraft: Als Doppel-Weltmeister darf ich auf jeden Fall mitmachen, aber für das Team muss ich mich anstrengen (lacht). Eine Heim-WM ist das Größte in einer Sportlerkarriere, es wird sicher das Highlight in meiner Karriere.

Stellen Sie es mit Olympia auf eine Stufe?

Kraft: Olympia hast du alle vier Jahre, eine Heim-WM hast du einmal. Und ich springe richtig gerne daheim.

Wie stehen Sie denn zu den beiden Schanzen in Seefeld und Innsbruck?

Kraft (lacht): Wie ich zu Seefeld stehe, das weiß ich nicht. Als ich noch in Stams zur Schule gegangen bin, also vor sechs Jahren, bin ich viel in Seefeld gesprungen. Und nach Olympia 2018 in Pyeongchang waren wir da. Und da war es voll geil. Da war Aufwind drinnen und das war richtig cool. Aber Innsbruck ist schon noch einmal etwas anderes. Auch als ich im Sommer bei einem Werbedreh am Balken gesessen bin, habe ich mir vorgestellt, dass da bei der WM 21.000 Leute sind und ich vielleicht als Letzter oben sitze: Das muss schon unglaublich sein!

Das Gespräch führte Susann Frank