Letztes Update am Do, 08.11.2018 14:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Eisschnelllauf

Herzog startet in die neue Saison: „Vanessa alleine ist zu wenig“

Tirols Eisschnelllauf-Star Vanessa Herzog (23) und Trainer-Ehemann Thomas sprechen vor dem Auftakt über einen Weltcup in Innsbruck, große Erwartungen, den Altersunterschied und ihre nicht immer einfache Arbeit.

© StelzlSeit drei Jahren sind Vanessa und Trainer Thomas Herzog zusammen – die Arbeit trug Früchte und soll heuer bei der WM vergoldet werden.



Frau Herzog, es ist lange her, dass eine Eisschnellläuferin bei der Sportlerwahl unter den besten fünf war (Platz 4, Anm.). Bestätigung genug für eine Saison mit Gesamtweltcupsieg, zwei Weltcup-Erfolgen und EM-Gold?

Vanessa Herzog: Allerdings. Dass ich unter den besten fünf war, ist eine riesengroße Ehre. Die Leute erkennen, dass es eine Eisschnellläuferin gibt, die gute Arbeit macht und mit den Besten mithalten kann.

In der Weltcup-Vorbereitung (ab 16.11. in Japan, Anm.) liefen Sie auf ihren Parade-Disziplinen über 500 und 1000 m starke Zeiten, besiegten die Olympiasiegerin. Wieso wird das heuer Ihre große Saison?

Vanessa: Ich habe schon im Sommer gemerkt, dass ich unglaublich schnell bin. Wir geben alles, dass ich bei der WM im Februar (Inzell/GER, Anm.) am Podium stehe. Wenn ich einen guten Tag erwische, gibt es nicht mehr viele, die mich schlagen können.

Ihr Mann Thomas ist zugleich Ihr Trainer. Wie schwierig ist es, das Leben als Ehepaar und Trainer-Gespann zu vereinen?

Thomas Herzog: Wir schleifen die Ecken ab und werden immer besser. Ich habe erst im letzten Jahr die Ausbildung zum Eisschnelllauf-Trainer gemacht, das war eine riesige Umstellung. Das ist jetzt mein Hauptjob, sonst habe ich alles zurückgeschraubt. Es macht immer mehr Spaß, weil sich auch Erfolge einstellen.

Vanessa: Natürlich kracht es ab und zu mal richtig. Aber weil Thomas mein Mann ist, sage ich zu ihm ganz andere Dinge als zu einem Trainer. Aber gerade deshalb funktioniert es bei uns so gut. Er sieht jede Kleinigkeit bei mir. Wenn ich einen Zentimeter zu hoch bin, sagt er sofort, geh tiefer.

Thomas: Der große Vorteil ist, dass ich ein Solo-Trainer bin. Sonst betreut ein Coach eine Gruppe von gut zehn Leuten. Ich konzentriere mich dagegen ganz auf Vanessa. Ich kenne sie in- und auswendig und weiß schon im Vorfeld, welche Zeit sie laufen wird.

Vanessa: Ich vertraue Thomas blind, egal, was er sagt.

Nach dem Gesamtweltcupsieg und zwei Weltcup-Erfolgen greift Vanessa Herzog ab 16. November in Japan nach neuen Erfolgen.
- AFP

Aber es gibt bei Ihnen auch andere Themen als das Eisschnelllaufen?

Thomas: Wenn du so viel Zeit miteinander verbringst, brauchst du auch Abstand. Da ist es ein Vorteil, dass mein Haus und der Grund in Ferlach groß genug sind. Da haben wir zwei Hektar (20.000 m², Anm.), da kann man sich leicht aus dem Weg gehen.

Wie sieht da der Alltag der Herzogs aus?

Thomas: Das ist für uns eine Art Hobby-Landwirtschaft. Wir haben Obstbäume, Hühner, Schweine, Gänse ...

Vanessa: ... da gibt es immer was zu tun. Da kann ich mich gut vom Training ablenken – manchmal sitze ich den ganzen Tag einfach bei den Hühnern und beobachte sie ...

Ablenkung haben Sie auch in anderen Sportarten gesucht: Leichtathletik, Bahnrad, Segeln. Welche Pläne verfolgen Sie noch?

Vanessa: Segeln ist kein Thema mehr, obwohl es mich schon reizen würde. Lara Vadlau (mögliche Partnerin/zweifache Weltmeisterin, Anm.) studiert Medizin, hat also auch nicht viel Zeit. Bahnrad war zu kompliziert, das haben wir sein lassen. In der Leichtathletik läuft es sehr gut, das möchte ich forcieren. Dazu bin ich ja im Sommer am Inlineskaten, langweilig wird mir also nicht.

Trainiert wird meist in der Wahlheimat Kärnten oder in der Halle von Inzell. In Innsbruck, Ort des Leistungszentrums, wurde 2016 der Eisring für über sechs Millionen Euro modernisiert. Verzerrt es nicht das Bild, wenn die beste Athletin woanders trainiert?

Thomas: Die Bahn in Innsbruck ist für die guten Läufer ungeeignet, weil die alle weg sind, wenn dort Eis ist. Aber sie ist extrem wichtig für den Nachwuchs. Wenn die Bahn in Innsbruck überdacht wäre, wäre sie unsere Heimbahn.

De facto bräuchte es also eine Halle, damit die Athleten in Innsbruck bleiben?

Thomas: Ja, aber es ist nicht verantwortbar, eine Halle nur für eine einzige Athletin zu bauen. Für zehn Millionen Euro kriegst du eine Halle, aber mit den laufenden Kosten ist das aus wirtschaftlicher Sicht zu teuer. Vielleicht ändert sich das, wenn Vanessa regelmäßig erfolgreich ist. Dann kann Eisschnelllauf richtig groß werden. Wichtig wäre aber, dass die Leute sie auch mal vor Ort sehen.

Etwa bei einem Eisschnelllauf-Weltcup in Innsbruck?

Thomas: Das ist ein Thema. Der Weltverband (ISU, Anm.) würde sofort einem Weltcup in Innsbruck zustimmen. Und es gibt bereits Freiluft-Weltcups wie heuer in Japan. Die Frage ist nur, ob Innsbruck das stemmen will. Die ISU würde zwar einen Großteil der Kosten übernehmen. Wenn die Bestrebungen da wären, könnte es 2020 klappen. Aber Österreicher wollen Österreicher siegen sehen, Vanessa alleine ist zu wenig.

Wie oft sind Sie denn eigentlich noch in Innsbruck?

Vanessa: Ich bin jeden zweiten Monat dort bei meiner Familie. Ich bin in Pradl neben dem Eisstadion aufgewachsen, da ist das in Ferlach mit der Ruhe etwas anderes.

Thomas: Das war auch für mich spannend, sie nach Kärnten mitzunehmen, weil sie doch sehr jung ist.

War der Altersunterschied (26 Jahre) je ein Problem?

Thomas: Für mich war der Altersunterschied nie gravierend. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, wir sind am Sport und am Reisen interessiert. Vanessa ist für mich wie meine beste Freundin. Jetzt sind wir seit drei Jahren zusammen, aber Trainer und Ehe verbinden, da musst du dich wirklich gut verstehen.

Das hat Sie also zusammengeschweißt?

Vanessa: Ja, sehr.

Thomas: Und der Altersunterschied ist wichtig. Eine gewisse Abgeklärtheit hilft. Denn wenn ich im gleichen Alter wäre, würde ich sie nicht aushalten, das sage ich jetzt mal so beinhart (lacht).

Das Gespräch führte Roman Stelzl