Letztes Update am So, 18.11.2018 11:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Karl Schranz wird 80: „Die Feiern lasse ich über mich ergehen“

Karl Schranz feiert heute seinen 80. Geburtstag. Die Arlberger Ski-Legende blickt auf raue wie aufregende Zeiten zurück.

© imagoKarl Schranz bei seinem Sieg in Val d’Isère (1971). In Topform sollte er zu den Olympischen Winterspielen in Sapporo anreisen, der Rest ist bekannt …



Man kannte Sie in Ihrer Karriere als Einzelgänger, als beinharten Trainierer. Was denken Sie angesichts der heutigen Sportgeneration, die mit grellen T-Shirts in bestens ausgestatteten Einrichtungen auftritt?

Karl Schranz: Das ist nicht vergleichbar. Wir mussten mehr trainieren, weil wir die Vorteile eines qualifizierten Trainings nicht kannten, wir trainierten instinktiv. Heute weiß man, was einem hilft.

Wie sah Ihr Training abseits der Skipisten damals aus?

Schranz: Zuerst lief ich bis zu einer Stunde ins Verwall, dann ging ich in den Fitnessraum in einem Heizungskeller zum Zirkel. Dort war es sehr warm, muss ich sagen. Gegessen haben wir normal, also nichts Spezielles.

Jetzt sind Sie 80 und werden allerorts beglückwünscht. Ein erhebendes Gefühl?

Schranz: Die Feiern lasse ich über mich ergehen. Ich nehme es, wie es kommt.

Am 29. Jänner 1972 war Karl Schranz unberührt von den Diskussionen um seine Person zum Olympia-Training in Sapporo geschritten, am 3. Februar nahm er zum Ausschluss Stellung.
- dpa/Engberg

Diese Worte erinnern an den Karl Schranz, dem eine Olympia-Goldmedaille (1968) aberkannt wurde und der von den Winterspielen 1972 ausgeschlossen wurde.

Schranz: Manches ist halt so, wie es ist. Du kannst dann auch nicht sagen; Ich will nicht mehr.

Am 3. Februar 1972 nahm er zum Ausschluss Stellung.
- imago sportfotodienst

Nahmen Sie damals Hilfe in Anspruch?

Schranz: Einen Psychologen habe ich nie gebraucht, Niederschläge war ich gewohnt. Man hat dann den Karren aus dem Dreck gezogen, weitergemacht. Nur nach Sappor­o (Olympia-Ausschluss, Anm.) wusste ich kurze Zeit nicht, wie es weitergeht.

Die Wertschätzung in Ihrer Heimatgemeinde St. Anton war nicht immer die größte. Nach Ihrer Karriere zehrten Sie dort nicht von Ihren Erfolgen.

Schranz: Das hat weh getan, denn ich wollte immer das Beste für den Ort. Als Gemeinderat habe ich am meisten gelernt, manche haben dir dann die Hacke hinten reingehaut.

Ihre Frau Evelyn, erzählten Sie einmal, wollte nicht mehr in den Ort gehen.

Schranz: Das war logisch, die haben sie dort blöd angeredet. Mich auch, aber ich konnte gut damit umgehen.

1981 heiratete Karl Schranz seine Evelyn (drei Töchter), 20 Jahre später schuf er sich in St. Anton mit der Heim-WM ein Denkmal.
- un attimo

Mit der Alpin-WM 2001 am Arlberg, zu deren Zuschlag auch Sie viel beigetragen haben, wandelte sich das Bild.

Schranz: Ich wurde zum Ehrenbürger ernannt, da haben sie viel gutgemacht. Leute, die mir früher Negatives wollten, waren dann ohnehin nicht mehr im Gemeinderat.

Wie geht es Ihnen privat?

Schranz: Ich bin zufrieden, wie es ist. Meine Frau führt unser Hotel mit meiner Tochter Anna, schauen wir einmal, ob sie es übernehmen will.

Die mittlerweile überstandene Krebserkrankung Ihrer Tochter Anna war ein einschneidender Moment in Ihrem Leben.

Schranz: Ich bin all den Leuten dankbar, die uns damals Unterstützung zukommen ließen. Damals kamen auch viele Quacksalber, die meinten: „Mach es ohne Medizin.“ Aber wir vertrauten der Schulmedizin.

Sie gelten als Mann, der in der gesamten politischen Landschaft – von Kreisky über Sinowatz über Vranitzky bis hin zu Kurz – zuhause ist und mit allen ein gutes Verhältnis pflegt. Woher kommt das?

Schranz: Ich habe von den Politikern gelernt, wie man Umgang zu pflegen hat. Das eine Jahr war der eine, dann kam der andere. Ich konnte immer mit allen.

Stets auf Du und Du mit den Polit-Größen des Landes: Schranz (l.) mit Bundespräsident Heinz Fischer (2012).
- APA/Techt

Welcher politischen Richtung würden Sie sich zuordnen?

Schranz: Ich bin überall zuhause, nur mit den Grünen kann ich nicht. Mein Zugang ist: wirtschaftsorientiert, Honorierung der Arbeit. Die jetzige Regierung ist in Ordnung, Kurz ist gut und Strache bemüht sich.

Wie passt Ihr Freund, der russische Präsident Wladimir Putin, in dieses Portfolio?

Schranz: Politisch kenne ich ihn nicht, aber als Freund könnte ich keinen besseren haben.

Wie laufen Gespräche zwischen Ihnen ab?

Schranz: Das sind Alltagsgespräche. Wie geht es dir? Oder: Wie geht es deinen Töchtern? Putin hat ja zwei.

Wann haben Sie ihn zuletzt getroffen?

Schranz: Ich wollte ihn bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland sehen, aber da kam ja Österreich nicht hin. Also traf ich ihn im Vorfeld der Hochzeit unserer Außenministerin.

Neben Schranz am Lift: Russlands Präsident Putin.
- Reuters

Sie haben mit Ihrem Olympia-Ausschluss (Verstoß gegen das Werbeverbot damals, Anm.) dazu beigetragen, dass Profis mittlerweile zu Olympia dürfen. Sehen Sie sich als Pionier?

Schranz: Nein, ich habe halt den Sportlern geholfen.

Aber wie im Fall von Jean-Marc Bosman – sein Prozess kippte die Transferregelung im Fußball, aber er verarmte – dankte man Ihnen da nicht.

Schranz: Nein, bedankt hat sich keiner, aber das brauche ich auch nicht. Es freut mich, dass die Saat, die ich säte, aufging.

Sie scheinen ein erfülltes Leben zu leben, nach einem leichten Gehirnschlag sind Sie wieder auf den Beinen. Was wünschen Sie sich zu Ihrem 80er?

Schranz: Gesundheit, mehr brauche ich nicht.

Das Interview führte Florian Madl

200.000 sollen es beim Schranz-Empfang in Wien gewesen sein, auch in Innsbruck (Bild) war die Resonanz auf den Sapporo-Ausschluss und den Empfang des Ski-Helden enorm.
- imago