Letztes Update am Mo, 19.11.2018 15:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Rodel-Olympiasieger Gleirscher: „Für Heiratsantrag blieb Zeit“

Nach seinem überraschenden Olympiasieg spricht der Stubaier Kunstbahnrodler David Gleirscher (24) im TT-Interview über seinen Bekanntheitsgrad, sportlichen Druck und finanzielle Absicherungen.

Der Gold-Rodler unter dem Goldenen Dachl: Gleirscher hatte vor dem Heim-Weltcup in Igls Zeit für einen Abstecher auf den Christkindlmarkt.

© Thomas Boehm / TTDer Gold-Rodler unter dem Goldenen Dachl: Gleirscher hatte vor dem Heim-Weltcup in Igls Zeit für einen Abstecher auf den Christkindlmarkt.



Kann ein Olympiasieger ungestört durch den Christkindlmarkt spazieren?

Gleirscher: Wenn ich nicht meinen grellen Team-Anorak angezogen habe, ist es kein Problem. Ab und zu werde ich erkannt, aber es ist nicht so, dass ich nicht durchgehen könnte. Nach Olympia wurde ich öfter angesprochen, aber ich bin froh, wenn ich alles normal erledigen kann.

Sohn Leon (17 Monate) verschlief den Christkindlmarkt-Besuch, so konnten Gleirscher und seine Verlobte Larissa gemütlich einen Punsch trinken.
Sohn Leon (17 Monate) verschlief den Christkindlmarkt-Besuch, so konnten Gleirscher und seine Verlobte Larissa gemütlich einen Punsch trinken.
- Thomas Boehm / TT

Was hat sich für Sie in den vergangenen neun Monaten verändert?

Gleirscher: Der Sommer war anders als in den letzten Jahren, es waren deutlich mehr Termine wie etwa „Millionenshow“ oder „Sportlergala“. Es war cool, ein bisschen im Mittelpunkt zu stehen. Da merkt man, dass man durch Olympia Aufmerksamkeit bekommt. Und im Frühjahr habe ich meinen ersten Monat in der Polizeischule absolviert.

Sind Sie einer von vielen?

Gleirscher: Es ist eine reine Spitzensportler-Klasse bei der Polizei und zudem skiverbandslastig. Ab und zu kommt ein blöder Spruch von den Kollegen, aber ich bin einer von vielen. Die Ausbildung ist nach meinem Geschmack.

Kommt bei so vielen Terminen und der Ausbildung die Familie nicht zu kurz?

Gleirscher: Es blieb zumindest genügend Zeit, um im Sommerurlaub einen Heiratsantrag am Strand zu machen.

Wie oft haben Sie sich Ihre Gold-Fahrt angesehen?

Gleirscher: Schon ein paar Mal. Bei den Empfängen sind die Highlights präsentiert worden. Ich habe mir die Fahrt auch in einer ruhigen Minute zu Hause angesehen. Ich denke gerne daran zurück. Daheim haben wir ein paar Bilder hängen, so sind die Erinnerungen präsent.

Gibt es einen speziellen Moment, an den Sie sich zurückerinnern?

Gleirscher: Der erste Jubel im Ziel, als Bronze festgestanden ist, das war unglaublich. Und dann natürlich die Siegerehrung, als die Hymne gespielt wurde.

Gar nicht der Augenblick, als es Gold wurde?

Gleirscher: Schon! Der Moment, als Felix Loch in die Bande gefahren ist und Gold feststand, war großartig. Aber alleine die Medaille war für mich bereits ein Wahnsinn.

Emotionen pur: Der Stubaier David Gleirscher jubelte in Pyeongchang über Gold bei den Olympischen Spielen.
Emotionen pur: Der Stubaier David Gleirscher jubelte in Pyeongchang über Gold bei den Olympischen Spielen.
- gepa

Dabei wissen die wenigsten, dass Sie sich erst im letzten Quali-Rennen das Olympia-Ticket sicherten ...

Gleirscher: Stimmt, ich musste bis zuletzt zittern. Die Deadline wurde sogar um ein Rennen verlängert. Ein Top-Sechs-Platz wurde in Lillehammer gefordert, ich bin genau Sechster geworden. Die Erleichterung war riesengroß. Ich war froh, dass ich es aus eigener Kraft geschafft habe und nicht auf einen Trainerentscheid hoffen musste.

Hat sich innerhalb der Mannschaft durch den Erfolg irgendwas geändert?

Gleirscher: Nur minimal. In der Vorbereitung war es so, dass ich neben Wolfgang Kindl einen Fixplatz für den Weltcup-Auftakt bekommen habe. Das war die einzige Änderung. Es fängt beim Weltcup am kommenden Wochenende in Igls alles von vorne an. Ausruhen braucht man sich auf dem Erfolg nicht.

Ski-Stars wie Marcel Hirscher müssen sich nach Ihren Olympiasiegen keine finanziellen Sorgen machen. Konnten Sie Ihren Erfolg auch vergolden?

Gleirscher: Die Ski-Stars sind auf einem anderen Niveau, was das Medieninteresse betrifft. Es ist schwieriger, als erwartet, einen potenten Sponsor zu finden. Ich bin froh, dass ich mit „Stubai“ einen Partner habe, der mich lange unterstützt und nach Olympia die Sponsorsumme erhöht hat. Finanziell auszusorgen ist schwierig. Es geht einem als Rodler nicht schlecht, aber man muss nicht meinen, dass ich als Olympiasieger nichts mehr machen muss.

Sie sind davor noch nie am Podest gestanden. Haben Sie Angst, dass der Olympiasieg ein One-Hit-Wonder wird?

Gleirscher: Nein. Und auch wenn es so ist, dann habe ich einen Olympiasieg erreicht, was auch nicht viele haben (lacht). Ich sehe es eher als Herausforderung. Ich habe im Weltcup noch nie geschafft, was mir in Pyeongchang aufgegangen ist: dass ich meine Leistung zu 100 Prozent im Rennen abrufen kann. Das ist jetzt das Ziel im Weltcup, dann sind auch dort Siege möglich.

Machen Sie sich jetzt selbst Druck?

Gleirscher: Nicht übertrieben. Es wird von außen mehr Druck gemacht, als ich mir selbst auferlege. Ich konzentriere mich auf mich.

Ein Jahr vor Ihrem Olympiasieg hing Ihre Karriere am seidenen Faden, als Sie bei der EM in Königssee schwer stürzten …

Gleirscher: Es ist vergleichsweise gut ausgegangen, aber ans Aufhören, wie ich es irgendwo gelesen habe, habe ich nicht gedacht. Das Rennen war am Freitag, ich blieb nur einen Tag im Krankenhaus, weil ich am Montag schon wieder zum nächsten Rennen fliegen wollte. Im Nachhinein wäre es sicher besser gewesen, ich hätte mich länger erholt. Aber immerhin ging es noch um die Qualifikation für die Heim-WM in Igls.

Wenig später auch noch ein Sturz bei der Heim-WM in Igls vor den Augen Ihrer damals schwangeren Freundin. Kommt man da ins Grübeln?

Gleirscher: Das war sicher auch nicht optimal, aber ich hatte nie viel Zeit, über die Stürze nachzudenken. Bei der Rückkehr nach Königssee hatte ich Respekt, aber Angst keine.

Apropos Igls: Kommende Woche steigt der Heim-Weltcup. Was erwarten Sie von sich selbst bzw. das Umfeld von Ihnen?

Gleirscher: In den letzten Jahren habe ich in Igls nicht die besten Rennen gehabt. Mit einer guten Leistung kann es in die Top-Sechs gehen. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich nach meinem Olympia-Triumph plötzlich Seriensieger bin. Bei den Herren ist eine enorm hohe Dichte, da können 15 Leute auf das Podest fahren. Daher bin ich mit Prognosen vorsichtig.

Das Gespräch führte Günter Almberger