Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.11.2018


Wintersport

Glanz verblasst, kaum Interessenten: Wer will noch Winter-Olympia?

Calgary ließ wie zuletzt schon Tirol und Graz seinen Bewerbungstraum platzen, Olympische Winterspiele 2026 gelten offensichtlich als unvermittelbar. Die Zukunft sieht düster aus.

© imagoDie Bobbahn in Cesana Pariol (ITA/Winterspiele 2006) hätte Sportler aus der ganzen Welt anlocken sollen. In Betrieb blieb die 77,3 Millionen Euro teure Anlage lediglich sechs Jahre – und musste 2011 wegen hoher Instandhaltungskosten schließen.



Von Florian Madl

Innsbruck — Sie wollen einen Olympia-Lobbyisten in die Enge treiben, ohne sich dabei auf ein biederes Zahlenspiel einzulassen? Dann empfiehlt es sich, ihm das Buch „Olympic Realities" zu überreichen. Eine fotografische Reise des Schweizers Bruno Helbling führt durch sechs Städte, in denen das größte Sportereignis seine Spuren hinterließ. Baufällige Stadien, überwucherte Bobbahnen der letzten Jahrzehnte, Tristesse.

Als kürzlich die kanadische Stadt Calgary ihre Bewerbung für die Olympischen Spiele 2026 zurückzog, wunderte das keinen mehr. Von acht Interessenten sind nun nur noch Italien (Cortina d'Ampezzo/Mailand) und Schweden (Stockholm) an Bord. Den Entscheidungen waren wie in Innsbruck zumeist negativ ausgefallene Volksabstimmungen vorausgegangen, der Grad der Ablehnung bewegte sich stets zwischen 53 Prozent (wie in Tirol) und 56 Prozent (Calgary). Olympische Winterspiele scheinen aus der Mode gekommen, das wirft Fragen auf.

Kostet Winter-Olympia vielleicht zu viel? Auf Basis offizieller Angaben — nein. So soll Pyeongchang 2018 (KOR) 48 Millionen Euro erwirtschaftet haben. Ein weiteres Rechenbeispiel: Die Ausgaben für ursprünglich angedachte Winterspiele in Innsbruck wurden mit 1,175 Milliarden Euro taxiert, gut 800 Mio. davon hätte das Internationale Olympische Komitee als Garantiesumme überwiesen. Mit Eintrittsgeldern, Merchandising etc. hätte man neben einem Facelifting der Infrastruktur ein ausgeglichenes Ergebnis erzielt — aber dem Volk fehlte der Glaube.

Hat das IOC ein Glaubwürdigkeitsproblem? Fraglos ja. Oder die Betrachtungsweise ist eine andere. Ein Beispiel von den Winterspielen kürzlich in Pyeong­chang, bei denen sich IOC-Sportdirektor Christophe Dubi mit dem Ticketverkauf zufrieden zeigte (90 Prozent Abnahme): Großsponsoren hielten riesige Pakete, doch die Tribünen waren mitunter auffallend leer, viele Gäste konnten sich Tickets zudem nicht leisten. Ist das Glas nun halbvoll? Oder halbleer?

Für die Abfahrtsstrecke in Albertville (FRA/Winterspiele 1992) mussten Angaben zufolge 40.000 Kubikmeter Fels vom "Bellevarde" bewegt werden. Die Veranstaltung ist nicht zuletzt aufgrund der Bobbahn mit einem langen Register an Umweltsünden versehen.
- imago sportfotodienst

Passt Winter-Olympia denn überallhin? Nein, wenn das auch viele gerne hätten. Am besten dokumentieren das die Standorte der Bob- und Rodelbahnen, von denen sich weltweit 17 finden. Viel länger die Liste aufgelassener Eiskanäle, die 26 umfasst. Allein acht davon hatten olympische Vergangenheit, nach Cesana (ITA/2006) könnte demnächst Nagano (JPN/1998) geschlossen werden, die Zukunft des Sliding Centres in Pyeong­chang (KOR/2018) steht ebenfalls in den Sternen.

Ist Winter-Olympia ein Spielzeug für Regime? Zur größten Hürde für Olympische Winterspiele erwuchsen mittlerweile Volksabstimmungen wie in Tirol, München oder zuletzt Calgary. Der politische Wunsch, sich mit Olympischen Spielen ein Denkmal zu setzen, ist in Demokratien durch Legislaturperioden begrenzt. Das Unwort „Milliardengrab" will keiner strapazieren, ein Risiko will keiner eingehen. In China (Peking), Russland (Sotschi) oder demnächst vielleicht Kasachstan (Almaty) ist der Umgang mit Staatsfinanzen ein ebenso lockerer wie jener mit Umweltvorgaben.

Hat Winter-Olympia überhaupt Zukunft? Auf Basis des traditionellen Veranstaltungsformats kaum. Der klassische Abfahrtslauf wurde bereits diskutiert, allein die Vorgaben (Höhendifferenz, Attraktivität etc.) sprengen so manchen Rahmen. Olympische Winterspiele müssen billiger werden, sich dem Austragungsort anpassen, mit der Zeit gehen — Events wie die X-Games oder der Air & Style beziehen das junge Publikum ein. Noch konnte der Beweis nicht erbracht werden, dass Nachhaltigkeit ein Anliegen ist und als Vorgabe durchgesetzt werden kann:

Südkorea wies zuletzt das IOC-Angebot zurück, für Olympia 2018 die Bobbahn in Japan zu nutzen und baute selbst eine für 98 Millionen Euro. Jetzt stehen beide leer.

Winter-Olympia — historische Fehlplanungen

Albertville 1992 (FRA): Synonym für ein Versagen aller Kontrollin­stanzen. Die Winterspiele sorgten für ein Umwelt- und Finanzdesaster, allein die Abfahrtsstrecke in Val d'Isère und die Bobbahn sorgen für Kopfschütteln.

Nagano 1998 (JPN): Die 400.000-Einwohner-Stadt im Herzen Japans knabbert noch immer an ihrem Olympia-Abenteuer. Etliche Umweltsünden wurden begangen, der Traum von einer asiatischen Touristen-Attraktion sollte sich nicht bewahrheiten. Die Bobbahn steht sinnbildlich für das Scheitern der Winterspiele.

Turin 2006 (ITA): Warum sich Italien nach der Pleite von 2006, den „FIAT-Spielen", erneut bewirbt, bleibt angesichts der Staatsfinanzen ein Rätsel. Die Bobbahn in Cesana wurde im Jahr 2011 aufgrund der anfallenden Kosten geschlossen, die nordischen Anlagen in Pragelato harren ihrem nacholympischen Erbe.

Sotschi 2014 (RUS): Auch wenn das Internationale Olympische Komitee großzügig über gesetzliche Bedenken mit dem Verweis auf die Landesautonomie hinwegsah (Menschenrechte) — die Umweltsünden waren nicht zu übersehen. Von 40 Milliarden Euro Kosten war die Rede, die groß angekündigte Renaturierung der als Tourismusresort der Zukunft angepriesenen Kaukasus-Region konnte das niemals übertünchen.

Pyeongchang 2018 (KOR): Wieder einmal Olympische Winterspiele in Asien. Und Koreas Industrie ließ keine Kostenfragen aufkommen. Nachhaltigkeit von Sprunganlage und vor allem Eiskanal dürfen angezweifelt werden.

„Olympische Spiele haben Zukunft"

Der Vorarlberger Karl Stoss, Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC) und eines von weltweit knapp 100 stimmberechtigten Mitgliedern im IOC, sorgt sich um die Zukunft der Winterspiele.

Nach dem Rückzug Calgarys aus dem Bewerbungsrennen für 2026 bleiben mit Cortina/Mailand sowie Stockholm nur noch zwei Kandidaten.

Karl Stoss: Die Chance für Tirol war diesmal unendlich groß. Es ist traurig, dass die Volksabstimmung negativ ausging, andererseits macht es keinen Sinn, dem nachzuweinen. Durch Befragungen fallen westliche Länder eher weg.

Wie heißt jetzt Ihr Favorit für 2026?

Stoss: Ich gebe dazu keine Stellungnahme ab. Aber die italienische Bewerbung ist aufgrund der finanziellen Situation in gewisser Weise ein Risiko, da muss man abwarten. Schweden hätte Olympische Spiele der weiten Wege, aufgrund der Regierungsumbildung muss man auch hier zuwarten. Die Lage soll sich eingependelt haben.

Was würde passieren, wenn keine Stadt antritt?

Stoss: Entscheidend wird sein, ob sich die Kandidaturen bis Jahresende halten, im Juni 2019 findet die Vergabe statt. Sollte das nicht der Fall sein, muss man sich zusammensetzen und auch Städte, die eine Bewerbung für 2030 in Erwägung ziehen, fragen. Salt Lake City (USA) oder Sapporo (JPN) wären mögliche Optionen.

Hat das Internationale Olympische Komitee Fehler gemacht?

Stoss: Fehler sind passiert, keine Frage. Wir haben dieses Glaubwürdigkeitsthema auf dem Tisch. Interessant ist, dass Sommerspiele wie jene in Paris oder Los Angeles, die dreimal so groß sind, ohne Volksabstimmung über die Bühne gingen und die Begeisterung dort groß ist, in Paris waren bei einer Umfrage 80 Prozent dafür.

Verkommt Olympia zum Anachronismus?

Stoss: Olympische Spiele haben Zukunft, wir dürfen die Debatte nur nicht auf uns reduzieren. In den USA, in Asien ist die Begeisterung ungebrochen, große Firmen geben viel Geld aus.

Das Interview führte Florian Madl