Letztes Update am Di, 04.12.2018 19:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Skisprung-Ass Iraschko-Stolz: „Ich habe Rotz und Wasser geheult“

Daniela Iraschko-Stolz verrät, warum es Tränen benötigte, um wieder vorne mitspringen zu können. Die 35-Jährige stimmt dabei eine Lobeshymne auf Herrencheftrainer Andi Felder an.

© gepaSkisprung-Ass Daniela Iraschko-Stolz.



Innsbruck – Heute erfährt Daniela Iraschko-Stolz, ob ihre Nase gebrochen ist und wie die weitere Behandlung aussieht. Erst vorgestern hat die 35-Jährige diese Möglichkeit verdrängt und landete beim Weltcup in Lillehammer auf dem dritten Platz. Nur sechs Tage nach ihrem schweren Sturz in Norwegen. Gestern sprach die Wahl-Innsbruckerin mit geschwollenem und grün-blauen Flecken im Gesicht über Schmerzen, Komfortzonen und den Fortschritt beim Damen-Skispringen.

Was trifft auf Sie zu: Nur die Harten kommen in den Garten oder die Frau mit Nerven aus Stahl?

Daniela Iraschko-Stolz: Nichts von beidem. Ich habe einfach genug Selbstvertrauen. Ich bin ja wegen meines Knies die vergangenen Jahre nie ganz schmerzbefreit gesprungen, ich war also in Übung (lacht).

Und woher nehmen Sie das Selbstvertrauen nach einem schweren Sturz?

Iraschko-Stolz: Ich habe ja auch viel Übung im Stürzen. Und: Ich habe mich bei der Landung patschert angestellt, weil ich unaufmerksam war. Deswegen gab es auch nichts psychisch zu verarbeiten und für mich ist das auch kein großartiges Comeback.

Trotzdem fragt sich so mancher, wie Sie das machen.

Iraschko-Stolz: Nachdem das Knie gut ist, wollte ich einfach nicht schon wieder einen Auftakt verpassen. Ich bin mit wenigen Verletzungen aus dem Sturz ausgestiegen, die mich beim Skispringen behindern. Und das Gesicht brauche ich dafür nicht. Und es gab nur: Springst, oder springst nicht?

Und Sie sind gesprungen.

Iraschko-Stolz: Wer im Spitzensport erfolgreich sein will, muss die Komfortzone verlassen, und das kann ich ganz gut. Und bei Schmerzen bin ich nicht wehleidig. Nur bei Juckreiz – da bin ich der schlimmste Patient.

Das Verlassen der Komfortzone zahlt sich bei Ihnen seit Jahren aus.

Iraschko-Stolz: Ja. Und ich kann mich gut daran erinnern, als Andi (Felder/Anm. d. Red.) den Posten übernommen (2014/Anm.) hatte, kam er zu mir und sagte: „So wie du Ski springst, springst du nicht mehr aufs Podest.“ Daraufhin habe ich Rotz und Wasser geheult. Und dann habe ich darüber nachgedacht und beschlossen, umzustellen. Es hat lange gebraucht. Vergangene Saison habe ich wieder die Lässigkeit gefunden. Und ganz ehrlich: Ich kann meine alten Fehler viel leichter abrufen, als sie zu vermeiden. Aber es hat sich gelohnt.

Felder ist seit Frühjahr Cheftrainer der Herren. Auch dort hat er die Technik umgestellt. Von Erfolg ist das noch nicht gekrönt.

Iraschko-Stolz: Ich weiß, dass die Burschen viel besser Ski springen können. Mir kommt vor, als ob sie beweisen wollen, besser Ski zu springen als in der vergangenen Saison. Dadurch, dass sie sich alle Haxen ausreißen, fallen sie in alte Muster zurück. Man darf jetzt nicht alles schlechtreden. Sie brauchen Zeit. Ich bin mir sicher, dass sie diese Saison noch viel besser werden.

Ihre Kollegin Eva Pinkelnig hat durch Stürze auch eine lange Durststrecke hinter sich und ist jetzt wieder zurück.

Iraschko-Stolz: Und Andi hat immer an sie geglaubt, ihr die Stange gehalten. Ohne Andi wäre Eva nicht mehr zurückgekommen, auch wenn sie das selbst vielleicht noch nicht so sieht. Ihr Comeback ist vielleicht auch ein Motivationsschub für den Nachwuchs, der zeitweise besser als Eva gesprungen ist. Denn jetzt sieht dieser: Die Möglichkeit, vorne mitzuspringen, ist da, man muss sie nur nutzen.

Aber es ist nicht mehr einfach, die Dichte im Damenskispringen ist gewachsen.

Iraschko-Stolz: Sie ist richtig hoch. Wir hatten drei verschiedene Siegerinnen bisher, haben fast so viele startende Nationen wie die Burschen und vermehrt Wettkämpfe von der Großschanze. Das macht viel mehr Spaß. Zudem sind wir dieses Jahr bei der Raw Air mit dabei. Wir haben lange hart dafür arbeiten müssen, aber jetzt hat das Damenskispringen einen riesengroßen Schritt gemacht.

Das Interview führte Susann Frank