Letztes Update am Di, 11.12.2018 15:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Olympiasiegerin Gasser: „Ich hab’ noch nicht viel gekonnt“

Bevor Big-Air-Olympiasiegerin Anna Gasser gestern Richtung USA abhob, nahm Österreichs Sportlerin des Jahres die TT auf eine Zeitreise mit. Angefangen hat alles vor neun Jahren – aus einer Laune heraus.

Erfrischend offen, gelegentlich verspielt und gerne mit einem Lächeln auf den Lippen – Snowboard-Olympiasiegerin Anna Gasser.

© Vanessa Rachlé / TTErfrischend offen, gelegentlich verspielt und gerne mit einem Lächeln auf den Lippen – Snowboard-Olympiasiegerin Anna Gasser.



Innsbruck – Anna Gasser ist der hochdekorierte Beweis, dass viele Wege zum Ziel führen. Sackgassen inklusive. Wie vergangenen Freitag, als die Big-Air-Olympiasiegerin mit Freund und Teamkollege Clemens Millauer um sechs Uhr morgens zuhause in Millstatt ins Auto stieg – und knapp vier Stunden später am Stubaier Gletscher vor einem gesperrten Snowpark stand. „Wir haben trotzdem probiert, das Beste zu machen“, lächelt Gasser beim nachmittägigen TT-Interview in einem Innsbrucker Café. Anschließend ging es für Österreichs zweifache Sportlerin des Jahres noch nach Serfaus, wo sie nebst einer Autogrammstunde den Burton-Ride-Day und ihr eigenes Anon-Brillenmodell lancierte.

Nehmen Sie uns zu Ihren Anfängen mit. Wie kommt ein 18-jähriges Mädchen auf die tollkühne oder gar wahnwitzige Idee, Snowboardprofi zu werden, ohne jemals ernsthaft auf einem Brett gestanden zu sein?

Anna Gasser: Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Nicht so richtig halt. Bis 16 war ich Turnerin, habe zwei Jahre nichts Sportliches gemacht und gemerkt, dass mir etwas fehlt. Im Sommer hat mir mein Cousin Snowboard-Amateur-Videos von sich gezeigt und von da an war mir klar: Das will ich auch machen. Im Oktober sind wir dann gleich gemeinsam auf den Mölltaler Gletscher.

Und Sie haben sofort Feuer gefangen?

Gasser: Kann man so sagen, Im Gegensatz zum Skifahren habe ich mich auf dem Snowboard recht leicht getan. Und dann habe ich mich voll reingesteigert. Ich hatte weder Auto noch Führerschein – bin dann aber mit meinem Cousin fast täglich nach der Schule ins Goldeck (Skigebiet) gefahren. Und am Abend haben wir uns öfters mit den Autoscheinwerfern irgendwelche selbst gebauten Kicker ausgeleuchtet. Irgendwann habe ich mir dann den Ellbogen ausgerenkt, war von diesem Zeitpunkt an wieder mehr in der Schule und habe schließlich die Matura geschafft.

Die Kärntnerin traf sich zusammen mit Freund Clemens Millauer mit der TT auf einen Cappuccino.
Die Kärntnerin traf sich zusammen mit Freund Clemens Millauer mit der TT auf einen Cappuccino.
- Vanessa Rachlé / TT

Und dann haben Sie sich entschlossen, in die USA zu gehen, um die nächsten Schritte zu setzen?

Gasser: Erst einmal galt es meine Eltern zu überzeugen. Das war nicht so einfach. Das Okay gab es letztlich nur unter der Bedingung, dass ich nächstes Jahr dann fix mit dem Studium beginne. Einen Teil des Geldes habe mir im Sommer als Nanny (Babysitter, Anm.) verdient.

Die Wahrscheinlichkeit, einen Bauchfleck hinzulegen, war jedenfalls enorm.

Gasser: Ich hab’ damals noch nicht viel gekonnt. Aber ich habe im Internet recherchiert, dass es in Mammoth Mountain im Freestyle-Park Abschnitte für jedes Leistungsvermögen gibt, also von Anfänger bis Profi. So habe ich mich von ziemlich unten nach oben gearbeitet.

Anna Gasser hat im Big Air alles erreicht - Olympiasiegerin, Weltmeisterin, X-Games-Siegerin und auch Gewinnerin der Weltcupkugel. Und doch hat die 27-jährige Kärntnerin noch jede Menge vor.
Anna Gasser hat im Big Air alles erreicht - Olympiasiegerin, Weltmeisterin, X-Games-Siegerin und auch Gewinnerin der Weltcupkugel. Und doch hat die 27-jährige Kärntnerin noch jede Menge vor.
- imago/Action Plus

Wie haben Sie gewohnt?

Gasser: Die ersten drei Wochen habe ich gemeinsam mit einem Freund (Seppl Ramsbacher, Anm.) Unterschlupf im Employee-Haus (Mitarbeiter-Haus der Bergbahnen, Anm.) gefunden. Wir haben das billigste Zimmer genommen, eines ohne Küche. Mehr wäre finanziell nicht drin gewesen. Wir haben uns halt einen kleinen Ofen gekauft, auf dem wir einfache Gerichte zubereitet haben. Dann war der Seppl weg, aber ich habe zum Glück recht schnell Anschluss und Freunde gefunden – und wollte unbedingt länger als die vereinbarten drei Monate bleiben.

Auch eine Frage des Visums?

Gasser: Ja, deshalb bin ich nach drei Monaten ausgereist aus den Staaten und war für eine Woche in Costa Rica. Alleine, was meine Mama natürlich nicht gewusst hat. Dann durfte ich wieder einreisen in die USA und habe fleißig weitertrainiert.

Dann ist es Herbst geworden …

Gasser: … und ich habe mein Studium (Sport und Englisch auf Lehramt, Anm.) begonnen. Ich habe den Deal mit meinen Eltern einhalten müssen, sonst hätten sie mir die Wohnung in Innsbruck nicht bezahlt. Ich war aber nicht mehr oft auf der Uni, weil ich inzwischen wusste, dass ich diesen Traum weiterleben möchte.

Das haben Sie auch Ihren Eltern erklärt?

Gasser: Sagen wir so: Sie wussten davon, haben aber nicht ganz daran geglaubt. Ich hatte ja keinen Trainer, keine Struktur, keinen Verband.

Inwieweit waren Sie selbst von Zweifeln geplagt?

Gasser: Besonders im ersten Jahr, nachdem ich aus Amerika zurück war. Da hab’ ich es mir einfacher vorgestellt. Ich hab’ die Tricks halbwegs gekonnt, es ist aber was anderes, sie im Contest zu zeigen. Dazu bin ich oft gestürzt. Da hab’ ich mich oft gefragt, ob ich das Richtige tue.

Apropos Stürze: Wer einen Hochrisikosport wie Sie betreibt, muss hart im Nehmen sein.

Gasser: Ich kann ganz gut mit Schmerzen umgehen. Ich hatte ja schon die eine oder andere Verletzung.

Welche Ihrer Charaktereigenschaften waren auf dem Weg nach oben am hilfreichsten?

Gasser: Entschlossenheit und Leidenschaft. Wenn es keinen Spaß macht, dann wird es auch nichts, egal, wie viel Ehrgeiz man hat. Ich wollte diesen Weg unbedingt gehen – und möchte immer weiter.

Hat so etwas wie Zufriedenheit überhaupt Platz?

Gasser: Ich kann schon genießen. Jetzt noch besser, weil ich doch schon viele große Ziele erreicht habe. Und die Olympia-Runs habe ich mir immer wieder einmal angeschaut und dabei regelmäßig eine Gänsehaut bekommen. Erst recht, weil ich mit meinem letzten Sprung alles klar¬gemacht habe und es ein Trick auf höchstem Level war.

Hand aufs Herz: Wie groß war die Last, die vor den Winterspielen auf Ihren Schultern lag?

Gasser: Riesig. Vielleicht hätte ich im Vorfeld nicht die Berichte lesen sollen, dort standen nämlich Dinge wie: Alles außer Gold wäre eine Enttäuschung. Ich weiß aber, wie schnell ein kleiner Fehler passieren kann und wie gut die anderen sind. Ich war mir viel unsicherer als die Öffentlichkeit.

Wären Sie auch mit Silber oder Bronze zufrieden gewesen?

Gasser: Vor dem Slopestyle-Bewerb war der Wunsch nach Gold größer als danach. Ich war so gut vorbereitet wie noch nie in meinem Leben, Der Slopestyle war bekanntlich dann anders als geplant (Wind-Chaos, Anm.). Es lag sozusagen außerhalb meiner Macht, das hat mir wieder gezeigt, dass in einem Contest alles passieren kann. Ich wäre vor dem Big Air über jede Medaillenfarbe froh gewesen. So war’s natürlich genial.

Wie groß war der Wunsch, als erste Frau den Cap Triple Underflip 1260 zu stehen, was Ihnen zuletzt im Stubaital gelungen ist?

Gasser: Der Druck kam eher von mir selbst als von anderen. Ich wollte schon gern die Erste sein, das war irgendwie ein Ziel von mir. Zuerst der Double, dann der Triple.

Würde man diesen Sprung und Olympia-Gold auf eine Waagschale legen, dann …

Gasser: Das ist schwer. Wobei von den Medien, nicht von den österreichischen, aber von den internationalen, mehr Aufmerksamkeit auf dem Sprung lag. Ich glaube nicht, dass ich nach Olympia-Gold bei diesen ganzen crazy Fernsehsendern wie ESPN oder BBC vorgekommen bin. Sogar in Australien wurde berichtet. Für mich persönlich hat die Olympiamedaille höheren Stellenwert. Wobei – wenn ich irgendwann später zurückschaue, weiß ich es nicht. Es ist schön, dass beides passiert ist.

Das Gespräch führten Tobias Waidhofer und Max Ischia




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