Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.01.2019


Skispringen

Diethart: “Als Erstes flog die Waage aus der Wohnung“

Trainer-Ausbildungen und Fallschirmspringen erfüllen das Leben von Ex-Skispringer Thomas Diethart. Er kämpft noch mit Folgen seiner Stürze.

Thomas Diethart hilft dem Nachwuchs in Absam auf die Sprünge.

© DiethartThomas Diethart hilft dem Nachwuchs in Absam auf die Sprünge.



Von Susann Frank

Innsbruck – Wenn seine ehemaligen Kollegen abheben, ist Thomas Diethart live dabei. Allerdings vor dem Fernseher. „Da ist es wärmer“, sagt der zurückgetretene 26-jährige Ex-Skispringer und lacht. Der Wahl-Tiroler freut sich wieder des Lebens nach seiner eher kurzen Sportler-Karriere mit dem Glanzpunkt Vierschanzentourneesieg 2014 (als Senkrechtstarter) und seiner schwierigen Zeit danach. Dreimal hatte er das Glück, nach sehr schweren Stürzen wieder körperlich zu genesen, im April 2018 gab der gebürtige Niederösterreicher jedoch aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt bekannt.

Seit der letzten Bruchlandung mit erneuter Gehirnerschütterung im November 2017 leidet er manchmal noch an Gedächtnisschwierigkeiten. „Ich habe gelernt, damit umzugehen, ich schreibe mir Dinge auf“, erzählt er. Nicht die einzige Lebensschule, die Diethart nach seinem Rücktritt bestreiten musste. „Da ich auf die Riesenumstellung nicht vorbereitet war, war ich anfangs total ziellos“, gesteht er.

Ein Anruf seines ehemaligen Betreuers Harald Haim, dem Sportlichen Leiter des Schigymnasiums Stams, zeigte ihm einen neuen Weg auf. „Er informierte mich, dass sie in Absam einen Trainer suchen.“ Seit dem Gespräch mit Esther Steindl, Trainerverantwortliche beim HSV Absam, hilft er dem dortigen Nachwuchs auf die Sprünge. „Es ist so toll, zu sehen, wenn Kinder plötzlich fünf bis zehn Meter weiter springen. Die Arbeit macht Spaß“, betont Diethart. Da er sich eine Laufbahn als Coach vorstellen kann, beginnt er dieses Jahr mit der Ausbildung. „Wie es weitergeht, wird man sehen.“

Fünf Jahre nach seinem Tourneesieg trat Thomas Diethart zurück.
Fünf Jahre nach seinem Tourneesieg trat Thomas Diethart zurück.
- gepa

Der Mann mit dem Spitznamen „Didl“ baut sich ein zweites Standbein auf. Durch seine Anstellung als Heeressportler hat er Anspruch auf eine berufliche Ausbildung zum Fitness-, Gesundheits- und Ernährungstrainer in Innsbruck. „Das habe ich mir ausgesucht, weil ich damit immer zu tun hatte“, erklärt Diethart. Bezüglich Ernährung war ihm eines nach der Karriere besonders wichtig: „Das Erste, was aus der Wohnung flog, war die Waage“, verrät er. Während seiner Karriere hatte der Mann, der für seinen Rückwärtssalto als Freudensprung bekannt war, stets mit dem Gewicht zu kämpfen: „Ich war meist etwas zu schwer.“

Bei seiner neuen Leidenschaft ist dieser Aspekt unbedeutend. Nachdem er nicht mehr von Schanzen springen darf, stürzt er sich aus 4000 Metern Höhe aus dem Flugzeug – mit einem Fallschirm auf dem Rücken. Seit er im vergangenen Juni die Lizenz dafür erworben hat, kann er davon nicht genug bekommen. „Es kommt dem Skispringen nahe. Ich habe jetzt 43 Sprünge“, sagt der Olympia-Zweite 2014 (Teambewerb) in Sotschi (RUS) und schwärmt: „Je schneller, desto besser.“

Trotz der Ersatz-Droge vermisst er manchmal noch seinen früheren Lebensinhalt. „Ich glaube, das geht nie verloren. Ich weiß jedoch, dass es auch etwas anderes im Leben gibt.“ Sehr wehmütig wird er, wenn er Kommentare über seine früheren Kollegen in den sozialen Medien liest. Diethart: „Es tut mir schon richtig leid, wenn es nicht so gut läuft für das Team, aber was die angeblichen Skisprung-Fans auf den Plattformen schreiben, das tut mir richtig weh und das finde ich nicht in Ordnung. Das haben die Springer nicht verdient.“