Letztes Update am Di, 29.01.2019 12:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wintersport

25. Todestag von Ulrike Maier: Als die Sportwelt geschockt innehielt

Heute vor 25 Jahren verunglückte Skirennläuferin Ulrike Maier bei der Weltcup-Abfahrt in Garmisch tödlich. An den Unfall, der die Skiwelt schockte, erinnert bis heute mehr als ein Marterl nahe der Unglücksstelle.

Unvergessen: Ulrike Maier, „Ulli“ genannt, wiederholte ihren WM-Sieg von 1989 zwei Jahre danach als Mutter.

© APA/JägerUnvergessen: Ulrike Maier, „Ulli“ genannt, wiederholte ihren WM-Sieg von 1989 zwei Jahre danach als Mutter.



Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck — „25 Jahre? 25 Jahre ist das schon her?", fragt sich Alexandra Meissnitzer und senkt den Blick. „Unfassbar", sagt die ehemalige Rennfahrerin und atmet tief durch. Eines ihrer ersten Weltcuprennen sei das damals gewesen, am Start habe sie wegen der Unterbrechung ungeduldig gewartet. „Du denkst an eine Knieverletzung oder so, weil die Unterbrechung so lange dauerte. Aber im Nachhinein ... es war ..." Meissnitzer ringt um Worte.

Es war der 29. Jänner 1994. Ulrike Maier verlor bei der Weltcup-Abfahrt auf der Kandahar-Strecke ihr Leben. Die Rauriserin war bei 104,9 km/h gestürzt und auf einen Schneekeil, der die Zeitmessung absicherte, geprallt und sofort tot. Sie war 26 Jahre alt, Mutter einer Tochter (Melanie, heute 29 Jahre) und zweifache Super-G-Weltmeisterin.

Der Sturz ist in Erinnerung geblieben, auch weil Tausende TV-Zuschauer ihn live miterlebt hatten. Meissnitzer hat ihn bis heute nicht gesehen. „Es war eine sehr schwierige Zeit", erinnert sich OK-Chef der Garmisch-Rennen Peter Fischer, 1994 noch Stellvertreter. An diese Tage werde er immer denken. Als Vertreter von Garmisch sei er zum Begräbnis, dem 5000 Menschen beiwohnten, nach Rauris gefahren: „Und das war nicht leicht, auch weil die Stimmung damals ja schon sehr aufgeheizt war."

Maiers Freund Hubert Schweighofer hatte am Tag nach der Tragödie geschworen: „Tatsache ist, sie haben mir meine Lebensgefährtin genommen. Die Herrschaften werden dafür bezahlen. Ich werde die Verantwortlichen der FIS verfolgen bis in die letzte Instanz."

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Gemeint waren die Renndirektoren des Skiweltverbandes: der Innsbrucker Kurt Hoch und sein Schweizer Kollege Jan Tischhauser. Garmischs OK-Chef Hubert Ostler erhielt gar Morddrohungen, Hoch bewachten Personenschützer. Die Trauer, die Suche nach Schuldigen, der Druck der Medien — das prägt die Erinnerung der Beteiligten.

Die Bilder gruben sich ins Gedächtnis Tausender TV-Zuschauer: Maiers rechter Ski verschnitt und sie stürzte bergwärts gegen einen Schneekeil.
Die Bilder gruben sich ins Gedächtnis Tausender TV-Zuschauer: Maiers rechter Ski verschnitt und sie stürzte bergwärts gegen einen Schneekeil.
- APA/dpa/ZDF

„Man braucht schon ein starkes Herz, um das auszuhalten", sagt Hoch heute, bis 2005 war er noch FIS-Renndirektor, inzwischen ist er Sachverständiger für alpinen Ski- und Snowboardsport. Nach Ermittlungen wurde das Verfahren der Staatsanwaltschaft München eingestellt.

Maiers Wirbelsäule sei vom Kopf getrennt worden, die Arterie im Nacken zerrissen — verursacht durch den Aufprall mit ihrem Gesäß auf einen Schneekeil (zur Absicherung der Tempo-Messanlage), wodurch die schnelle Drehbewegung abrupt gebremst wurde, „aber die Rotation noch mit einer Masse von etwa 400 Kilo auf den Kopf einwirkte", erklärte Gutachter Erich Schuller einst.

Die Theorie, Maier wäre gegen einen nicht angesägten Zeitnehmungspfosten gestoßen, hielt sich dennoch. Schweighofer gab nicht nach und erwirkte mit seinem Anwalt eine Wiederaufnahme am Münchner Landgericht II. „44 Vergehen wurden uns auf Basis der Speed-Ski-Regeln vorgeworfen — aus einer ganz anderen Ski-Disziplin", erzählt der 72-jährige Hoch.

Der Prozess endete überraschend schon am zweiten Tag. Die FIS erklärte sich bereit, zur Versorgung von Melanie Maier 600.000 Schweizer Franken, damals umgerechnet in Euro knapp 400.000, in einem Fonds bereitzustellen. Hoch und Tischhauser wurde eine Zahlung von je 10.000 Mark an die Garmischer Bergwacht auferlegt, „eine etwaige Schuld beider Angeklagten, falls sie festgestellt werden könnte, wäre gering", befand die Kammer schließlich.

„So ein Sturz wie von Ulli Maier war vorher nicht denkbar gewesen", sagt Hoch (siehe auch unten). Aufgrund der erst seit etwa einem Jahr im Einsatz befindlichen Carving-Skier war die Salzburgerin bergwärts gestürzt. „Von dem, was man weiß, war da so viel Pech auf einmal — unvorstellbar, dass das so ausgeht", bedauert Maiers ehemalige Kollegin Meissnitzer.

Kurz mag der Skiweltcup stillgestanden haben, vier Tage später fand dennoch die nächste Weltcup-Abfahrt in Sierra Nevada statt, nur die Österreicherinnen sagten ab. „Wir haben dann versucht, gewohnt weiterzumachen. Psychologischer Beistand war damals nicht üblich", erzählt Weggefährtin Meissnitzer. Einige hätten dies erst später aufgearbeitet. Mit dem Unglücksort verbindet sie dennoch bis heute Unbehaglichkeit: „Ich fahre trotz der netten Leute und der Professionalität in Garmisch immer mit einem ganz eigenen Gefühl dorthin."

Während in Rauris am Samstag eine Piste nach Ulli Maier benannt wird, gedachte Garmisch ihrer beim Weltcup am Wochenende mit Bildern nach der Siegerehrung. „Sie wird immer mit unserem Ort verbunden bleiben", sagt OK-Chef Fischer. Als Erinnerung steht zudem ein Lärchenkreuz des Skiclubs nahe der Unglücksstelle an der FIS-Schneise. Ein Zitat ziert das Marterl: „Wer glaubt, hat das ewige Leben."

Kurt Hoch: „Maiers Unfall war der erste dieser Art"

Der Wahl-Tiroler Kurt Hoch war ÖSV-Trainer und später FIS-Renndirektor, auch bei Ulli Maiers Unfall.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 29. Jänner vor 25 Jahren?

Kurt Hoch: Es war ein trauriger Tag. In den 29 Jahren, in denen ich als Trainer und Renndirektor international unterwegs war, gab es leider auch andere tödliche Unfälle — wie jener von Gernot Reinstadler in Wengen etwa.

Welche Schlüsse hat man direkt daraus gezogen?

Hoch: Sicherheitsvorkehrungen werden nicht erst überdacht, wenn etwas passiert. Die Weiterentwicklung ist ein laufender Prozess. Natürlich treiben schwerwiegende Unfälle diesen aber auch voran. Man mag Ideen haben, dann braucht es jedoch auch Firmen, um diese umzusetzen.

Das betrifft auch Diskussionen im Bereich Material.

Hoch: Bei der Häufigkeit ähnlicher Stürze überlegt man auch da. 1994 war der Carving-Ski noch recht neu. Nicht, dass man die Taillierung mit freiem Auge gut erkannt hätte, aber es war eine neue Entwicklung. Sieht man sich den Sturz von Cornelia Hütter vom Sonntag an, gibt es Pa­rallelen. Fahrfehler, verkanten und dann der katapultartige Sturz. Maiers Unfall damals war der erste dieser Art, das war bis dahin nicht bekannt.

Auch die Präparierung der Pisten hat sich geändert ...

Hoch: Da gibt es einen Zusammenhang. Das Material hat sich an die Pistenverhältnisse angepasst. Die Kurvengeschwindigkeiten sind heute immens hoch. Man präpariert mit Wasser, Schläge gibt es dennoch. Man könnte also auch das Wasser weglassen, will aber auch bei Startnummer 50 noch eine gute Piste. Man könnte in der Abfahrt weitere Linien fahren, aber dafür fehlt dann der Platz. Es ist immer eine Gratwanderung. Und es gab auch früher Verschneider, aber die Auffälligkeit ist größer geworden.

Garmischs OK-Chef Fischer sagt sinngemäß, man stehe heute als Veranstalter mit einem Bein im Gefängnis. Wie sehen Sie das?

Hoch: Das ist sicher immer problematisch und fängt schon bei den kleinen Rennen an. Der Skisport ist nicht gerade ungefährlich, was auch charakteristisch für ihn ist. Wenn ein Unfall passiert gilt es eben abzuklären, was wer eventuell nicht richtig gemacht hat. Also hat Fischer schon Recht damit.

Warum wagt es dann überhaupt noch jemand, Rennen zu veranstalten?

Hoch: Der Standard an Sicherheitsvorkehrungen hat sich auf allen Rennebenen erhöht und heute wissen die Leute auch durch Schulungen, welche Standards es einzuhalten gilt. Das Niveau ist insgesamt recht gut. Den Einzelnen ist klar, was sie tun müssen, aber natürlich gibt es nach wie vor Situationen, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass man in solche kommt. So wie auch der Sturz von Ulli Maier nicht vorstellbar war, weil er in der flachsten Passage passierte.

Seit Maiers Tod müssen Läufer für die seit damals notwendige FIS-Lizenz unterzeichnen, die Verantwortung für das Risiko auf sich zu nehmen.

Hoch: Das gibt es in vielen Sportarten und nützt einem Veranstalter auch nichts, wenn dieser grob fahrlässig handelt. Die Rennläufer müssen das Risiko für sich selbst einschätzen. Die Konsequenz von Sicherheitsvorkehrungen ist ja auch, dass heute etwa bei der Steilhangausfahrt in Kitzbühel voll riskiert wird, weil alle wissen, dass sie einen Kontakt mit der Gleitplane vermutlich glimpflich überstehen werden. Dort so zu fahren, ging früher nicht.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es aber nicht ...

Hoch: Es ist gar nicht vorstellbar, was noch alles passieren kann. Und Sportler gehen naturgemäß an Grenzen. Wenn man es mit dem Bergsport vergleicht, gilt es aber auch im Skirennsport, taktisch zu fahren und Risiken eben zu kalkulieren.

Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer