Letztes Update am Do, 07.02.2019 10:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aare 2019

Miller: „Weltcuprennen das ganze Jahr über veranstalten“

Olympiasieger Bode Miller im Interview über nutzlose Regeln der FIS, Heuballen als Aufprallschutz und seine Favoriten bei der Ski-WM in Aare.

Zeit seines Sportlerlebens ein Querdenker: Ex-Rennläufer Bode Miller lässt mit interessanten Ideen aufhorchen.

© AFPZeit seines Sportlerlebens ein Querdenker: Ex-Rennläufer Bode Miller lässt mit interessanten Ideen aufhorchen.



Die WM startet mit den Speedbewerben. Wer sind Ihre Favoriten?

Miller: Es ist keine wahnsinnig schwierige Strecke für die Abfahrer, weshalb die schweren Jungs wie Dominik Paris oder Aksel Lund Svindal einen Vorteil haben werden – sofern sie das für die anspruchsvollen Bedingungen richtige Skimaterial haben. Es ist der Mix aus Kälte und Feuchtigkeit, die den Schnee sofort anfrieren lässt. Wenn es da vor dem Start eines Rennläufers eine kurze Unterbrechung gibt, sind es schon ganz andere Streckenverhältnisse.

Svindal wird wie Lindsey Vonn und vielleicht Felix Neureuther die Karriere beenden. Die Genannten haben Verletzungen hinter sich – sind Strecken und Material zu aggressiv?

Miller: Das glaube ich nicht. Es wurden viele Dinge unternommen, die die Strecken sicherer gemacht haben. Fast überall wurden A-Netze angebracht. Das führt beim Athleten zum Gefühl, sicher zu sein. Aber in Wirklichkeit ist es nicht sicherer als zu Zeiten, als mit Heuballen und Holzzäunen die Sturzräume abgesichert wurden. Die Fahrer heute fühlen sich nur völlig sicher, jeder fährt über seinem Limit und nimmt die permanente Sturzgefahr in Kauf. Wenn es dann einen Crash gibt, ist es nicht viel anders als früher.

Der Ski-Weltverband FIS reagiert immer wieder mit Regeländerungen.

Miller: Die Regeln, die die FIS aufstellt, sind nur zu deren eigenem Nutzen. Sie nützen nicht den Sportlern und nicht dem Sport. Also was soll das?

Wird die Stimme der Athleten nicht gehört?

Miller: Es gibt überhaupt keine Stimme.

Aber es gibt doch einen Athletensprecher.

Miller: Es gibt einen Vertreter für die Athleten – aber der hat keine wirkliche Mitsprache. Solange es keine objektive, unabhängige Institution gibt, die Entscheidungen trifft, so lange sollten die Athleten ihre Ausrüstung selbst wählen können. Es ist ihr Sport, ihre Karriere, ihr Leben, das sie riskieren.

Was läuft falsch?

Miller: Solange einzelne Skifirmen und nationale Verbände so viel Einfluss haben, dass sie eine Regeländerung bei der Taillierung durchsetzen können und alle anderen ihre Ski verbrennen und wegwerfen können und zwei Jahre später ist wieder alles anders, so lange läuft etwas falsch.

Sie sprechen von Atomic und dem ÖSV?

Miller: Ja. Aber der ÖSV vertritt nur seine Athleten und seine Ausrüster. Man könnte sagen, die FIS ist zu schwach.

Sie könnten sich ja in der FIS engagieren. Wäre das eine Variante für Sie?

Miller: Nein, keine Chance. Der einzige Grund, warum es die Funktionäre derzeit machen, ist, dass sie über ihr eigenes Gehalt entscheiden können. Das hat keinen Reiz für mich. Wenn ich dort etwas entscheiden könnte, würde ich niemandem ein Gehalt auszahlen. Wenn es jemand nicht auf freiwilliger Basis für den Sport und die Athleten tun will, dann müsste er gehen.

Was würden Sie ändern?

Miller: Ich könnte mir vorstellen, Weltcuprennen das ganze Jahr über zu fahren. Im europäischen Sommer eben auf der Südhalbkugel in Australien, Neuseeland oder Chile – aber nur ein oder zwei Rennen pro Monat. Dann wäre es tatsächlich ein Weltcup und der Druck durch die vielen Rennen in kurzer Zeit und damit die Verletzungsgefahr würden ebenfalls kleiner werden.

Das Gespräch führte Klaus Höfler (Kleine Zeitung)