Letztes Update am Mo, 11.02.2019 09:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aare 2019

Raich über Kombi und Co: „Es passiert viel mit ziemlich wenig Plan“

Benjamin Raich war einer der letzten echten Allrounder. Im Interview erzählt der 40-jährige Pitztaler, was er sich für die Kombination vorstellt.

Der Pitztaler Benjamin Raich sieht keine klare Linie bei der Entwicklung der Disziplinen im Ski-Rennsport.

© Michael KristenDer Pitztaler Benjamin Raich sieht keine klare Linie bei der Entwicklung der Disziplinen im Ski-Rennsport.



Heute geht es um den WM-Titel in der Kombination. Was glauben Sie: Ist es das letzte Mal?

Benjamin Raich: Nein, das glaube ich nicht. Vor einiger Zeit hätte ich noch anders geantwortet, aber jetzt gibt es Strömungen, wonach die Idee, sie abzuschaffen, doch nicht gut ist.

Warum soll es sie denn geben?

Raich: Ganz wichtig: Geben sollte es sie auch nur, wenn sie richtig ernst genommen wird. Die Kombination war ja einst richtig und wichtig. Zu meiner Zeit hat man dann den Versuch unternommen, Kombinierer und Allrounder zu fördern. Ich fand das gut, aber man hat das dann nicht entsprechend aufgezogen.

Warum?

Raich: Es gab einfach zu wenige Bewerbe. Wenn du fünf, sechs, sieben Rennen pro Saison hast, spielt das schon eine andere Rolle. Und dann wird auch wieder g’scheit trainiert, es gibt auch wieder g’scheite Interviews. Weil das spielt ja auch eine Rolle.

Sie meinen jetzt die Interviews?

Raich: Ja, klar! Wenn alle kommen und sagen: Ich hab’ nie Slalom trainiert und ich hab’ nie Abfahrt trainiert, das kann ich nicht mehr hören! Wenn ich einen Bewerb fahre, der wichtig ist, habe ich vorbereitet zu sein. Solche Ansagen habe ich auch nur in der Kombination gehört, nie bei den anderen Rennen.

Weil man oft meint, die Kombination dient als Zusatz oder als Ausweichrennen, oder?

Raich: Klar, weil es zu wenige gibt. Bei zwei Rennen nimmt ja keiner den Aufwand auf sich, der dahintersteckt. Und der ist groß! Früher – und ich sage nicht, dass früher alles besser war, weil das mag ich gar nicht – hat es viele gegeben, die in der Kombination gut waren. Aber auch im Slalom, auch in der Abfahrt. So wie Lasse Kjus, als ich in den Weltcup gekommen bin.

Heute trifft man im Slalom aber auf Marcel Hirscher. Einen Tüftler und Perfektionisten auf dem Materialsektor.

Raich: Also das gab es schon früher auch. Ich bleibe dabei: Das Hauptproblem ist, dass es zu wenig Bewerbe gibt. Klar sagt sich dann jeder, dass er sich lieber auf das konzentriert, worin er am stärksten ist. Und dann hast du das Dilemma.

Woher kommt das?

Raich: Weil viele glauben, dass du schlechter wirst, wenn du nicht pausenlos deine Spezialdisziplin trainierst. Mir haben ja auch viele gesagt, als ich Abfahrt und Super-G dazugenommen habe: Du wirst im Slalom und Riesentorlauf abstürzen. Da war viel Skepsis da. Und was war? Das Gegenteil ist passiert. Ich bin besser geworden.

Aber was ist mit dem Stellenwert? Mikaela Shiffrin holt sich die Goldene nicht einmal ab.

Raich: Das verstehe ich zum Beispiel überhaupt nicht.

Und sie sagt, sie konzentriert sich auf die „wichtigen Goldenen“. Macht sie damit nicht den eigenen Sport schlecht?

Raich: Ja, das ist so. Und es ist ein Phänomen bei den Alpinen. Nimm den Teambewerb, den viele als ‚Er & Sie-Lauf‘ abkanzeln. In anderen Sportarten aber ist die Staffel das Größte. Die Athleten sind zum Teil selbst schuld, weil ihnen nicht bewusst ist, was es heißt, wenn sie so was sagen.

Sie waren aber selbst kein Fan des Teambewerbs, oder?

Raich: Ich bin aber gefahren und habe sicher nie gesagt, dass ich ihn auf die leichte Schulter nehme. Wenn ich den Sport verkaufen will, und diese Komponente sollte man berücksichtigen, muss ich meine Meinung manchmal zurückhalten. Zu fahren und es lächerlich machen, das ist eine Spur zu ehrlich.

Wenn wir beim Teambewerb sind: Seit Ihrem Rücktritt gibt es viele neue Disziplinen, es passiert ziemlich viel ...

Raich: Und ziemlich viel mit wenig Plan. Oder?

Das ist die Frage, ja.

Raich: Also: Ich will die Kombination nicht mit Gewalt halten. Mir hat auch der Parallel-RTL in Alta Badia gefallen. Nur muss man sich überlegen, was man will. Welches Reglement? Wo wird gefahren? Wie lege ich es an? Man muss halt einen Plan machen und dann durchziehen. Jetzt kennt sich ja keiner aus, was es für Formate gibt. Und wenn das so ist, sage ich: Weg damit! Und die Kombi stärken.

Sind Sie zufrieden mit dem Sport an sich?

Raich: Ich finde, dass wir sehr viel großen Sport sehen und dass sehr viel sehr gut läuft. Kitzbühel, Schladming, Schweiz-Rennen, etc. Da wird viel gut gemacht.

Sehen Sie auch einen Reformstau im Skiverband?

Raich: Es wird viel gemacht, aber leider nicht alles mit Plan. Es gibt viel zu tun. Aber das muss man auch angehen. Finde ich.

Wären Sie interessiert daran, mitzuarbeiten?

Raich: Wenn ich jetzt Ja sage, melde ich mich ja selber an.

Na und?

Raich: Ich könnte mir sicher das eine oder andere vorstellen. Aber ich habe in meinem Leben ziemlich Gas gegeben. Jetzt habe ich Familie und für die will ich Zeit haben. Das ist der Knackpunkt vieler Jobs, die Zeit. Wenn ich etwas tue, will ich es mit vollem Einsatz tun, ich kenne mich ja. Die Balance zwischen Beruf und dem, was ich wirklich machen will, muss halt stimmen.

Das Gespräch führte Michael Schuen (Kleine Zeitung)