Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.02.2019


Seefeld 2019

Nordische Ski-WM: Das Ende der Seefelder Selbstsuche

Der Erfinder des alpinen Parallelschwungs kommt aus Seefeld, die nordischen Wurzeln waren nach zwei Olympischen Spielen tief verankert. Zwischenzeitlich verlor der Gastgeber der morgen beginnenden WM allerdings einmal den Faden.

Das 30-km-Langlaufrennen bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Tirol (im Bild William Koch/USA). Nordische Tradition auf ihrem Höhepunkt.

© Schaadfoto/Frischauf BildDas 30-km-Langlaufrennen bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Tirol (im Bild William Koch/USA). Nordische Tradition auf ihrem Höhepunkt.



Von Florian Madl

Seefeld – Was wäre wohl passiert, hätte der Finne Pauli Siitonen den nach ihm benannten Schritt in der Langlauf-Technik schon früher etablieren können? Erst bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft 1985 in Seefeld setzt­e die Urform des Skatings zu ihrem Siegeszug an, bei der WM 1987 in Oberstdorf war das Ausscheren nicht mehr wegzudenken.

Eine sporthistorische Zäsur, vergleichbar mit dem V-Stil im Skisprung, der nur wenige Jahre später erfolgt­e. In einem Rückblick ist von der Verunglimpfung der heute gängigen Technik als „Supervernichtungsschritt“ die Rede, die norwegischen Gralshüter im Internationalen Skiverband FIS wollten an ihrem klassischen (Parallel-)Laufen festhalten und versuchen das in der Ausrichtung des Wettkampfkalenders bis heute. Und auch Seefelds Loipen waren bei der WM 1985 noch auf das Parallel-Führen der Ski ausgelegt, man hatte die Entwicklung nach Meinung des Skiclub-Obmanns, Bürgermeisters und nunmehrigen WM-Mitverantwortlichen Werner Frießer „verschlafen“.

Zwar boomte der Tourismus in den sieben Jahren nach der WM, aber sportlich herrscht­e in der Folge auch abseits Orientierungslosigkeit. Die örtliche Schanze? Benannt nach dem Erfinder des alpinen Parallelschwungs, dem unvergessenen Toni Seelos. Die zwischenzeitliche Strategie zu Beginn des neuen Jahrtausends? Ein schrilles Snowboard-Festival namens Air+Style (bis 2004), das mehr nach Innsbruck (oder später nach München) passte als aufs Plateau und bei manchen Einheimischen eher Naserümpfen als Zungen­schnalzen auslöste.

Erst mit dem Masters-Weltcup der Langläufer (2003) setzte ein Umdenkprozess ein. Die Rückbesinnung auf zwei Olympische Winterspiele (1964/1976), die nordischen Wurzeln. Und mit den Nordischen Kombinierern wurde die Vergangenheit in Form eines jährlich wiederkehrenden Weltcups wiederentdeckt, was der Seefelder DNA zugrunde liegt.

Doch der malerisch gelegene Ort kann so viel mehr als nur das sein. Bürgermeister Frießer erinnert sich an ein­e Aussage von Hotelchefin Elisabeth Gürtler, die ihre Gemeinde als „Ort für Egoisten“ bezeichnete – im besten Sinn­e des Wortes:

Eine Familie könne hierher auf Urlaub fahren und jeder auf hohem Niveau das tun, worauf er Lust habe. Nordisch sowieso, neuerdings auch mit einer Biathlonanlage, die deutsche Stars wie Laura Dahlmeier anlockt.

Und auch alpin: Alexis Pinturault und Lindsey Vonn feilten kurz vor der WM in Aare am Gschwandkopf an bevorstehenden Medaillen. Nur wenige Steinwürfe entfernt: die Toni-Seelos-Schanze, die im Sinne ihres Namensgebers alle Spielarten des Skisports vereint. Wobei: „Einen Alpin-Weltcup werden wir keinen ausrichten“, lässt Bürgermeister Frießer wissen. Die Nordische WM soll dem Plateau wieder fette Tourismus-Jahre bescheren. Und weil von Versäumnissen die Rede war: Aus dem Dornröschenschlaf nach der WM 1985 hat man seine Lehren gezogen, auch St. Anton war nach seiner Alpin-WM 2001 lange Zeit aus dem Weltcup-Kalender ausgeschieden.

Die Seefelder Investitionen und eine WM, die angesichts der Schnee- und Wetterlage ein Wintermärchen verheißt, sollen nun einen weiteren Grundstein legen. Noch einmal will Seefeld nicht hinterherhinken. Nicht klassisch, nicht im Siitonen-Schritt und touristisch ohnehin nicht. So gesehen war es ein Segen, dass die Plateaugemeinde im Juni 2014 wider Erwarten im ersten Anlauf den WM-Zuschlag erhielt. Kalkuliert hatte man mit drei Anläufen, doch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hatte mit diplomatischem Spürsinn die Weichen gestellt: Seefeld 2019, Oberstdorf 2021. So wie schon 1985 und 1987.

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