Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.02.2019


Seefeld 2019

Von wegen Gleichberechtigung: Kein gleiches Preisgeld auf der Schanze

Wenn Österreichs Athletinnen heute beim Mannschaftsbewerb um Medaillen kämpfen, ist das ein weiterer Schritt in der Entwicklung des Damen-Skispringens. Doch in puncto Preisgeld hinken sie noch weit hinterher.

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© gepa goetzhaber



Von Susann Frank

Seefeld – Ein kurzer Husten­anfall unterstrich Daniela Iraschko-Stolz’ darauffolgende Aussage: „Mir läuft die Zeit davon“, sagte die 35-Jährige gestern. Drei Wochen nach der Diagnose einer atypischen Lungenentzündung kämpft die Wahl-Innsbruckerin immer noch um ihre Gesundheit. Das Training vergangene Woche in der Steiermark sei zwar gut gewesen, „aber ich habe noch nicht den Punch in den Beinen“, haderte sie.

Auch aus ihren weiteren Worten ist herauszuhören, dass sie mit ihrer körperlichen Konstitution unzufrieden ist. Und das passt der äußerst ehrgeizigen Skispringerin so gar nicht in den Kram, geht doch mit der Heim-WM ein Wunsch in Erfüllung, für den sie seit ihrer Kindheit kämpft: mehr Gleichberechtigung im Skispringen.

Mit dem ersten Team-Bewerb bei einer Weltmeisterschaft (16.15 Uhr/ORF eins live) ist ein weiterer Schritt gesetzt. Seit die Frauen 2009 in Liberec (CZE) ihre erste Medaillenvergabe bei den Titelkämpfen feierten, ist viel passiert. 2012 wurden die Weltcupbewerbe eingeführt, seit 2014 werden Olympiasiegerinnen gekürt. Die Entwicklung geht zu Großschanzen-Bewerben und die Team-Wettkämpfe während der Saison gesellten sich hinzu.

„Die Vorfreude auf diesen Wettkampf war vor der Krankheit riesig“, sagte Iraschko-Stolz, die sich vergangene Saison für die Aufnahme des Teambewerbs bei der WM exponiert hatte. Zusammen mit ihren ÖSV-Kolleginnen hielt sie beim Weltcup-Finale 2018 ein Plakat dafür in die Kameras. „Unser Einsatz hat sicher etwas dazu beigetragen, dass der Bewerb kurzfristig noch ins WM-Programm aufgenommen wurde“, sagte Chiar­a Hölzl.

Schließlich ist es eine groß­e Möglichkeit für Österreich, ein­e weitere Medaille zu gewinnen. Ein zweiter und ein dritter Platz stehen als Ergebnis nach zwei Team-Bewerben auf dem Papier, Siegerinnen waren jeweils die Deutschen. Für das heute startende ÖSV-Quartett Iraschko-Stolz, Hölzl, Eva Pinkelnig und Jacquelin­e Seifriedsberger muss das Ziel deswegen „eine Medaill­e sein“, bestätigte Chef­trainer Harald Rodlauer. Er war ebenfalls sehr glücklich, dass er heute die Mannschaft auf der Toni-Seelos-Schanze abwinken darf.

Insgesamt stehen elf Nationen am Start, eine bedeutende und zeitweise fanatische Skisprung-Nation fehlt jedoch: Die Polen haben die Entwicklung bei den Damen verschlafen, wie Sportdirektor Adam Malysz zugeben muss. „Ich gestehe auch, Damenspringen vor 20 Jahren noch nicht gut gefunden zu haben“, sagte der ehemalige Weltklasse-­Athlet. Jetzt müssten sie die Entwicklung anschieben. „Wir werden mehr Geld dafür investieren und vielleicht sogar einen Trainer aus dem Ausland engagieren“, erklärte Malysz. Man würde bei Olympia 2022 in Peking auch um Medaillen mitspringen wollen. Und dadurch, dass die Enkelin des Verbandspräsidenten springen würde, wäre noch eine besondere Brisanz mit dem Thema verbunden.

Dass die Gleichberechtigung, die das Internationale Olympische Komitee fordert, noch Zeit benötigt, zeigt auch das Preisgeld: Während eine WM-Damen-Einzelsiegerin 8000 Schweizer Franken erhält (7043 Euro), geht der männliche Kollege mit 28.750 CHF (25.310 Euro) von der Schanze. Bei Team-Gold verdienen die Herren das Siebenfache von den Damen (30.812 Euro gegenüber 4400 Euro). Eine Ungleichheit, die wohl nicht so schnell aufzuholen sein wird, zumal sich der Internationale Ski-Verband FIS lange gegen das Damen-Skispringen wehrte und erst auf Druck des IOC nachzog.

Doch das ist für Österreichs Damen derzeit sekundär. Für sie steht im Vordergrund, mit Team, Einzel und Mixed dreimal dabei zu sein. Und Rodlauer sieht Iraschko-Stolz’ Ausgangsposition besser als sie selbst: „Sie macht sich selbst Druck, ist brutal nervös. Umso mehr sie sudert, umso besser ist sie.“ Dass er sie gut kennt, bewies ihre Trainingsleistung. Einen von drei Durchgängen gewann die vierfache Medaillensiegerin bei Großereignissen, und einmal wurde die Weltmeisterin von 2011 gestern Zweite – trotz Husten.