Letztes Update am Mo, 29.04.2019 16:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Doping-Skandal

Dürr bei Prozess gegen ÖSV: „Doping im Team allgegenwärtig“

Am Montag fand am Landesgericht Innsbruck der Prozess des ÖSV gegen Dopingsünder Johannes Dürr statt. Dieser blieb bei seinen Behauptungen, dass der ÖSV Doping stillschweigend geduld habe.

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Manfred Bader • 29.04.2019 14:19
Doping. Ex-Langläufer Markus Bader hat es nie nach ganz oben geschafft. Zum Teil deswegen, wie er rückblickend sagt, weil ihn der Skiverband nicht ausreichend vor Athleten schützte, die die sportliche Ethik mit Füßen traten. VON MANFRED BEHR Wien. Die Sau wurde durch das Dorf getrieben. Unter viel Geschrei. Doch jetzt ist Ruhe eingekehrt. Talkshows finden wieder ohne reuige Dopingsünder das Auslangen. Und an den Stammtischen wird längst wieder über Migrationsfragen gefachsimpelt statt über Blutzentrifugen und Retikulozytenwerte. Für Österreichs Langlaufszene ist das Thema ein Monat nach dem Image-Aderlass von Seefeld noch nicht ausgestanden. Nicht für die über- und vorgeführten Athleten, nicht für den Skiverband. Aber auch ein Stück weit für Markus Bader, früher Sprintspezialist, heute Lehramtsstudent für Englisch und Geografie an der Uni Innsbruck. Denn er versteht den rot-weißroten Langlaufmikrokosmos drei Jahre nach dem Karriereende weniger denn je. „Bei manchen Aussagen kann ich mich nur wundern. Da sie die Kultur innerhalb der Langlaufsparte widerspiegeln. Wenn Ex-Sportdirektor Gandler davon spricht, es sei unverständlich, dass für 20. Plätze gedopt werde, muss ich entgegnen: Falsch, Doping an sich ist verwerflich. Als ob es irgendetwas ändern würde, wenn es um Gold ginge! Oder: Immer sagt man mehr oder weniger unverblümt: ,Die anderen dopen ja auch.‘ Selbst wenn es so wäre: Rechtfertigt das Fehlverhalten anderer mein eigenes? Ich vermisse hier das Unrechtsbewusstsein.“ Verharmlosen und ausloten Eine Beobachtung, die Bader schon während der Loipenkarriere gemacht hat. „Ich fand es immer recht deplatziert, wenn ein gesperrter Athlet wie Christian Hoffmann bei einem Trainingskurs auftauchte. Aber auch Turin wurde verharmlost. Nach dem Motto: ein abgekartetes Spiel, bei dem am Ende nichts herauskam. Strafrechtlich mag das stimmen, sportrechtlich sah die Bilanz mit acht Sperren anders aus: zwei Trainer, zwei Biathleten, vier Langläufer.“ Ein anderes Erlebnis lässt den Tiroler bis heute nicht los. „Einmal wurden wir ins Zimmer eines Teamarztes gerufen. Er hatte eine Flüssigkeit vorbereitet und meinte: ,Spritzen darf ich sie euch nicht, aber trinken dürft ihr sie.‘ Wir gingen in unser Zimmer und spülten das Zeug, was immer es war, die Toilette hinunter. Ich frage mich bis heute: Könnte das ein Versuch gewesen sein, um auszuloten, wer Interesse an solchen Methoden zeigt?“ Bader war nicht darunter, der heute 30-Jährige galt immer als Anti-Doping-Hardliner. Wie alle anderen in der Trainingsgruppe des Deutschen Bernd Raupach. Er galt als harter Knochen. Die Konkurrenz scharte sich um Ex-Hoffmann- Intimus Gerald Heigl: unter anderem Johannes Dürr, Harald Wurm, später Max Hauke und Dominik Baldauf. „Man hat viel gehört. Genug jedenfalls, um für sich zu entscheiden, dass einen das nicht interessiert“, erinnert sich Bader, der mitunter aus dem Staunen nicht herauskam. „In der Qualifikation hielt ich Harald Wurm auf Distanz, im Weltcup lief er mir um die Ohren. Da habe ich mich schon gefragt: Ist es möglich, in drei, vier Tagen das Langlaufen zu verlernen?“ Jener Harald Wurm, der 2016 wegen Anwendung einer verbotenen Methode (die auf Blutdoping schließen ließ) für vier Jahre gesperrt wurde. Und gegen den schon 2013 ermittelt worden sein soll, nachdem Biathlon-Ass Simon Eder ein Gespräch mit dem Dürr- Kumpel als Dopingangebot ausgelegt hatte. Die wahren Opfer Als 2011 Trainer Raupach einer internen Intrige zum Opfer fiel, wurde Gerald Heigl zum Cheftrainer bestellt. „Man kann sich meine Begeisterung vorstellen. Wir sprachen uns alibihalber aus, letztlich war ich trotzdem maximal geduldet“, erzählt Bader, den überraschte, dass Heigls Dienste auch abseits des Langlaufs gefragt waren. „Einmal hat er sich gebrüstet, dass er nun einen namhaften Alpinen unterstützt.“ Vermutlich in Form von Trainingsplänen. 2014 sanken Baders Popularitätswerte weiter. „Nach dem Fall Dürr habe ich erklärt: Das ist unsere Chance, endlich aufzuräumen.“ Dass sie einmal mehr kläglich vergeben wurde, zeigte sich in Seefeld. Was Bader nachdenklich stimmt: „Die Bühne, die man den überführten Sportlern gibt. Dass sie sich als arme Opfer inszenieren dürfen. Dass sie zwar sagen, reinen Tisch machen zu wollen, aber auf die Frage, seit wann sie diese Anwendungen durchführen, antworten: ,Es war ein schleichender Prozess.‘“ Die Bühne würde den wahren Opfern zustehen. All jenen, die wegen Dürr, Hauke oder Baldauf nicht zu Großereignissen mitgenommen wurden. „Stattdessen diskutiert man darüber, ob diese Athleten eine zweite Chance verdient hätten. Wer gibt denn mir eine zweite Chance?“ Dass Bader mit seinen Einsichten im Skiverband auch diesmal kaum Sympathiepunkte sammeln dürfte, scheint klar. „Sie werden wahrscheinlich sagen: ,Klar, der ist sauer, weil er wenig gerissen hat.‘ Stört mich nicht. Was mich stört, ist, dass der Verband im Langlauf nicht ausreichend dafür Sorge getragen hat, dass für saubere Sportler Chancengleichheit herrscht. Dass ein Sportdirektor sagen kann, er habe von Doping keine Ahnung. Obwohl das zu seinem Job gehört. Dass man sich schon auf nationaler Ebene zum Teil mit Athleten messen muss, die sich illegale Vorteile verschaffen!

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