Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 10.05.2019


Skispringen

Kulm-Sturzopfer Müller: „Dieses Urteil bringt nur Sieger“

Es ist nicht so, dass Ex-Skispringer Lukas Müller gerne auf den 13. Jänner 2016 zurückblickt. Aber der schwere Sturz am Kulm samt Querschnittlähmung änderte doch die Rahmenbedingungen für heimische Profisportler.

Der Sturz des mittlerweile 25-jährigen Skispringers Lukas Müller wurde als Arbeitsunfall eingestuft - das könnte den Sport tiefgreifend verändern.

© gepaDer Sturz des mittlerweile 25-jährigen Skispringers Lukas Müller wurde als Arbeitsunfall eingestuft - das könnte den Sport tiefgreifend verändern.



Von Florian Madl und Roman Stelzl

Innsbruck — „Ein wenig Genugtuung" schwinge angesichts des Urteils mit, gestand Lukas Müller. Hintergrund: Der Verwaltungsgerichtshof hatte seinen Sturz beim Skifliegen in Bad Mitterndorf (2016) als Arbeitsunfall eingestuft, damals war der Juniorenweltmeister von 2009 als Vorspringer der Veranstaltung angetreten und kämpfte nach einer inkompletten Querschnittlähmung um soziale Absicherung. Der Österreichische Skiverband (ÖSV) habe ihm damals über Zeitungen „volle Unterstützung" zugesagt, darum kämpfte der Kärntner zuletzt allerdings allein mit seinen Anwälten. „Es gibt auch Negativhilfe", befand der 27-Jährige kürzlich in einem Facebook-Talk mit Moderator Florian Rudig.

Ärger schwang trotz der für Lukas Müller erhofften Entscheidung mit: Der ÖSV habe die sechsstellige Summe veröffentlicht, die er aus einer Privatversicherung des Verbands bezog. Und Geld floss auch aus einer Athletenversicherung des Weltskiverbands, die einst der Vorarlberger Ex-Rennläufer Kilian Albrecht eingefädelt hatte. Was Müller aufstößt: Man wolle ihn hinstellen als einen, „der eh reich geworden ist mit dem Querschnitt". Dabei wäre das eine Einmal-Zahlungen gewesen, die ihm angesichts fälliger Maßnahmen wie Wohnungsumbau nicht das Auskommen gesichert hätten. „Da ist Neid geschürt worden."

Schmutzwäsche wolle er allerdings keine waschen: „Ich habe die Möglichkeit, etwas ändern zu können, damit helfe ich potenziell Tausenden anderen. Dieses Urteil bringt nur Sieger." In einer Aussendung wies ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel auf die Nachhaltigkeit des Urteils hin: „Das betrifft nicht nur den ÖSV, sondern könnte Auswirkungen auch für andere Sportverbände und -veranstalter haben." Harte Worte fand Gewerkschafter Gernot Baumgartner: „Die Sportler werden nicht mehr länger als moderne Gladiatoren behandelt und ihrem Schicksal überlassen, während sich die Sportverbände ihrer Verantwortung entledigen und sich in die Zuschauerrolle zurückziehen." Auf Nachfrage stößt man auf durchaus aufgeschlossene Fachverbände: „Ich gehe davon aus, dass diese Entscheidung alle Sportarten betrifft", meint Rodelverbandspräsident Markus Prock. In der heutigen Präsidiumssitzung werde man das Thema erörtern.

Auch Michael Schöpf, Sportmanager im Österreichischen Kletterverband, will die Weichen stellen: „Bei einer Sitzung der Bundessportorganisation am 29. Mai werden wir wohl informiert. Bei uns müssen alle Sportler unfallversichert sein."

Müllers Innsbrucker Anwalt Andreas Ermacora sorgt sich vor allem um junge Sportler: „Es geht hier nur um die Absicherung des Sportlers, das ist eine Existenzfrage. Sportminister Strache muss einen Gipfel einberufen, in dem sollen die Experten darüber diskutieren, wie dieses Problem zu lösen ist." Ein wichtiger Baustein im Entstehungsprozess des Berufssportgesetzes. Ermacora glaubt auch, dass die Frage nicht nur den Status der Sportler behandelt: „Das betrifft auch die Betreuer. Das wird bei den Verbänden richtig ins Geld gehen. Und davon haben die meisten keines."

Müller jedenfalls ist über seinen Präzedenzfall und die Konsequenz daraus erfreut. Sein Credo: „Egal, ob du sitzt oder stehst, du kannst jedem auf Augenhöhe begegnen."

Stimmen zum Urteil:

Lukas Müller (querschnittgelähmter Ex-Skispringer): „Das mit mir hat passieren müssen, dass sich was ändern kann."
Andreas Ermacora (Rechtsbeistand von Lukas Müller): „Es geht hier um die Absicherung des Sportlers. Die Sportpolitik ist gefordert. Sportminister Strache muss einen Gipfel einberufen, in dem sollen die Experten darüber diskutieren, wie dieses Problem zu lösen ist."
Klaus Leistner (ÖSV-Generalsekretär): „Der ÖSV ist nicht Prozessgegner. Aber wir wollen uns das Urteil mit unseren Rechtsberatern noch genau anschauen. Erst danach können wir kommentieren, was es für Auswirkungen haben könnte."
Markus Prock (Rodelverbandspräsident): „Ich gehe davon aus, dass diese Entscheidung alle Sportarten betrifft. Wir besprechen das Thema in einer Präsidiumssitzung."
Michael Schöpf (Sportmanager Österreichischer Kletterverband): „Bei uns müssen alle Sportler versichert sein — entweder über den Kletterverband oder sonst."