Letztes Update am Fr, 14.06.2019 11:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ski Alpin

Brunner und der Preis des Erfolges: „Verletzungen nehme ich in Kauf“

Stephanie Brunner kämpft sich nach ihrem zweiten Kreuzbandriss innerhalb eines Jahres zurück. Zweimal gelang der Tuxerin bereits eine erfolgreiche Rückkehr – Erfahrungen, die sie für den dritten Anlauf stärken.

Von Tux aus in die große Welt.

© HochschwarzerVon Tux aus in die große Welt.



Von Sabine Hochschwarzer

Tux – Die Narben schimmern noch rosa. Einige sind finger­nagelgroß, andere einige Zenti­meter lang. „Im Winter sieht man sie ohnehin nicht“, sagt Stephanie Brunner. Gelassen blickt sie auf ihr linkes Knie unterhalb der kurzen Jeanshosen. Die Zeugnisse der jüngsten Knieverletzung verblassen langsam, das Datum bleibt dennoch in Erinnerung, wenn auch in unliebsamer.

Am 11. Jänner passierte es, beim Skitraining in Pozza di Fassa. Von „schwierigen Bedingungen damals“ spricht sie heute. Am Tag danach folgte die Kreuzband- und Meniskus-Operation. Die zweite innerhalb nur eines Jahres. Am selben Knie. Brunner hatte sich eben erst von der Verletzung im März 2018 zurückgekämpft, war wieder Österreichs beste Riesentorläuferin geworden. Um jetzt erneut von vorne zu beginnen. Zumindest Narben gab es kaum neue, geschnitten wurde an den alten.

Keine Tiefpunkte bei der Reha

Krücken lehnen an der Wand. Es sind nicht ihre. Nicht mehr – fünf Monate sind vergangen. „Offiziell war ich sieben Tage damit unterwegs“, gesteht Brunner grinsend. Längst gehe es ihr wieder gut. „Sehr, sehr gut“ sogar, bestätigt sie: „Normalerweise gibt es immer wieder Tiefpunkte in der Reha. Bei mir nicht.“ Alles könne sie bereits problemlos wieder machen, laufen und sprinten etwa. Freudig kehrte sie auch schon ins Innsbrucker Olympiazentrum zurück, unter anderem für Intervall- und Zirkeltraining mit vier, fünf männlichen ÖSV-Kollegen wie etwa Stefan Brennsteiner: „Einzeltraining wird nach fünf Monaten ein bisschen langweilig. Mit den Burschen gemeinsam geht dann schon was weiter.“ Die Rückkehr in den Schnee steht noch aus. Der Termin bleibt offen. An Mitte Juli denkt sie laut, „wahrscheinlich hier“. In Tux, auf dem Gletscher, im Skigebiet, für das sie nun für zwei weitere Jahre auf ihrem Helm wirbt, nur wenige Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt.

Dort hatte die heute 25-Jährige auch im September vor einem Jahr erstmals wieder die Ski angeschnallt. Einen Monat später carvte sie in Sölden auf Rang fünf, schaffte es in den ersten vier Rennen unter die Top sechs und stand als Dritte von Killington erstmals überhaupt auf dem Weltcup-Podest. Eine eindrucksvolle Rückkehr, so schnell so weit nach vorne, wie es nur wenige schaffen. So wie auch 2012, als sie nach einem Schien- und Wadenbeinbruch und noch einem Nagel im Bein Junioren-Weltmeisterin im Slalom wurde. „Es lief viel besser als das letzte Mal“, erinnert sie sich. „Vor genau einem Jahr hatt­e ich wohl auch erst meine erste Krafteinheit hinter mir.“ Zwei Monate Vorsprung hat Brunner im Vergleich zu 2018 – und mehr Erfahrung: „Ich denke, mich hat jede Verletzung stärker gemacht.“

Stephanie Brunner schuftet für die Rückkehr auf die Weltcup-Pisten.
Stephanie Brunner schuftet für die Rückkehr auf die Weltcup-Pisten.
- gepa

Warum die Olympia-Zweit­e von 2018 (Team) erneut ein Kreuzbandriss in die Knie zwang, lässt sich kaum ausmachen, obwohl sie nicht das einzige Opfer war. ÖSV-Kollegin Anna Veith etwa hatt­e sich einen Tag nach ihr am selben Ort verletzt und war in Hochrum im Nachbarzimmer gelegen. Von Diskussionen über das Material hält die Zillertalerin wenig. Bei einer Regeländerung wäre schon nach kurzer Zeit die Abstimmung wieder aggressiv, Verletzungen dann nur vielleicht andere. Es bleibe eine Gratwanderung, sagt sie: „Ich bin Rennfahrerin. Man verwendet nicht das langsamere Materia­l, das sicherer sein könnt­e, sondern das schnellste. Ich will Rennen gewinnen und nehme Verletzungen in Kauf. So sehe ich das.“

Nur zwei Monate Vorbereitung

Kritik übt Brunner mehr daran, dass die Zeit für das Aufbautraining zu kurz sei. Es blieben maximal zwei Monate für die Vorbereitung auf den Winter: „Das ist eigentlich nix. Da wundert es mich oft nicht, dass es viele Verletzte gibt. Dann kommt eben noch das Material dazu, die Reisen, Skifahren am Vormittag, am Nachmittag Kondi-Training, damit du das noch irgendwie aufrechterhalten kannst. Es ist schon ein Wahnsinn, wie wenig Zeit für Konditions­training bleibt.“

Brunner spricht selbstbewusst, von Siegen derzeit aber nicht. Noch nicht. Zuerst müsse der weitere Plan abgestimmt werden, etwa auch, ob sie mit dem ÖSV-Team im Sommer nach Ushuaia (ARG) fliegt. Mit dem neuen Damen-Cheftrainer Christia­n Mitter führte sie schon ein Gespräch: „Wir haben uns zusammengesetzt und gut geredet. Ich glaube, es schadet uns Damen nicht, dass wieder ein frischer Wind reinkommt, und auch ein Jüngerer, der uns vielleicht ein bissche­n besser versteht.“

Ziele für die kommende Saison, die am 26. Oktober in Sölden beginnt, gibt es noch keine. Ihr Bestes wolle sie geben, wiederholt Brunner gern­e. Kämpfen wie ein Löwe, den sie als Tattoo auf ihrem linken Oberarm trägt. Eine weitere Tätowierung soll bald folgen. Auch diese Planung läuft noch.