Letztes Update am Mo, 02.09.2019 14:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ski Alpin

Das Erbe des Marcel Hirscher: Von Kronprinzen und Zukunftsplänen

Vom Ski-Star zum Familienvater und zur Racing-Schule: Ein Blick in die Kristallkugel zeigt, dass Marcel Hirscher als Pensionist nicht langweilig würde. Doch was bringt die Zukunft?

Acht Gesamtweltcupsiege, zwei Olympia-Triumphe und sieben Weltmeistertitel pflastern den (bisherigen) Weg des 30-jährigen Salzburger Ski-Stars.

© gepaAcht Gesamtweltcupsiege, zwei Olympia-Triumphe und sieben Weltmeistertitel pflastern den (bisherigen) Weg des 30-jährigen Salzburger Ski-Stars.



Von Roman Stelzl und Florian Madl

Innsbruck – Der Maulkorb, den sich das Marcel-Hirscher-Team selbst umgeschnallt hat, wackelt. Aber er fällt nicht. „Wir haben im ganzen Team die klare Direktive ausgegeben, dass vor Mittwoch nichts gesagt wird. So lange ist alles nur Spekulation“, erklärt Stefan Illek, Presse-Chef des österreichischen Ski-Stars. Es herrscht also Funkstille. Und im Hintergrund wird gemutmaßt, ob der 30-jährige Salzburger die Rennski wahrlich in die Ecke stellt oder – vielleicht sogar aus Trotz – auf Gesamtweltcupsieg neun losgeht.

Natürlich, so ehrlich muss man sein, deutet alles auf Abschied hin. Und weil das so ist, blickt die TT auf eine in Wahrheit kaum vorstellbare Ski-Welt ohne Hirscher und die Zukunft voraus. Freilich im Konjunktiv.

Furcht und Zittern: Keiner mag sich im heimischen Skiverband (ÖSV) so recht vorstellen, wie es ohne einen Mann wäre, der seit 2012 immer den Gesamtweltcup gewonnen hat. „Es wird ohne ihn keinen Superstar mehr geben. International wie national. Marcel hat über Jahre hinweg alles beherrscht. Das Loch, das er hinterlassen würde, wäre einfach riesig“, erklärt Andreas Puelacher, der sportliche Leiter der ÖSV-Herren. Doch angesichts der schwelenden Angst um eine Nebenrolle der Österreicher im Kampf um den Gesamtweltcup ergänzt der Tiroler: „Ich lasse mir mein Team nicht schlechtreden! Wir haben keinen Favoriten mehr im Gesamtweltcup, aber die Jungs sind alle sehr stark. Aber es wird mit Sicherheit nicht mehr so viele Siege geben.“

König aus der zweiten Reihe: Mit Hirscher würde Österreich seine Galionsfigur verlieren – und seinen Anführer. Ein Schiff ohne Kapitän droht unweigerlich zu sinken. Und daher stellt sich die Frage: Wer geht ans Ruder? „Jetzt muss sich ein anderer zum Leader entwickeln. Feller, Matt, Schwarz, Kriechmayr, Franz – es gibt genug Fahrer, die das draufhaben“, breitet Puelacher die schützende Hand über sein Team aus. Heißester Kandidat ist der Kärntner Marco Schwarz, ein Allrounder mit wachsender Stärke – aber geringem Glamour-Faktor. Zudem war er verletzt. Das große Problem an der Sache: die Konstanz. Keiner war so erfolgreich und stürzte zugleich so selten wie der 67-fache Weltcupsieger und Doppel-Olympiasieger. Puelacher: „Das ist der Knackpunkt an der Sache: Die Läufer müssen ihre Leistung konstant runterbringen.“ Noch fehlt ein Anführer. Und es bietet sich so schnell keiner an.

Mattscheibe: Was Hirscher hatte und jetzt nur noch wenige mitbringen: den Star-Faktor. Den schufen nicht nur seine Seriensiege, sondern auch sein Hintergrund mit der Jugend auf der Alm, dem unerreichten Talent und dem akribisch arbeitenden Papa Ferdl. Dieser Star-Faktor schuf auch seine Persönlichkeit – ein Mann, der sich kein Blatt vor den Mund nahm.

Ein Perfektionist und Ehrgeizling, wie es hierzulande vor ihm nur ein Hermann Maier war. Ohne ihn verliert der Alpinsport viel an Strahlkraft, auch wenn es nicht an Fan-Lieblingen (Stichwort Feller) mangelt. Dennoch bleibt Österreich eine Ski-Nation. Und auch der ORF macht sich nach dem Verlust vieler Fußball-Übertragungsrechte keine Sorgen um das „Winter-Paket“. „Jetzt wird sich alles auf mehreren Schultern verteilen. Das wird sicher gelingen“, erklärt ORF-Sportchef Hans Trost, der sich für die Pressekonferenz Hirschers am Mittwoch „starke Quoten und viel Interesse“ erwartet. Dass CNN und die New York Times erscheinen, stimmt laut Hirscher-Pressechef Illek übrigens nicht: „Die wollen nur davon berichten, da wird sehr viel aufgebauscht.“

Hirscher 2.0: Doch wenn denn nun wirklich Schluss sein würde, was macht Hirscher dann? Kann er wirklich abschalten? Nachdem der Tüftler Jahre über Jahre mit Papa und eigenem ÖSV-Trainer-Team die Perfektion jagte? Es wird viel spekuliert, wie es weitergeht. Dem Vernehmen nach ist Hirscher drauf und dran, mit seinem Sponsor Red Bull eine „Racing-Schule“ zu eröffnen. In erster Linie ist Hirscher aber Familienvater (ein Sohn/ein Jahr) und Ehemann (Laura).

Motorenliebe: Abschalten wird Hirscher nicht. Er schaltet lieber einen Gang höher, so wie es der Motocross- und Auto-Fan zuletzt beim MotoGP-Test tat. Sein wohl bester Freund ist Matthias Walkner, der Sieger der Rallye Dakar. Und das wäre doch ein Ziel. Ein ganz großes sogar. Und damit wäre es ganz nach Hirschers Geschmack.