Letztes Update am Fr, 06.09.2019 09:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hirscher-Abschied

Raus aus der Scheinwelt Spitzensport: Wie gelingt Hirscher der Absprung?

Zu den schwierigsten Fragen in der Karriere eines Sportlers gehört die nach dem Ende. Der Rücktritt teilt das Leben in ein Davor und Danach. Vor allem Seriensieger wissen damit manchmal nicht gut umzugehen.

Der Rücktritt war wohlüberlegt: Marcel Hirscher hängt die Skier nach acht Gesamtweltcup-Siegen in Serie an den Nagel.

© AFPDer Rücktritt war wohlüberlegt: Marcel Hirscher hängt die Skier nach acht Gesamtweltcup-Siegen in Serie an den Nagel.



Innsbruck – Marcel Hirscher war acht Jahre lang der beste Skifahrer der Welt. Bis sein erstes Kind zur Welt kam, drehte sich sein ganzes Leben - tagein, tagaus - nur um den Sport. „Ich habe mein ganzes Leben lang einen Weg verfolgt“, sagte Hirscher am Mittwoch, am Tag seines offiziellen Karriereendes. Die Entscheidungsfindung sei eine emotionale Achterbahnfahrt gewesen, wie er sie noch nie erlebt habe. „Das von heute auf morgen zu entscheiden war für mich unmöglich.“

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Geht es nach dem Psychologen und Mentalcoach Thomas Wörz, so hat Hirschers gründliches Abwägen der Entscheidung - dem „Hin und Her, Hin und Her“, wie Hirscher es nannte - wohl nicht geschadet. „Es ist wichtig, dass man den Zeitpunkt so wählt, dass man sich schon ein bisschen vorbereitet hat auf diesen Übergang. Weil Übergänge generell im Leben immer unheimlich fordernd und mit Stress belastet sind“, sagte Wörz.

Erfolg geht zulasten der Selbstwahrnehmung

Wie viele Sportler vor ihm, steht Österreichs fünffacher Sportler des Jahres nun mental vor keinem leichten Neubeginn. Athleten im Spitzensport werden vorwiegend über Erfolg definiert, das geht zulasten der Selbstwahrnehmung. „Ich definiere mich dann irgendwann selbst über Erfolg“, sagte Wörz. „Je erfolgreicher ich bin, desto wertvoller bin ich. Das ist ein Kreislauf, der immer mehr Wertschätzung verlangt und zusätzlich irrsinnig stressig ist.“

Nicht wenige, die in ihrem Metier zuvor den Level vorgegeben haben, konnten mit dem plötzlich veränderten Standing nicht umgehen. Es braucht ein soziales Umfeld, das Halt gibt. „Viele der sogenannten Freunde werden verschwinden. Es wird neue geben, aber man muss rational denken, die Welt des Spitzensports ist nicht eins zu eins übertragbar.“

Gerade besondere Eigenschaften, wie Ausnahmekönner sie haben, könnten den stressigen Übergang ins „reale“ Leben erleichtern. Hirscher hat dafür aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur recht gute Karten. „Er war ein innovativer Denker, der immer wieder in neue Sphären hineingegangen ist. Er hat neue Dinge ausprobiert und diese super in das bestehende System integriert“, meinte Wörz.

Dass Hirscher in Extremsituation geradezu aufging, komme positiv hinzu. „Er hat den Druck genossen“, so Wörz. „Von den Fähigkeiten her und mit den richtigen Begleitern kann ich mir vorstellen, dass er sehr schnell wieder in einem Topbereich drinnen sein kann. Wenn er das überhaupt mag.“

Befreiung für den „Hero der Nation“

Ein Perspektivenwechsel, hin zu etwas, das nichts mit Spitzenleistungen zu tun hat, sei essenziell. „Sich zu entfalten, neue, vielleicht abenteuerreiche Erlebnisse zu sammeln, ist wichtig, um eine gute innere Balance herzustellen.“ Hirscher ist sich dem offenbar bewusst. „Es gibt wahnsinnig viel zu entdecken für mich da draußen“, sagte er am Mittwoch und erzählte von „sehr spannenden Projekten“, die auf ihn warten würden.

Dass er bei seinem Abgang vor allem gelöst wirkte, kommt für den Experten nicht überraschend. „Wenn jemand aufhört, der so viel geleistet hat und so viel auf den Schultern getragen hat und wirklich der Hero der Nation war, dann ist es in der ersten Phase sicher irrsinnig befreiend, diese Rucksäcke weg zu legen.“

Das sei aber nur Phase eins. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ruhm, Erfolg und der erlernte regelmäßige Ablauf fehlen irgendwann. Der Spitzensport ist eine Bühne. Ganz ohne Scheinwerferlicht geht es meistens nicht.“ (APA)