Letztes Update am Sa, 14.09.2019 13:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ski Alpin

Tiroler Ski-Ass Feller: Durch die Hölle in lichte Höhen

Manuel Feller ist eine der ÖSV-Hoffnungen, die in den kommenden Jahren um den Gesamtweltcup mitrittern sollen. Die TT besuchte den Fieberbrunner bei seinem Vertrauens-Physiotherapeuten in Salzburg.

Das Fitness-Programm von Gernot Schweizer stellte das Leben von Manuel Feller auf den Kopf.

© Michael KristenDas Fitness-Programm von Gernot Schweizer stellte das Leben von Manuel Feller auf den Kopf.



Von Max Ischia

Salzburg – Manuel Feller greift sich zwei Langhanteln und springt einbeinig eine Treppe aus Baumstämmen hoch. Anschließend durchpflügt er mit beidbeinigen Diagonalsprüngen und weit aufgerissenen Augen eine Sandgrube. Auf dem benachbarten überdimensionalen Trampolin mimt er den Kasperl, schlägt Salti, formt seine beiden Mittel- und Zeigefinger zu Victory-Zeichen und schneidet Grimassen. „Noch ein Motiv gefällig?“, fragt Tirols Ski-Aushängeschild in Richtung des TT-Fotografen und erntet ein begeistertes Nicken. Schon schnappt sich der Fieberbrunner zwei unterschiedlich große Medizinbälle und beginnt damit zu jonglieren. Keine Frage: Feller ist im Freiluftparcours des Salzburger Therapie- und Trainingszentrums „Schweizer“ in seinem Element. Und ganz entscheidend: Feller ist nicht nur gut gelaunt – er ist schmerzfrei.

Medizinbälle jonglieren? Kein Problem.
Medizinbälle jonglieren? Kein Problem.
- Michael Kristen

Rückblende: Nicht ganz fünf Jahre ist es her, da hatte sich für den damals 21-Jährigen schon das Pflücken eines Gänseblümchen zur Mammutaufgabe ausgewachsen. Der aufstrebende Mann, dessen Stern 2013 bei der Junioren-WM in Quebec (CAN) mit Slalom-Gold aufgegangen war, glich körperlich einem Wrack: chronische Schmerzen im Rücken, Lähmungserscheinungen im Muskelapparat und sämtliche Wege zu Ärzten und Physiotherapeuten hatten sich in einer Sackgasse verlaufen.

Auf Vermittlung eines gewissen Marcel Hirscher wird Feller im November 2014 bei dessen Vertrauens-Fitnesscoach und -Physiotherapeut Gernot Schweizer vorstellig. Die sich anbahnende Zusammenarbeit wird Wochen später durch den bereits befürchteten Bandscheibenvorfall gebremst. Mehr aber nicht. Im Jänner 2015 begeben sich die beiden, also Feller und Schweizer, auf eine Reise, die bis heute andauert. „Gib mir sechs Wochen und ich kann dir sagen, ob es Sinn macht oder nicht“, hatte Hirscher-Intimus Schweizer damals in Richtung seines Patienten gemeint und schon nach Woche eins stand das Projekt auf der Kippe.

„Einiges gewohnt, aber das war mir zu krass“

„Ich war einiges gewohnt, aber das war mir zu krass“, erinnert sich Feller und fasst seinen Gesamteindruck in einem Wort zusammen: „Hölle.“ Die reinste Hölle. Einzig sein seit jeher ausgeprägtes Ego und die triste Gewissheit, dass es schlimmer nicht mehr werden könnte, hätten ihn davon abgehalten, alles hinzuschmeißen: „Die Schmerzen waren unerträglich. Ich konnte kaum schlafen, nie mehr als drei Stunden. Nicht selten habe ich mir mitten in der Nacht einen Stuhl ins Bett gestellt, damit ich meine Haxn hochlagern konnte. So habe ich mir irgendwie die Stunden zusammengeklaubt. Und am nächsten Morgen hieß es wieder Training.“

Diese sich täglich wiederholende Tortur schlug gleichermaßen auf Psyche wie Substanz. „Ich habe im ersten Monat fünf oder sechs Kilo abgenommen.“ Doch die Tage sollten kommen, als der Schmerzpegel nach unten sank und es „von Woche zu Woche“ besser wurde, bis er, ja, im Herbst zum ersten Mal schmerzfrei war. Ein kaum zu beschreibendes Gefühl. Und ein Zustand, den es bis heute täglich aufs Neue zu erhalten gelte. „Seither schufte ich im Sommer, dass ich den Winter überstehe.“

Ein Winter, der traditionell Ende Oktober in Sölden beginnt. Ein Winter ohne Marcel Hirscher. „Marcel kann keiner ersetzen, die Fußstapfen sind einfach viel zu groß. Den Dominator, der er war, wird es nicht mehr geben. Aber Österreich wird keinen Grund zum Weinen haben“, hatte der Pillerseetaler noch am Montag beim Hangar-Talk prophezeit.

Seit nunmehr fünf Jahren schuftet Manuel Feller vornehmlich in Salzburg für seine Fitness.
Seit nunmehr fünf Jahren schuftet Manuel Feller vornehmlich in Salzburg für seine Fitness.
- Michael Kristen

Der Stachel, dass der Slalom-Vizeweltmeister von St. Moritz seinem ersten Weltcupsieg noch immer hinterhercarvt, sitze nicht tief. „Vielmehr weiß ich, dass es noch so viel gibt, was mich hungrig macht. Im Vergleich zu den Größen unseres Sports habe ich noch gar nichts erreicht.“ Und dass der passionierte Fischer nebst Siegen auch die Angel nach Kristallkugeln auswirft, ist kein Geheimnis.

Dass der Blondschopf nicht selten als bunter Hund tituliert wird, nimmt er ungerührt zur Kenntnis. „Was Außenstehende von mir denken, ist mir grundsätzlich wurscht. Und was in den sozialen Netzwerken drinsteht, erst recht.“ Feller unterstreicht seine Worte mit einem müden Lächeln, um dann mit stechendem Blick anzumerken: „Aber alles hat seine Grenzen.“ Und bezüglich seines Profisportler-Daseins: „Wenn du nicht weißt, wo du hinwillst, hast du schon verloren. Und wer glaubt, dass irgendeiner irgendetwas geschenkt bekommt, der ist ein Träumer.“

Ein Job, der bis heute vieles fordert

Aus Feller spricht einer, der mit zehn Jahren dem Elternhaus den Rücken gekehrt hat, um im Ski-Internat seinem großen Traum Rennläufer nachzujagen. „Streng genommen bin ich seither berufstätig.“ Ein Job, der bis heute vieles fordert und für ihn noch mehr bedeutet.

Ende Oktober, Anfang November, also pünktlich zum Start des neuen Winters, erwartet seine Freundin das erste gemeinsame Kind. „Wir sind auf dem Weg zu unserem größten Erfolg“, wie der werdende Papa Ende Juni auf Instagram postete. Weitere – also Erfolge – sollen folgen. Wenn, ja wenn Feller schmerzfrei bleibt.