Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.09.2019


Ski Alpin

Schwarz auf dem Weg zurück: „Nervosität? Kenn‘ ich nicht wirklich“

Spätestens seit dem Rücktritt von Marcel Hirscher wird Marco Schwarz als nächster ÖSV-Superstar gehandelt. Der hochveranlagte Kärntner (24) über Druck, Erwartungshaltungen und den Gesamtweltcup.

Marco Schwarz ging es am Pitztaler Gletscher noch behutsam an.

© gepaMarco Schwarz ging es am Pitztaler Gletscher noch behutsam an.



Von Max Ischia

St. Leonhard – Unten ist es grau in grau. Der Frühnebel döst im hinteren Pitztal noch schlaftrunken vor sich hin. Oben, auf stattlichen 3440 Metern, trübt kaum eine Wolke das Morgenerwachen. Ein Paradies für Skifahrer und Weitblicker. Erst recht für jenes privilegierte ÖSV-Läuferquartett, welches gemeinsam mit Trainern und Serviceleuten den Pitztaler Gletscher exklusiv für sich hat. Während sich der Publikumslauf noch bis Samstag gedulden muss, ziehen Manuel Feller, Michael Matt, Christoph Hirschbühl und Marco Schwarz erste Spuren in den aufwändig präparierten Trainingshang. Schwarz lässt es knapp sieben Monate nach seinem in Bansko (BUL) erlittenen Kreuzbandriss noch einigermaßen ruhig angehen. Lockeres Schulefahren, ehe es dann für den 24-jährigen Kärntner im unteren Flachteil erstmals in diesem Vorbereitungssommer durch Richtungstore geht. Zehn, 15 Schwünge, nicht mehr. Er wolle „nichts überstürzen“, wie er später im Mannschaftshotel „Vier Jahreszeiten“ in St. Leonhard erzählt. „Man muss es nüchtern betrachten, sich step by step zurückarbeiten.

Marco Schwarz.
Marco Schwarz.
- gepa

Der dreifache WM-Medaillengewinner von Aare trägt Vollbart, kurze Hose, beige Lederschlapfen und fährt sich mit der rechten Hand übers operierte linke Knie. „Alles gut, keine Schwellungen“, nickt der Blondschopf, der nach seinem weltmeisterlichen Höhenflug in der Kombi-Abfahrt von Bansko unvermittelt auf den Boden zurückgeholt wurde. Schmerzhafte Vergangenheit.

Der Edeltechniker hat seinen Blick längst wieder nach vorne gerichtet und wird allerspätestens seit dem Rücktritt von Superstar Marcel Hirscher als möglicher Nachfolger des Salzburger Wunderwuzzis gehandelt. Eine Riesenbürde, die der im Nachwuchsbereich hochdekorierte Allrounder (u. a. dreimal Gold bei den Olympic Youth Games in Innsbruck 2012, Junioren-WM-Gold 2014, Anm.) stoisch anzunehmen scheint. „Es ehrt mich natürlich, mit Marcel verglichen zu werden, aber da gibt es schon große Unterschiede.“

Manuel Feller drückte schon ordentlich auf das Tempo.
Manuel Feller drückte schon ordentlich auf das Tempo.
- gepa steiner

Ob er sich nach acht Hirscher-Gesamtweltcupsiegen in der Pflicht sehe, verneint er achselzuckend: „Es ist heuer eine Comebacksaison. Ich sage jetzt nicht, dass ich auf den Gesamtweltcup losgehe.“ Längerfristig sei die große Weltcup-Kristallkugel freilich auch ein großes Ziel.

Im Slalom schon länger eine Bank, schloss das Kraftpaket vergangenen Winter auch im Riesentorlauf zur Weltklasse auf, arbeitete sich von Startnummer 74 bis in die Top 20 der Weltrangliste vor – Tendenz steigend. Das Einzige, was fehlt, ist eine Erklärung für diese Leistungsexplosion. „Ich weiß auch nicht. Ich habe in der letztjährigen Vorbereitung eigentlich alles auf den Slalom gesetzt, hatte im Herbst überhaupt nur einen Riesentorlauf-Trainingstag.“ Aber irgendwie habe es gleich auf Anhieb funktioniert. „Sicher auch ein Riesenverdienst von Kim.“ Kim Erlandsson steht dem Atomic-Fahrer exklusiv zur Verfügung und gemeinsam hat man wohl den richtigen Dreh gefunden.

Dass Schwarz am Start stets Eiswürfel spuckt, will er erst gar nicht verneinen. „Nervosität? Kenn’ ich nicht wirklich“, sagt er. „Das wurde mir wohl in die Wiege gelegt“, sagt er weiter. Wie auch sein herausragendes Talent.

Michael Matt greift nun auch im RTL an.
Michael Matt greift nun auch im RTL an.
- gepa steiner