Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.10.2019


Wintersport

Maßnahmen gesetzt, Frauen gefördert

Durch das Bekanntwerden von sexuellen Übergriffen und Mobbing in der Vergangenheit des Skisports wurden Veränderungen eingeleitet. Auch im Schigymnasium Stams. Welche, davon berichten Lehrer und Schüler.

Schülerinnen und Lehrbeauftragte aus dem Schigymnasium diskutierten über die Auswirkungen der Skandale im Wintersport: Lara Wagner, Emma Lantos, Thomas Reiter, Harald Haim, Günter Obkircher, Frederic Kohl und Sigi Vettori (v. l.).

© Thomas Boehm / TTSchülerinnen und Lehrbeauftragte aus dem Schigymnasium diskutierten über die Auswirkungen der Skandale im Wintersport: Lara Wagner, Emma Lantos, Thomas Reiter, Harald Haim, Günter Obkircher, Frederic Kohl und Sigi Vettori (v. l.).



Von Susann Frank

Stams – Das Thema mobilisiert weiterhin. Auch zwei Jahre nachdem Nicola Werdenigg mit ihren Missbrauchsvorwürfen bezüglich sexueller und gewalttätiger Übergriffe im Skisport eine Lawine in Österreich losgetreten hat. So sitzen sieben Personen am großen Tisch im Schigymnasium Stams, um über die damalige Problematik und die Folgen daraus zu diskutieren. Zwei Schülerinnen, zwei Internatsleiter, zwei Trainer und ein sportlicher Leiter haben in der Bibliothek der Eliteschule Platz genommen.

Als Erstes erhebt Harald Haim die Stimme in der Runde. Dem sportlichen Leiter nordisch ist die Differenzierung des Themas ein großes Anliegen. „Werdenigg hat von Vergewaltigungen gesprochen. Dann wurden die Missbrauchsvorfälle an der Skihauptschule Neustift bekannt – damit hatten wir nichts zu tun.“

Das Internat Stams kam schließlich durch das Bekanntwerden des Pasterns (Flüssigkeit mit einer Tube in den Hintern einführen) unter den Schülern in den 80ern und 90ern in die Schlagzeilen. „Wir wollen nicht sagen, dass nichts passiert ist. Aber schlimm war für uns, dass alles in einen Topf geschmissen wurde. Und keine Berichte erschienen sind, dass bei den Ermittlungen von Landesschulrat und Staatsanwaltschaft keine strafrechtlich relevanten Delikte gefunden wurden.“

Reiter nimmt ein Wachstum der Frauen im Kollegium wahr, Haim eine Sensibilisierung bei Präventivmaßnahmen im Training und Unterricht.
Reiter nimmt ein Wachstum der Frauen im Kollegium wahr, Haim eine Sensibilisierung bei Präventivmaßnahmen im Training und Unterricht.
- Thomas Boehm / TT

Frederic Kohl, Gesamt-Internatsleiter (Jungen und Mädchen), mit 41 Jahren der Jüngste im Kreise der Angestellten, hält fest, in seiner elfjährigen Berufszeit nie ein solches Vergehen erlebt zu haben: „Das war damals eine andere Welt.“ Doch stimmt er seinen Kollegen zu, dass es wichtig war, die Vorkommnisse von damals aufzuarbeiten: für die Betroffenen und auch für die Zukunft. Allgemeines Mobbing versucht man durch Spielabende zu verhindern. „Zum Beispiel mit Wasserball“, sagt Kohl: „Es findet außerhalb der Sportstunden geschlechterübergreifend mit Schülern aller Altersklassen statt. Damit versuchen wir, die Hierarchien wegzubekommen.“ Man ist sich einig: Die Skandale haben sensibilisiert.

Kohl: „Wir sind schon lange den Weg gegangen, auf Verhaltensweisen Acht zu geben, etwa mit dem Sechs-Augen-Prinzip.“ Sprich: Kein Lehrer hält Besprechungen, wie Videoanalysen, allein mit einem Schüler ab. „Seither macht man es jedoch noch bewusster.“ Bei Unterrichtsstunden mit nur einem Schüler werden die Türen offen gelassen, berichtet Sigi Vettori, die Internatsleiterin der Mädchen.

Thomas Reiter, Spartenleiter des alpinen Nachwuchses, merkt an, dass explizit mehr Damen im Kollegium integriert werden. Unter anderem, weil diese auch andere Themen ansprechen würden. In Stams sind mittlerweile fünf Frauen und vier Männer als Klassenvorstände angestellt. Die Skifahrerinnen werden von zwei Trainerinnen betreut. „Wir haben bewusst mit Frauen nachbesetzt“, erklärt Günter Obkircher, Spartenleiter der weiblichen Hoffnungsträger. „Sie sind fachlich sehr gut und können sich in die Mädchen gut reinversetzen.”

Nicht nur die Internatsleiter Kohl und Vettori sprechen in Zeiten von Social Media von neuen Problematiken bei Mädchen und Jungen.
Nicht nur die Internatsleiter Kohl und Vettori sprechen in Zeiten von Social Media von neuen Problematiken bei Mädchen und Jungen.
- Thomas Boehm / TT

Auch das Sportministerium hat im Zuge der #MeToo-Debatte eine Neuerung an Schulen eingeleitet. „Es gibt jetzt eine geschlechtersensibilisierende Ausbildung“, berichtet Haim, sowohl für die Schüler als auch für die Trainer.

Auch beim früher selbstverständlichen Berühren der Schüler, zur Übungs-Absicherung oder Bewegungskorrektur, hat sich etwas getan. „Die Trainer fragen jetzt, ob sie uns angreifen dürfen“, erklärt Lara Wagner. Die 17-jährige Nachwuchs-Biathletin wird von einem Mann betreut und trainiert in einer gemischten Gruppe. Die Kitzbühelerin betont, nie auch nur irgendwelche Probleme gehabt zu haben, ebenso wenig wie Mitschülerin Emma Lantos. Als damals die Diskussion aufgekommen sei, hätten sie in ihrer Trainingsgruppe darüber gesprochen und damit wäre das Thema erledigt gewesen.

Die Snowboarderin empfand die Debatte zeitweise zu aufgebauscht. „Weil der Eindruck entstand, dass überall sexuelle Übergriffe passiert sind“, erklärt die 18-Jährige. Die Aufarbeitung der Thematik empfindet die Kematerin allerdings als positiv. „Es wurde dadurch bewusst gemacht, dass nichts verschwiegen werden muss. Und dass man sich nicht schämen muss, etwas zu sagen, wenn etwas passiert“, sagte Lantos.

Ihre Internatsleiterin Vettori merkt an, dass die Schülerinnen und Schüler diesbezüglich heutzutage viel aufgeklärter und selbstbewusster seien. Die Probleme hätten sich verlagert. Bevor Vettori weiterspricht, blicken und zeigen die Anwesenden auf die herumliegenden Smartphones. Sie haben mit Cyber-Mobbing zu kämpfen. Eine Entwicklung, der derzeit viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, um es gezielt einzudämmen. Oder, wenn möglich, ganz zu verhindern.

Daten, Fakten

Daten: Ex-Skifahrerin Nicola Werdenigg berichtete nach der Outing-Initiative #MeToo im November 2017 von sexualisierter Gewalt im Bereich des österreichischen Skisportbetriebs während ihrer aktiven Zeit (70er, 80er). Anfang Dezember wurden in der Skihauptschule Neustift einem Lehrer sexuelle Übergriffe in den 90ern vorgeworfen. Im März 2019 wurde dieser verurteilt. Ebenfalls im Dezember 2017 kamen die Pastern-Vorfälle am Schigymnasium Stams an die Öffentlichkeit. Maßnahmen: www.100%sport.at; www.bso.or.at/de/schwerpunkte/soziales-und-gesellschaftspolitik/praevention-sexualisierter-gewalt/