Letztes Update am So, 24.05.2015 08:21

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tennis: Vor 20 Jahren schrieb Thomas Muster Sportgeschichte



Wien/Paris (APA) - Die Tennis-Helden von heute kämpfen ab Pfingstsonntag im Stade Roland Garros um die French-Open-Trophäen 2015. Für einen ganz großen Kämpfer des rot-weiß-roten Sports jährt sich in diesen Tagen ein für ganz Österreich sporthistorisches Ereignis. Am 11. Juni ist der Triumph von Thomas Muster schon 20 Jahre her. Feiern wird Muster das freilich nicht, der Steirer hält sich derzeit in Australien auf.

Um 17.22 Uhr MESZ war es so weit an jenem 11. Juni 1995: Der Schiedsrichter verkündet „Spiel, Satz und Sieg, Muster“ und Thomas Muster ist das Husarenstück bei den French Open gelungen. Als erster und bis dato immer noch einziger Österreicher hat der Steirer ein Grand-Slam-Turnier in der Weltsportart Tennis im Einzel gewonnen.

Nach dem 7:5,6:2,6:4-Erfolg über den als Nummer sechs gesetzten Michael Chang war allen Beteiligten bewusst: Hier wurde österreichische Sportgeschichte geschrieben. Mit damals 27 Jahren feierte Muster im Stade Roland Garros seinen größten Sieg, es sollte bei am Ende 44 Turniertiteln sein einziger Major-Triumph bleiben. Muster kletterte am Montag danach auf Platz drei im Ranking.

Das Jahr 1995 blieb aber auch aus anderen Gründen ein herausragendes in der Karriere des Leibnitzers: Insgesamt zwölf ATP-Titel holte Muster in diesem Jahr und schuf damit die Grundlage für den nächsten Meilenstein für Österreichs Sport: am 12. Februar 1996 erklomm Muster, mitten in der auf Montag vertagten „Verlängerung“ des Davis Cups in Johannesburg, für insgesamt sechs Wochen sogar Platz eins im ATP-Ranking.

20 Jahre später muss man im Stade Roland Garros lange nach einer Spur von Thomas Muster suchen. Auf dem gesamten Areal gibt es im Gegensatz zu anderen Großturnieren keine „Palmares“, also eine in Stein gemeißelte ewige Siegerliste. Doch angrenzend an den Platz der Musketiere findet man auf der Spitze des Court 1, der von den Spielern liebevoll „Stierkampf-Arena“ genannt wird, auch Thomas Muster verewigt. Und das passt doch wieder.

Steinplatten auf dem offenen Dach umrunden den Court und endlich - auf der Rückseite des Stadions - steht es: „1995 T. Muster S. Graf“. Bis zum Jahr 2014 zieht sich der Kreis, nur noch sieben Platten sind frei, und geht es nach den Plänen der mittlerweile wegen Anrainerbeschwerden wieder stockenden großen Umbau-Stufe, dann soll dieser legendäre Court eigentlich abgerissen werden.

Muster wäre dies wohl egal. Und so bedeutet ihm auch dieses Jubiläum wenig. Der mittlerweile 47-jährige Steirer ist nicht einmal in Europa, sondern hält sich derzeit in Australien auf. Schon zehn Jahre danach blickte Muster äußerst abgeklärt auf sein Glanzstück zurück: „Die Dimension ist mir durchaus bewusst. Aber das Leben geht weiter und ich bin keiner, der in der Vergangenheit lebt. Und wenn schon nicht in der Gegenwart, dann eher in der Zukunft.“

Die Emotionen an jenem Tag vor fast 20 Jahren waren freilich ganz andere. Aufgrund seiner tollen Sandplatz-Siegesserie und in Erinnerung des verlorenen Halbfinales gegen Andres Gomez 1990 hatte sich Muster selbst den größten Druck gemacht. „Im ersten Moment war ich sprachlos. Kein Mensch kann sich vorstellen, was sich hier für ein Druck in einem aufstaut“, sagte Muster nach dem größten Triumph seiner Karriere und ließ sich tief in die Seele blicken: „Ich war wie eine Geisel, der Matchball wie die Befreiung. Es ist ein fantastisches Gefühl!“

Ein Gefühl, das er danach in Abgeschiedenheit im familiären Kreis und mit Fischen auskostete. Noch am gleichen Sonntagabend flog er nach Hause, von den heute üblichen Siegesposen mit der Trophäe am Tag darauf oder gar noch einer Pressekonferenz war keine Rede.

Heutzutage fast unvorstellbar, die Medien- und Vermarktungsmaschinerie ist 20 Jahre später um ein Vielfaches gestiegen. Auf der Suche nach Nachfolgern des „Musterminators“ innerhalb Österreichs sind einige Karrieren zerbrochen oder zumindest beeinträchtigt worden. Am nächsten kam dem Steirer 2010 Jürgen Melzer, als dieser erst im Halbfinale des zweiten Grand-Slam-Turniers des Jahres verlor. Und just am Vortag der diesjährigen Auflage gab ein aufstrebender Jungstar mit seinem ersten Turniersieg in Nizza ein weiteres großes Versprechen ab: Der erst 21-jährige Dominic Thiem.




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