Letztes Update am Mi, 03.06.2015 06:08

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Es gibt immer noch Geheimnisse“: Mysteryserie „Sense8“ auf Netflix



Berlin (APA) - Acht Fremde, die sich noch nie gesehen haben, sind plötzlich miteinander verbunden: Sie sehen durch die Augen des anderen, spüren dessen Gefühle, können auf dessen Fähigkeiten zurückgreifen. Kein Wunder, dass diese Konstellation dunkle Mächte auf den Plan ruft, wie es in der Netflix-Serie „Sense8“ der Fall ist. Ab Freitag ist das Werk der „Matrix“-Macher Andy und Lana Wachowski verfügbar.

Das Geschwisterpaar geht mit seiner ersten Serie die großen Themen an: Politik, Sexualität, Identität und Religion. „Und das machen sie nicht auf eine oberflächliche Art und Weise“, betonte Daryl Hannah im APA-Interview. Die US-Schauspielerin ist in dem Mysteryformat als Angel zu sehen, eine eher ätherische Figur, die zum Auftakt ein großes Opfer bringt und für die acht mental verbundenen Menschen eine Art Brückenfunktion übernimmt. „Ich bezeichne mich gerne als virtuelle Mutter der Gruppe“, lachte Hannah bei einem Pressetag in Berlin.

Was also haben ein Busfahrer aus Nairobi, eine DJane in London, ein Schauspieler in Mexiko-City, eine Apothekerin in Mumbai, eine politische Bloggerin in San Francisco, eine Finanzexpertin in Seoul, ein Polizist in Chicago und ein Verbrecher in Berlin gemeinsam? Sie sehen einander von einem Tag auf den anderen im Spiegel, hören die Stimmen der anderen oder fühlen, dass einer von ihnen irgendwo auf der Welt gerade Sex hat. Wieso das so ist, wird nur zaghaft ans Licht gebracht - stattdessen fokussieren sich die Wachowski-Geschwister zunächst mehr auf die emotionale Seite ihrer Charaktere.

Das hat nicht nur für die Zuseher Folgen. „Es gibt immer noch Geheimnisse, hinter die ich kommen muss“, lachte Hannah, die die erste Staffel vor wenigen Tagen komplett gesehen hat. „Üblicherweise wollen Leute Filme oder Serien in bestimmte Genres zwängen. Das funktioniert hier aber nicht. Es gibt Comedyelemente ebenso wie Action, Emotion und Drama, aber auch Fantastisches und Übernatürliches. Es ist beinahe wie ein neues, filmisches Paradigma.“ Und dennoch dürfe man am Ende mit Antworten rechnen, wie die 54-Jährige erklärte. „Die Wachowskis erzählen gerne Geschichten, die komplett sind. In diesem Sinne wird man hier schon befriedigt.“

Was aber nicht bedeutet, dass die Abenteuer der „Sensate“ genannten Figuren nach den zwölf Episoden abgeschlossen sind, wie auch der ausführende Produzent Grant Hill meinte. „Natürlich gibt es Potenzial, weiter zu erzählen. Aber zunächst müssen wir schauen, wie es den Leuten da draußen gefällt. Wir wollten sicher gehen, dass diese Staffel auch für sich alleine stehen kann.“ Wer bei den Wachowskis zudem in erster Linie an „Matrix“ und daher große Effektschlachten denkt, liegt bei „Sense8“ nur zum Teil richtig. Zwar habe man mehr als 1.200 Szenen mit visuellen Effekten gedreht, wie Hill im Gespräch mit der APA bilanzierte. „Aber das sind meist kleine Dinge, die nicht sofort ins Auge stechen. Wer mir auch nur 150 solcher Szenen zeigen kann, ist schon verdammt gut. Es ging uns darum, damit die Geschichte zu unterstützen, und nicht das ganze Augenmerk auf die Effekte zu legen. Wir wollten ein zusammenhängendes Ganzes schaffen.“

Das ist jedenfalls insofern gelungen, als „Sense8“ deutlich stärker als ein überlanger Film denn einzelne Episoden funktioniert. Immer tiefer wird der Zuschauer in die Leben und Schicksale der Figuren hineingezogen, muss sich zunächst aber in Geduld üben, werden die einzelnen Handlungsstränge doch nur sehr behutsam zusammengeführt. Auch Naveen Andrews, bekannt aus der Serie „Lost“, gibt als Jonas einen äußerst undurchsichtigen Typen, dem die Hauptcharaktere nach und nach begegnen. „Ob er gut oder böse ist, das weiß man nicht genau - wie es auch bei Angel der Fall ist“, gab sich Hannah zurückhaltend. „Und auch am Ende werden wir da nicht ganz sicher sein können.“

Für die Filmemacher war „Sense8“ jedenfalls auch eine logistische Herausforderung, wurde doch u.a. mit Unterstützung der Regisseure Tom Tykwer und James McTeigue vor Ort an den Originalschauplätzen gedreht. „Wir wussten aber, worauf wir uns da einlassen“, schmunzelte Hill. „Das war auch eine bewusste Entscheidung: Diese Städte sind ja nicht nur der Hintergrund, vor dem sich die Geschichte entwickelt. Sie tragen maßgeblich zur authentischen Atmosphäre der Serie bei, sie wurden selbst zu bestimmenden Charakteren. Das hat den Ton des Ganzen stark beeinflusst.“

(S E R V I C E - www.netflix.com)




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