Letztes Update am Di, 16.06.2015 10:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schlechte Bewertung von Österreichs Gesundheitsjournalismus



Wien/Krems (APA) - Eine aktuelle Einschätzung der Qualität der Gesundheitsberichterstattung durch Mitarbeiter des Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems stellt dem österreichischen Gesundheitsjournalismus ein schlechtes Zeugnis aus. Demnach sind fast 60 Prozent von 990 beurteilten Beiträgen in Print- und Online-Medien „stark verzerrt“.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die meisten Medien PR-Meldungen von kommerziellen Anbietern weitgehend ungeprüft übernehmen“, wurde Kerschner in einer Presseaussendung der Kremser Universität zitiert. „Zeitdruck, schrumpfende Redaktionen und wirtschaftliche Interessenskonflikte erschweren Medien zusätzlich die Bereitstellung korrekter Informationen für Ihre Leser.“ Schließlich würden Nahrungsergänzungsmittel, Medizinprodukte, alternative Heilmethoden und rezeptfrei erhältliche Arzneimittel auch wichtig für das Inseratengeschäft sein.

Die Untersuchung ist vor kurzem in der „Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität“ (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1865921715001087) erschienen. Bernd Kerschner und die Co-Autoren schrieben. „Wir bewerteten die Evidenzlage zu 219 gesundheitsrelevanten Fragestellungen, die in insgesamt 990 Beiträgen (aus dem Zeitraum zwischen Mai 2011 und Juni 2014; Anm.) in österreichischen Print- und Online-Medien behandelt worden waren.“ Insgesamt wurden Artikel aus 15 Medien zur Begutachtung herangezogen.

Diese Beurteilung wurde laut Kerschner von zwei bis drei Gutachtern (einer davon Kerschner; Anm) verblindet durchgeführt. Für die Kategorisierung verwendeten die Autoren eine siebenteilige Skala, die in Anlehnung das sogenannte GRADE-System zur Bewertung von wissenschaftlichen Studien von den Autoren adaptiert worden war. „Natürlich ist das eine subjektive Sache“, sagte Kerschner am Dienstag gegenüber der APA. Allerdings habe man sich sehr bemüht, bei der Untersuchung möglichst ausgewogen zu agieren.

Die Ergebnisse der Bewertung sind deutlich negativ. „59,5 Prozent dieser Medienbeiträge geben die Evidenz zu medizinischen Fragestellungen stark verzerrt (über- bzw. untertrieben) wieder, nur 10,8 Prozent berichten gemäß der tatsächlichen Evidenzlage“, schrieben die Autoren.

Einen statistisch signifikanten Unterschied, der allerdings nicht sehr groß erscheint, stellten Kerschner und die Co-Autoren zwischen Boulevardmedien („Kronen Zeitung“ sowie Online-Ausgaben von „Heute“ und „Österreich“ und Qualitätsmedien (Print- und Online-Ausgaben von „Salzburger Nachrichten“, „Die Presse“ und „Der Standard“) fest: „Mit 64,0 Prozent stark verzerrten Artikeln berichten Boulevard-Zeitungen signifikant verzerrter als Qualitätsmedien mit 52,4 Prozent stark verzerrten Artikeln.“ Alle anderen Medien lagen zwischen diesen Werten.

Ein möglicher Grund für diese Unterschiede, wie die Autoren schreiben: „Dies ist aber hauptsächlich auf die unterschiedliche Auswahl der berichteten Themen zurückzuführen, die Berichterstattung zu denselben Themen unterscheidet sich zwischen Boulevard- und Qualitätsmedien nicht signifikant.“

Die unterschiedlichen Werte für einzelne Themenkategorien sprechen dafür: „Demnach weichen Medienberichte aus Kategorie 1 (Zulassungspflichtige Medikamente bzw. Behandlung oder Testung nur durch Arzt oder Ärztin möglich) mit 41,1 Prozent stark verzerrten Artikeln am wenigsten häufig von der tatsächlichen Faktenlage ab. Signifikant häufiger verzerrt berichten Medien über Themen der Kategorie 2 (Nahrungsergänzungsmittel / nicht zulassungspflichtige Medikamente/Produkte + Behandlung, die nicht durch Arzt oder Ärztin durchgeführt werden muss). Hier sind 70,5 Prozent aller Medienberichte stark verzerrt (...). Am meisten übertrieben berichten Medien zu Themen der Kategorie 6 (Kosmetische und Abnehm-Interventionen), hier waren beinahe alle Artikel stark verzerrt (97,6 Prozent).“

Print- und Online-Gesundheitsjournalismus unterscheiden sich von einander offenbar wenig. Die Autoren schrieben: „Online- und Printmedien in unserer Stichprobe unterscheiden sich hinsichtlich des Ausmaßes an verzerrter Berichterstattung nicht signifikant.“ Auch Vergleiche zwischen den Online- und den Print-Ausgaben der einzelnen Medien waren hier ähnlich.




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