Letztes Update am Sa, 27.06.2015 08:41

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Séance der Erinnerung: Anna Polonis „La Pasada“ am Thalhof Reichenau



Reichenau/Rax (APA) - Alles neu am Thalhof in Reichenau (NÖ)? Ja und nein. Das traditionsreiche ehemalige Hotel hat nach Eigentümerwechsel und baulicher Sanierung auch einen Kurswechsel als Sommertheaterspielort erfahren. Am Freitagabend ist mit „La Pasada - Die Überfahrt“ von Anna Poloni die zweite Produktion unter der Intendanz von Anna Maria Krassnigg im Ballsaal präsentiert worden.

Ein afrikanischer Mann namens Cal (David Wurawa) bahrt eine dunkelgesichtige Mädchenleiche auf und arrangiert eine opulente Tafel, zu der sich Dolores Barrachina (Doina Weber) gesellt. Sie weiß nicht recht, warum sie überhaupt eingeladen ist. Auf einem Bildschirm werden Filmpassagen eingespielt, die immer wieder zu Standbildern erstarren: Gespräche und Szenen aus dem Leben der Flora Stern, einem „Mädchen von 86 Jahren“ (Erni Mangold). Bald geht es um die Aufarbeitung einer komplizierten Familiengeschichte. War Flora die Geliebte von Dolores‘ Vater? Wer ist der junge Ariel (Flavio Schily), der bei Flora Schutz sucht? Und was verbindet den leicht stotternden Anton mit Ari Barrachina (Martin Schwanda)?

Viele Rätsel öffnen sich im Laufe von neunzig Minuten. Cal agiert wie ein Gruppentherapeut, doch auch er ist involviert, und sei es nur, indem er als Kameramann fungiert. Kaleidoskopartig changieren Vermutungen und Emotionen in dieser Seance der Erinnerungen. „Schlafen. Vielleicht auch träumen“ zitiert Cal Hamlet. Dolores erkennt den Satz nicht, Flora wird ihn später am Screen wiederholen. Und Ariel fragt seine vermeintliche Großmutter, was sie von ihm wolle. Die Antwort: „Dass Du hier bist. Wirklich.“

Übergänge dienen als dialektisches Grundmotiv - zwischen Bühne und Film, Europa und Afrika, Land und Meer, Leben und Tod. Dass im Finale das Publikum direkt angesprochen wird, kommt etwas plump („Sie hängen mit drin. Merken Sie sich das!“). Doch eine große Überraschung hat Cal noch bereit. Und die letzten Sätze verdeutlichen die Botschaft: „Leben! Statt tot sein im Leben! Das muss man ja wollen. Nicht? Nicht?“ Eine rhetorische Frage zum Abschluss, als hätte Thomas Bernhard sie gesprächsweise gestellt.

Man mag der Schnitzlertradition im alten Thalhof nachtrauern, man mag dem irisierenden Stück Polonis Schwächen vorwerfen - dass im längst Richtung Komödienstadel abdriftenden niederösterreichischen Theaterfest endlich auch Zeitgenössisches auf die Bühne gelangt, ist Krassniggs nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst. Immerhin war auch Schnitzler zu seinen Thalhof-Zeiten ein zeitgenössischer Autor. Wie denn also würde man dem Genius loci gerechter als in der Fortsetzung von Zeitgenossenschaft. Schade, dass das Stück am Thalhof nur drei Aufführungen erfährt.

(S E R V I C E - Thalhof Reichenau: Anna Poloni, La Pasada - Die Überfahrt. Regie: Anna Maria Krassnigg. Mit Doina Weber, Erni Mangold, David Wurawa, Martin Schwanda, Gioia Osthoff, Flavio Schily, Peter Mair. Weitere Termine am 27. und 28. Juni sowie von 17. bis 28. November im Metro Kinokulturhaus Wien. Tickets: Tel. 0664/9112118, Info: www.thalhof-reichenau.at)




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